Unter den zahlreichen Traditionsveranstaltungen, die dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie in der Bayerischen Puppenstadt leider ausfallen müssen, werden die Neustadter besonders das Neustadter Kinderfest vermissen, ein Fest, das generationsübergreifend alle Neustadter verbindet und auf das Jahr 1617 zurückgeht. Traurig werden auch viele Neustadter "in aller Welt" sein, weil sie den "Neustadter Nationalfeiertag" meist zu einem Heimatbesuch nutzten und diesen nun auf das nächste Jahr verschieben müssen.

Das Neustadter Kinderfest, ursprünglich "Schul- oder Gregoriusfest", ist erstmals im Neustadter Kirchenbuch mit folgender Notiz urkundlich nachgewiesen: "Zu bemerken ist, dass der edle Johann Kaspar von Witzleben, unserer Neustadter Schule Schüler, am Gregoriusfest, dem 9. April 1617, den Bischof machte!" Somit darf sich das Neustadter Kinderfest zu den ältesten Kinderfesten Deutschlands zählen. Es hat sich über den Dreißigjährigen Krieg, den sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts und die beiden Weltkriege hinweg erhalten. Noch heute ist es im Bewusstsein der Neustadter fest verwurzelt und gilt als das "herausragendste Fest" im Veranstaltungsreigen der Stadt.

Das Fest im Wandel der Zeit

Freilich hat es im Laufe der Jahrhunderte manche Wandlung durchgemacht und die eine oder andere Veränderung gegeben. Die "Gegenzüge" während des Festumzuges auf dem Marktplatz gibt es schon lange nicht mehr. Aus den strammen Freiübungen mit den "Vorturnern" sind sportliche Wettkämpfe und moderne Tanzvorführungen geworden. Die traditionelle "Schulpredigt" an der Glockenbergschule, die jeweils vom Rektor der für das Kinderfest verantwortlichen Schule am Ende des Kinderfesttages gehalten wurde, ist schon längst entfallen - was eigentlich sehr schade ist.

Doch nach wie vor ist beispielhaft, dass es einmal im Jahr die Schuljugend sowie die Lehrer aller Schulgattungen und die Neustadter Bevölkerung zum gemeinsamen Feiern vereinigt. Schon seit einigen Jahrzehnten bildet das Neustadter Kinderfest mit dem Marktfest am darauffolgenden Sonntag ein festliches Wochenende. Hinzu gekommen ist seit gut zehn Jahren auch die "Neifeier" am Freitagabend vor dem Kinderfest.

In diesem Jahr allerdings werden die Neustadter am Kinderfesttag (11. Juli) auf Gewohntes und Vertrautes verzichten müssen. Auf den "Weckruf" der Stadtkapelle und des Jugendorchesters am Samstagmorgen, der normalerweise den Festtag einläutete, werden die Neustadter vergeblich warten. Die mit Girlanden, Luftballons und bunten Fähnchen geschmückten Fenster, Häuser und Straßen wird es wohl nicht geben - oder vielleicht doch? Es gibt keinen farbenprächtigen Festumzug mit 1600 Schulkindern, Musikkapellen, und originell ausgestalteten Festwagen. Alles ist anders! Und natürlich werden auf dem Schützenplatz die "Freiübungen", die Wettkämpfe zwischen den Schulen sowie die beschwingten und farbenprächtigen Tanzvorführungen nicht stattfinden.

Jeder tanzte mal den "Rutscher"

Und auch der gute alte "Rutscher", getanzt von den jüngsten Schülerinnen und Schülern, wird zum Leidwesen aller Neustadter nicht aufgeführt werden können. Zumindest wird vielen Neustadtern aber die vertraute Melodie davon ein wenig in den Ohren klingen. Und dann werden alle daran denken, wie sie selbst einst als kleines Schulkind das Kinderfest erlebt und den "Rutscher" getanzt haben.

Der Kletterbaum wird auch nicht aufgestellt. Generationen von Jungen und Mädchen kletterten da schon hinauf, umsäumt und angefeuert von vielen Schaulustigen. Angetrieben wurden die "Klettermaxen" von Spielzeug wie zum Beispiel Federball, Tischtennisschläger, Bällen oder Süßigkeiten, die mit Wollfäden an einem breiten Rad aufgehängt waren, das an der Baumspitze befestigt war. So manch einen verließen die Kräfte, kurz bevor die Hand das begehrte Geschenk erreichen und herunterziehen konnte.

Hoffentlich aber müssen die Schulkinder nicht auf ihre Bratwurstgutscheine verzichten. Sie, die unter dem Coronavirus sowieso genug zu leiden hatten, sollten wenigstens mit diesem alten Brauch, seit 1976 finanziert aus der damals errichteten Kinderfeststiftung, an das Kinderfest erinnert werden - erinnert werden daran, dass es schon schlechte Zeiten gab, in der eine Bratwurst noch etwas Besonderes war. Diese schöne und lange Tradition sollte erhalten bleiben, wenn auch der materielle Wert nicht mehr der gleiche ist wie früher.

Den Schülern sollte aber alljährlich vermittelt werden, weshalb die Bratwurstgutscheine (seit vielen Jahren gibt es ja auch Limo- und Eisgutscheine) von der Kinderfeststiftung ausgereicht werden.

Sicherlich wird der diesjährige Kinderfesttag völlig anders sein, eine "gewisse Leere" wird herrschen. Aber trotzdem sollten die Neustadter diesen Tag nutzen, um wenigstens mit der Familie und besonders mit den Kindern im eigenen Garten oder zusammen mit Freunden in einem der Biergärten das Kinderfest zu begehen und über das Neustadter Kinderfest zu sinnieren.

Da wird wohl ein jeder eine persönliche Geschichte über das "schönste und größte Neustadter Fest" zu erzählen haben. Es versteht sich von selbst, dass dazu auch die gute Neustadter Bratwurst, über "Kühla" und Buchenholz gebraten, gehört. Denn eben dann, wenn sich in der ganzen Stadt der gute "Neustadter Bratwurstduft" verbreitet, weiß man, dass Kinderfest ist!