Der Zirkus ist tot. Zumindest fast. Monatelanger Lockdown in der Corona-Krise, Tierschutzverbände, die wirkungsvoll die Wildtierdressuren bekämpfen, veraltete Shows. Selbst die größten Unternehmen wie Krone, Roncalli, Althoff, Busch oder Sarrasani, die ihr Programm auf Artistik, Clownerie und Zaubernummern umgestellt haben, kämpfen ums Überleben.

Die Glanzzeit des Wanderzirkus' war von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg. Das kleine Kulmbach war besonders zirkusbegeistert. Alle Großen haben hier gastiert, die berühmten Seiltänzerfamilien Knie und Stey sogar mehrfach in jenen Jahren.

Ein Zirkus ragt heraus. Sein Programm ist einmalig, da er statt der sonst gewohnten Attraktionen einen brandaktuellen Krieg in die Manege bringt.

Blutiges Kriegsspektakel

Am 3. Juli 1901 reist der jüdische Zirkus Lorch mit einem Sonderzug aus Erlangen an, um für vier Tage sein Zelt aufzubauen. Zum Tross der beiden Zirkusdirektoren Louis und Adolph Lorch, einem Brüderpaar, gehören 120 Mitwirkende und drei Dutzend Pferde. Schon Wochen vorher wurde eine großangelegte Werbeoffensive gestartet: Tägliche Inserate in den beiden Zeitungen "Kulmbacher Tagblatt" und "Kulmbacher Nachrichten" verkünden die "Größte Sensation der Gegenwart". Die Innenstadt ist mit Plakaten dekoriert, in Farbe, damals eine Rarität.

Mit 2000 Zuschauern ist die Eröffnungsvorstellung restlos ausverkauft. Durch die ausführlichen Berichte in den Zeitungen lässt sich der Ablauf der Show genau rekonstruieren. Zunächst das Vorprogramm mit klassischen Pferdenummern: Freiheitsdressur, hohe Schule, wilde Jockey-Stunts. Dazwischen Clown-Einlagen in einem ulkigen Kauderwelsch. Die Lorch-Family ist kosmopolitisch und polyglott wie keine. Fünf Sprachen spricht und versteht jeder.

Kulmbacher erschüttert

Dann folgt die Hauptattraktion: der Kolonialfeldzug der Engländer gegen die Buren in Südafrika (Provinz Transvaal und Oranje-Freistaat), schonungslos vorgeführt in sieben Szenen. Der Krieg ist seit 1899 voll im Gange. Die Briten wollen die Bodenschätze - Gold und Diamanten - ausbeuten und die Kapkolonie dem Empire einverleiben. Mit einer Übermacht von 400 000 kampferprobten Soldaten gehen sie gegen die überwiegend aus Holland stammenden Buren vor, die nur über eine schwache Miliz verfügen.

Der Zirkus schreckt vor drastischen Szenen nicht zurück. Er zeigt, wie General Lord Kitchener auf die Sabotageakte der Buren mit brutaler Härte reagiert: die Farmen werden niedergebrannt, die Felder verwüstet, die Ernten vernichtet, das Vieh wird erschossen.

Frauen und Kinder werden zusammengetrieben und in "Concentration Camps" interniert. Die Szenen werden eindrucksvoll choreografiert: atemberaubende Kavallerie-Gefechte, Kampf Mann gegen Mann auf dem Pferderücken, Brandfackeln, die in Gehöfte geworfen werden, Zivilisten, die von Berittenen abgeschleppt werden, ein verwundeter Burengeneral, der auf seinem Pferd verblutet. Viele Zuschauer verlassen geschockt die Vorstellung, wie die Kulmbacher Zeitungen berichten.

Zirkus gerät in Konkurs

Welche Folgen das Buren-Solidarität für den Zirkus gehabt hat, erfährt man aus einem Buch, das eben erschienen ist. Der Geschichtsforscher Wolfgang Roth aus Eschollbrücken in Südhessen, der Heimatstadt der Zirkusfamilie, zeigt darin, wie die Show die Geister spaltet: Während der reaktionäre, antisemitische Alldeutsche Verband applaudiert, kritisiert der "Volksfreund", die Zeitung der Sozialdemokratie, die Einseitigkeit. Die Buren verdienten keineswegs die Sympathie der Arbeiterbewegung. Sie seien die südafrikanische Ausbeuterklasse: "Auf jeden Buren entfallen durchschnittlich zehn schwarze Sklaven oder ,Diener'." Bei Roth liest man, dass der Zirkus 1902 bei einem Gastspiel in der Schweiz zu einer Änderung des Programms gezwungen wurde.

Der Autor vermutet, dass die Burenkriegs-Nummer, so erfolgreich sie über Jahre ist, auch den Clan selbst auseinandertreibt: 1904 steigt Louis Lorch mit seiner Familie aus der Gemeinschaft aus, gründet die "Ikariertruppe" und geht mit ihr in Amerika auf Tournee. Sein Bruder Adolph allein ist finanziell überfordert, schon ein Jahr später muss er Konkurs anmelden. 1927 zwar versuchen die Kinder von Louis Lorch eine Wiederbelebung des Zirkus, doch mit dem Erstarken der Nazis wird dem eine Ende bereitet: Durch die Juden-Hetze läuft ein Teil der Artisten davon, die Vorstellungen müssen abgesagt werden.

"Stolpersteine" gesetzt

1940 werden die meisten Mitglieder der Familie Lorch verhaftet und nach Auschwitz deportiert. In dem Buch sind die "Stolpersteine" abgebildet, die man die letzten Jahren vor ihren Wohnungen in Eschollbrücken gesetzt hat. Wolfgang Roth hat für seine "Spurensuche zu einem jüdischen Zirkus-Unternehmen" viele Mosaiksteine - zeitgenössische Quellen, Inserate, Tourneeprogramme, Zeitungsberichte, Bilder - zusammengetragen. Entstanden ist das Porträt eines außergewöhnlichen Zirkus.