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Ein bisschen Normalität


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Herzogenaurach, Dienstag, 12. Mai 2020

Im Mai 1945 kehrte ein wenig Leben auch zurück nach Herzogenaurach. Es gab kleine Geschenke für Kinder, die ersten Messen und Prozessionen durften abgehalten werden und ein erster sechsköpfiger Stadtrat formierte sich.
In der ehemaligen Molkerei Ruhmann konnten sich Kinder ein Päckchen Puddingpulver abholen.  Foto: maw


Ein Hauch von Alltag kehrte in Herzogenaurach ein, als das Fest Christi Himmelfahrt 1945 wieder gefeiert werden konnte. Außerdem durften am 18. Mai in der Aurachstadt die weißen Fahnen eingeholt werden.

Am 10. Mai 1945 wurde nach Jahren des atheistischen Dritten Reiches das Fest Christi Himmelfahrt wieder kirchlich gefeiert. Zwar war kein "Herrentag" wie in den Jahren vor dem Krieg möglich, aber zumindest kehrte Feiertagsruhe in der Aurachstadt ein.

Zahlreiche amerikanische Truppen verließen am 11. Mai 1945 die Stadt. Wie die Herzogenauracher durch Mundpropaganda erfuhren, sollte sie ihr Weg nach Japan führen. Am gleichen Tag ordnete Major Rylands auch eine Kürzung der Ausgangssperre von 21 bis 6 Uhr an. Dadurch konnten sich die Bewohner zwei Stunden länger außerhalb ihrer Anwesen bewegen. Bürgermeister Adam Hubmann ließ ebenfalls am 11. Mai verkünden, dass in der Molkerei Ruhmann, Hintere Gasse 45, für Kinder bis zu drei Jahren ein Päckchen Puddingpulver und für Kinder bis zu einem Jahr ein Pfund Mehl bei der Bäckerei Römmelt abgeholt werden könne.

Am 11. Mai 1945 richtete Stadtpfarrer Leonhard Ritter außerdem eine Eingabe an den Bürgermeister der Stadt Herzogenaurach, dass der "Bürgermeister sowie die Stadtverwaltung den vor 1933 üblichen Ehrendienst bei den Prozessionen an den Donnerstagen, sowie an Fronleichnam etc. wieder übernehmen wolle. Der Ratsherrenstuhl ist für die Herren wieder reserviert."

Wie eine Herzogenauracherin niederschrieb, fanden am Sonntag, 13. Mai 1945, in England und Amerika Siegesfeiern in kirchlichem Rahmen statt. Die Volksseele kochte hoch, als das Gerücht bekannt wurde, dass farbige Soldaten Frauen in den Wäldern überfallen haben sollen. Auch eine 72 Jahre alte Frau soll beim Holzsuchen im Wald von zwei Farbigen belästigt worden sein.

Erst über vier Wochen nach Einnahme der Stadt durch die Amerikaner, am 18. Mai 1945, konnten die weißen Fahnen eingeholt werden, die bis dahin das Straßenbild bestimmt hatten. Bereits frühzeitig machten sich Engpässe bei der Nahrungsmittelversorgung bemerkbar. Das Amt für Ernährung und Landwirtschaft in Bayern kündigte am 22. Mai wegen der angespannten Versorgungslage eine Kürzung der Nahrungsmittelration an.

Am 24. Mai wurde mit der Glocke ausgeschellt, dass sich in der kommenden Woche alle Einwohner vom zwölften Lebensjahr an in der Stadtverwaltung zu melden hätten. Jeder würde dann einen Ausweis mit einem Fingerabdruck bekommen.

Zur kommunalen Selbstverwaltung war die Bildung eines neuen Stadtrates in Herzogenaurach nötig. Am 24. Mai 1945 wurde aus der Aurachstadt bei Landrat Dr. Fröhlich angefragt, wie viele Ratsmitglieder zu diesem Zweck bestimmt werden dürften. Am 28. Mai 1945 genehmigte die Militärregierung Bürgermeister Adam Hubmann durch Landrat Dr. Fröhlich die Bildung eines Stadtrates in Herzogenaurach. Die BVP sollte drei Sitze, die SPD zwei Sitze und die Kommunisten einen Sitz erhalten. "Es muss sich selbstverständlich um politisch und persönlich einwandfreie Leute handeln", wurde in den Ratsprotokollen vermerkt.

Für den 29. Mai 1945 lud Bürgermeister Adam Hubmann die für ein Stadtratsmandat in Frage kommenden Bürger in den Sitzungssaal des Rathauses ein. Dabei handelte es sich um Landwirt und Gastwirt Christian Glass, Zimmermann Mathias Sieber, Steinmetzmeister Hans Gast, Sattler Georg Herrmann, Angestellter Hans Maier und Wasserwart Konrad Gumbrecht. Christian Glass gab jedoch an, dass er als Ortsbauernführer und Vorstand der Milchlieferungsgenossenschaft genug Verpflichtungen hätte und daher nicht für dieses Amt infrage käme. Als Ersatz schlug er daher den Kaufmann Georg Kummert vor.

Am 26. Mai 1945 wurde die Abgabe ehemaliger Baracken des Fliegerhorstes beschlossen. Zwei davon gingen an die Stadt Herzogenaurach, weitere vier wurden für 230 bis 330 Reichsmark an Privatleute veräußert. Genau festgelegt war auch die Ausgabe der Lebensmittelkarten. Die Herzogenauracher konnten am 29. Mai 1945 vormittags von 8 bis 11 Uhr für die Bezirke I, II und II und nachmittags von 14 bis 17 Uhr für die Bezirke IV, V und VI die Lebensmittelkarten im Rathaus abholen.

Wegen des Rückgangs der Quellschüttung wurden Wassereinschränkungen angeordnet. Aus diesem Grund wurde das Gießen der Gärten mit dem Gartenschlauch, sowie das Sprengen der Straßen und Plätze verboten.