Man kann diese Worte nur schwer glauben. Schätzungen gingen davon aus, dass in Deutschland pro Schulklasse ein bis zwei Schülerinnen und Schüler "sexueller Gewalt ausgesetzt sind oder waren". So schreibt es der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindermissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, in seinem jüngsten Bericht.

Am 26. Mai dieses Jahres stellte er die Zahlen kindlicher Gewaltopfer im Rahmen der Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) vor. Und er sagte wörtlich: "Hier ist ein Kipppunkt erreicht - wir müssen verhindern, dass das System kollabiert."

Das Phänomen Kindesmissbrauch ist größer, als das die breite Öffentlichkeit weiß - oder sich vorstellen mag. Selbst wenn durch vielbeachtete Strafprozesse einzelne Täter und ihre Taten an die Öffentlichkeit kommen. Und die Zahl der Taten wächst. Besonders stark im Bereich der Kinderpornografie. Im Jahr 2020 stieg die Zahl der Fälle hier um 53 Prozent auf mehr als 14 500. Auch Corona und Lockdown haben offenbar zu dem Zuwachs geführt.

Sind also Kindesmissbrauch und der Konsum von Kinderpornografie ein viel, viel weiter verbreitetes Phänomen, als das bekannt wäre? Unsere Zeitung hat darüber mit Dr. Gunda Rohbeck von der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule Coburg gesprochen.

Frage:

Frau Rohbeck, eine der Erkenntnisse aus der PKS ist folgende: "Gemeinsam ist den Tätern und Täterinnen der Wunsch, Macht auszuüben und durch die Tat das Gefühl von Überlegenheit zu erleben. Bei einigen Tätern und wenigen Täterinnen kommt eine sexuelle Fixierung auf Kinder hinzu (Pädosexualität)." Heißt das: Der Großteil der Täter und Täterinnen hat ein "normales" Sexualverhalten, begeht die Tat aber aus "Spaß" oder aus "Gelegenheit"?

Dr. Gunda Rohbeck: Es gibt trotz verschiedener Untersuchungen noch kein einheitliches Bild darüber, was Menschen zu Tätern oder Täterinnen macht. Bekannt ist aber, dass es nicht primär um Sexualität, sondern um Machtausübung bzw. Gewalt geht. Deshalb wird heutzutage in Fachkreisen der Begriff "sexualisierte Gewalt" benutzt. Der Begriff "sexueller Missbrauch" ist aber noch im Strafrecht gebräuchlich. Die meisten Täter und Täterinnen haben durchaus auch "normale" sexuelle Kontakte mit Erwachsenen. Zum Verständnis sollte berücksichtigt werden, dass Täter und Täterinnen langsam vorgehen, die Kinder gezielt aussuchen und sogar "testen", ob sie geeignet sind. Aus "normalen" Berührungen werden z.B. übergriffige Berührungen und allmählich weitere sexuelle Handlungen. Da das alles schleichend geschieht, ist das Ganze für Kinder schwer einzuordnen. Es handelt sich also keinesfalls um einen sogenannten "Triebdurchbruch" eines Mannes, der nach sofortiger sexueller Befriedigung verlangt.

Welche Faktoren können Auslöser oder Begünstiger für Missbrauch sein?

Neuere Erklärungsmodelle zur sexualisierten Gewalt gehen von einem Zusammenspiel von Risiko- und Schutzfaktoren auf verschiedenen Ebenen aus, die aber auch noch nicht alle umfassend durch Studien belegt sind.

Da sind Einflüsse auf der Ebene des Kindes, zum Beispiel sind häufiger betroffen Mädchen, Kinder im Grundschulalter und Kinder mit Behinderungen. Auch wenn ein Kind niemals verantwortlich für die Taten ist. Einflüsse auf der Ebene der Familie sind möglich, etwa Probleme innerhalb der Familie oder zwischen den Eltern, die dazu führen, dass Kinder nicht die Zuwendung und Beachtung bekommen, die sie benötigen. Oder Einflüsse des gesellschaftlichen und kulturellen Kontextes: Differenzierte Untersuchung fehlen auch hier noch, aber in der Fachwelt werden als Risikofaktoren z.B. genannt: Nicht ausreichende Kinderrechte, autoritäre patriarchale Strukturen, repressive sexuelle Normen und gleichzeitige Unterdrückung kindlicher Sexualität, Sexualisierung von Kindern in der Werbung, die mittlerweile leichte Zugänglichkeit zu Kinderpornografie durch die sozialen Medien, die die Hemmschwelle herabzusetzen scheint. Das Risiko scheint auch dadurch erhöht zu sein, wenn Taten strafrechtlich zu schwach sanktioniert werden.

"Auch Europol warnt vor einer starken Zunahme der sexuellen Ausbeutung von Kindern online während der Covid-19-Pandemie. Im ersten Lockdown in Europa ist der Konsum von Missbrauchsabbildungen um rund 30 Prozent gestiegen." Wenn sich jetzt alleine online durch die Pandemie diese Art der Ausnutzung sozusagen "Bahn gebrochen" hat - kann man dann Rückschlüsse darauf ziehen, wie viele Menschen möglicherweise Fantasien hegen, die mit sexuellen Kontakten zu Kindern zu tun haben? Ist das quasi eine Art von "allgegenwärtigem Gedankengut", das jetzt durch Online-Verfügbarkeit, erhöhten Fahndungsdruck und eben Faktoren wie eine Pandemie zum Vorschein kommt?

Es wird vermutet, dass sexualisierte Gewalt schon immer eine Rolle gespielt hat. So ist belegt, dass zum Beispiel Sigmund Freud schon darauf aufmerksam geworden ist. Aber das Thema "Sexualität" war lange Zeit ein gesellschaftliches Tabuthema. Unter dem Druck der damaligen Fachöffentlichkeit und der Gesellschaft hat er seine Erkenntnisse nicht weiter publiziert und sie in den "Ödipuskomplex" umgewandelt. Auch war es lange ein Tabu, über Interna einer Familie reden. Familie galt als etwas "Perfektes", in der es Kindern prinzipiell gut geht. Erst durch die mediale Öffentlichkeit kommt das Thema immer mehr ins Bewusstsein. Durch die erhöhte Sensibilität für das Thema, werden auch mehr Taten wahrgenommen. Rückschlüsse aus die Anzahl lassen sich daraus meines Erachtens nicht ziehen. Ich würde auch nicht von einem "allgegenwärtigen Gedankengut" sprechen.

Viele Eltern geben ihr Kind in eine Betreuung. Wie kann ich erkennen, ob mein Kind sich tatsächlich auffällig verhält.

Das Erkennen ist ein großes Problem. Es gibt kaum äußere Anzeichen, wie zum Beispiel beim Schlagen eines Kindes. Kinder werden von dem Täter, der Täterin unter Geheimhaltungsdruck gesetzt und wagen nicht, etwas zu erzählen. Aufmerksamkeit ist geboten, wenn Kinder z.B. sexualisiertes Verhalten zeigen (aber auch hier sollte daran gedacht werden, dass Kinder vielleicht frei zugängliche pornografische Inhalte konsumiert haben, die sie auf diese Weise für sich "verarbeiten". Weiter ist Aufmerksamkeit geboten, wenn Kinder ihr Verhalten plötzlich verändern, sich zum Beispiel zurückziehen von Kontakten, in der Schule nachlassen, aber auch wenn das Gegenteil der Fall ist, das heißt, Leistungssteigerungen vorhanden sind (dienen der Kompensation der durch die sexualisierte Gewalt erlebten Wertlosigkeit). Aber: Plötzliche Verhaltensveränderungen können auch andere Ursachen haben, zum Beispiel Belastungen des Kindes durch Trennungs-/Scheidungsauseinandersetzungen der Eltern, Tod eines nahestehenden Menschen, Vernachlässigung oder Misshandlung, um nur einige andere Ursachen zu nennen.

Wie kann ich vermeiden, dass ich mir solche Sorgen mache, dass ich automatisch jeden unter Generalverdacht stelle?

In Bezug auf Ihre Kinder: Bauen sie eine gute vertrauensvolle Beziehung zu Ihrem Kind auf, in der das Kind Ihnen alles erzählen kann, was es belastet/beschäftigt ohne Angst vor Beschämung oder Strafe. Kinder, die selbstbewusst sind, die "Nein" sagen dürfen und sich nicht alles gefallen lassen müssen (zum Beispiel das Küsschen oder das Anfassen von andern), werden nicht so leicht von Tätern und Täterinnen ausgesucht. Außerdem ist es wichtig, dass Sie Ihre Kinder altersgemäß über Sexualität aufklären und auch die tatsächlichen Begriffe benutzen, da Täter und Täterinnen ihre Taten den Kindern gegenüber als Spiel oder Pflegetätigkeit tarnen und die Kinder deshalb Begriffe wie "Spiel" benutzen, bei denen niemand Verdacht schöpft. In Bezug auf Institutionen: Mittlerweile gibt es eine gesetzliche Pflicht, dass Institutionen Schutzkonzepte entwickeln müssen. Das sollte idealerweise nicht nur im Kreis der dort Beschäftigen geschehen, sondern auch den Kindern/Jugendlichen und den Eltern bekannt sein. Aber: Eine absolute Sicherheit gibt es nicht, weder bei selbstbewussten Kinder, noch bei sehr guten Schutzkonzepten in Einrichtungen. Es gibt leider immer Täter oder Täterinnen, die ihre Machtposition gegenüber einem Kind ausnutzen und nach passenden Gelegenheiten suchen.

Das Interview führte unser

Redaktionsmitglied Fajsz Deáky