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Ebrachs Geschichte ist der Knast


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Ebrach, Dienstag, 17. April 2018

Seit 60 Jahren wird das einstige Kloster als Jugendstrafanstalt genutzt, Archivarin Barbara Gülta hat etliches erlebt.
Ebrachs Gemeindearchivarin Barbara Gülta blättert in einem Ebrach-Buch, im Hintergrund das Gefängnis. Foto: Anette Schreiber


Anette Schreiber

Zum Thema Gefängnis und Jubiläum hat Ebrachs Gemeinde-Archivarin Barbara Gülta einiges zu sagen und erlebt. Denn seit 60 Jahren betreibt der Staat hier eine Strafanstalt für junge Männer. Eben deswegen war vor annähernd 50 Jahren in Ebrach der Teufel los, mit einem mittlerweile schon legendären Knast-Camp. Prominenz der APO-Szene war in den Steigerwald-Ort gekommen. Damals freilich war Barbara Gülta gerade mal vier Jahre alt.
Wie sie schildert, konnte sie seinerzeit beileibe nicht einordnen, was sich da um sie herum tat. Sie fand es auf jeden Fall "spannend und aufregend, all die Männer mit den langen Haaren, die wie eine Prozession um das Gefängnis zogen und dann auch noch Bilder auf die Straße malten". Heute, fast 60 Jahre später, kann sie dieses persönlich miterlebte Stück Zeitgeschichte gut bei ihren Führungen einbauen und Exponate im Museum der Geschichte Ebrachs, für das sie gleichfalls tätig ist, zuordnen.
Ebrach und das Kloster sind ebenso miteinander verbunden wie die Ebracherin selbst mit beidem. Bekanntlich ging die heutige Justizvollzugsanstalt (JVA) aus dem ehemaligen, Anfang des zwölften Jahrhunderts gegründeten Zisterzienserkloster hervor, nachdem dieses im Jahr 1803 verweltlicht worden war. Das einstige Kloster war in der Folge Zwangsarbeitsanstalt, Zuchthaus, Vorbestraftenantalt und Erstbestraftenanstalt, bevor es zur Jugendstrafanstalt wurde.
Mit der weltlichen Nutzung der Anlage ging die Entstehung der politischen Gemeinde einher: Die im Vollzug tätigen Beamten bildeten die Bevölkerung des Ortes. Und deren Katholiken gingen in die einstige Klosterkirche. Barbara Gültas Familie wiederum stellte viele Generationen lang die Mesner. Gültas Vater arbeitete selbst als Vollzugsbeamter im Gefängnis. Wenn Barbara Gülta behauptet, Ebrach und das Gefängnis gehören zusammen, hat das entsprechende Bedeutung.
Die Vollzugsbeamten, früher grün, heute blau gekleidet, sind vertrauter Bestandteil des Ortsbildes. Die Ausbildungsbetriebe der JVA - wie unter anderem Kfz-Werkstatt oder Gärtnerei - werden von den Einheimischen ganz selbstverständlich genutzt. Gefangene in weißer oder blauer Anstaltskleidung sieht man bei der Grünanlagenpflege oder in der Landwirtschaft am Ort.
Seit dem 1. April 1958 gibt es in Bayern einen eigenen Jugendvollzug, zuvor wurden jugendlichen Straftäter wie Erwachsene behandelt. "Seit 1958 ist Ebrach Jugendstrafanstalt", erklärt Gerhard Weigand, der hier von 2002 bis 2004 stellvertretender Anstaltsleiter war und die Vollzugseinrichtung seit dem Jahr 2010 leitet. Weigand ist 57 Jahre alt und stammt aus dem etwa zwölf Kilometer entfernten unterfränkischen Gerolzhofen. Als Kind besuchte er seine Ebracher Schulkameraden, nahm das Gefängnis aber nie als solches wahr. Wohl weil es für die Kumpels etwas ganz Normales und deshalb wohl nicht mehr Erwähnenswertes war.


Größte Anstalt

Dabei ist die Ebracher JVA schon etwas Besonderes, erklärt Weigand: Sie ist die größte von drei bayerischen Jugendjustizvollzugsanstalten und für die älteren Gefangenen, also diejenigen im Alter von 17 bis 24 Jahren, und vor allem mit hohen Jugendstrafen zuständig. Die JVA Laufen-Lebenau, in Oberbayern an der Grenze zu Österreich gelegen, hat die 14- und 15-jährigen Gefangenen, Neuburg-Herlenwörth die 16- bis 17-Jährigen.
Haftplätze, so Weigand, gibt es maximal 312. Um sie kümmern sich in den verschiedensten Berufsfeldern 230 Bedienstete in Voll- und Teilzeit. "Ohne Nutzung und Pflege durch die Justiz", so erwähnt Weigand am Rande, wäre die Anstalt vermutlich schon lange verfallen.
So wurde nicht nur denkmalgeschützte Substanz gepflegt, die JVA Ebrach wurde in Anpassung an ihre Aufgaben mehrfach erweitert und modernisiert - Hackschnitzelheizung oder Sporthalle sind neben verschiedenen Ausbildungsbetrieben nur zwei Aspekte. Im Jugendvollzug, so Weigand, spielt Bildung und Ausbildung eine zentrale Rolle. Generell sind Gefangene zu Arbeit verpflichtet. Bei den Jugendlichen steht dabei jedoch der Erziehungsauftrag im Vordergrund. So stehen den Inhaftierten in Ebrach 59 Lehrplätze in 17 verschiedenen Handwerksberufen und 15 anstaltseigenen Handwerksbetrieben zur Verfügung.
Daneben wird eine Vielzahl von schulischen Ausbildungen, vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur mit externen Bildungsträgern angeboten, führt Weigand weiter aus. In der Anstalt habe sich neben dem Zuwachs an Gebäuden in den letzten sechs Jahrzehnten auch inhaltlich etliches getan. Das kann Barbara Gülta bei Museumsführungen gut erklären: Zu sehen ist eine Musterzelle, wie sie in den Anfangsjahren der Jugendvollzugsanstalt gebräuchlich war. "Ebrach ist ein kleiner, aber aufregender Ort, weil hier immer besondere Menschen waren." Sie meint die Mönche, ebenso bekannte Insassen.
So soll Versandhauschef Josef Neckermann in der Nachkriegszeit wegen einer Bagatelle hier gewesen sein. Altkanzler Helmut Kohl war auch in Ebrach, so Gülta, aber als Besucher der berühmten Klosterkirche. Und erst gestern war Prominenz hier: Bayerns Justizminister Winfried Bausback: Anlass war das Jubiläum 60 Jahre Jugendvollzug.