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Durch Arbeit zur Integration


Autor: Niklas Schmitt

Coburg, Freitag, 20. Dezember 2019

Einerseits leiden das Handwerk und die Industrie nicht nur in der Region unter Fachkräftemangel. Andererseits sind seit 2015 zahlreiche Geflüchtete in Deutschland angekommen. Können beide Seiten von dieser Situation profitieren?
Flüchtlinge arbeiten in einer Werkstatt der Handwerkskammer für Unterfranken. Foto: Daniel Peter


Niklas Schmitt Sind das die beiden sprichwörtlichen Fliegen, die in Coburg mit einer Klappe geschlagen werden? Rainer Kissing, Leiter Berufliche Bildung der IHK zu Coburg, bezeichnet die Situation vorsichtig als "glückliche Fügung". Gemeint ist das gleichzeitige Fehlen von Fachkräften und die Aufnahme von jungen Geflüchteten.

Rainer Landwehr, Geschäftsführer von Dietze und Schell, fasst die schwierige Situation ebenso zurückhaltend zusammen: "Bei jungen Fachkräften sind Geflüchtete sicherlich in Teilen eine Lösung."

Sprachkenntnisse sind wichtig

Der Tenor jedoch ist klar: Geflüchtete können dem Arbeitsmarkt dienen, indem sie Leerstellen bei Lehrstellen schließen. Aber wie schaffen die Geflüchteten den Sprung von Migrant zu Lehrling? "Die Integration in den Arbeitsmarkt geht nur über die Sprache", sagt Landwehr. Ähnlich sieht das auch Merouane Qsiyer, Ausbildungsakquisiteur für Flüchtlinge an der IHK: "Die deutsche Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg." Doch die Erkenntnis alleine reicht nicht aus.

Daher hat die IHK zu Coburg bereits ein Jahr nach dem großen Flüchtlingsstrom 2015 ein Projekt aus der Taufe gehoben, das die besagten Fliegen mit einer Klappe schlagen soll. 1+3 ist die Formel, mit der die IHK die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt im Raum Coburg gebracht hat. Dauert eine gewöhnliche Ausbildung in der Regel drei Jahre, wird für Geflüchtete noch ein Jahr vorne drangehängt. Gleich vom Anfang gibt es einen Ausbildungsvertrag und eine Vergütung. Kombiniert werden eine duale Ausbildung mit gleichzeitigem, auf die Geflüchteten ausgerichteten Spracherwerb. Daher die Verlängerung der Ausbildung um ein Jahr.

Im ersten Jahr seiner Ausbildung muss der Auszubildende - es sind bisher tatsächlich nur Männer - an drei Tagen in der Woche in die Berufsschule gehen. Dort lernt er einerseits in eigenen Klassen Deutsch genauso wie berufsbezogenes Deutsch und bekommt ebenso fachbezogenen Unterricht.Im Laufe der Ausbildungszeit wird der allgemeine Deutschunterricht reduziert. Dann nehmen die Geflüchteten auch am gleichen Unterricht wie ihre Kollegen teil.

Doch dieses Angebot alleine genüge nicht, sagt Qsiyer. Die IHK leiste Hilfestellung durch dieses bundesweit einzigartige IHK-Kombimodell, aber, so betont er, müsse diese Hilfe auch angenommen und dafür zu Hause gelernt werden. Nicht nur das. Um die begrenzten Plätze adäquat zu besetzen, führt die IHK Bewerbungsgespräche und Eignungstests durch. Eine Sprachbarriere gibt es dabei nicht, denn Merouane Qsiyer spricht Arabisch. Er sagt, wenn jemand Mathematik verstehe, dann verstehe er die auch auf Arabisch. Getestet werden Geometrie, Algebra, Dreisatz und Bruchrechnen. So will der Ausbildungsakquisiteur die Qualifikationen kennenlernen. "Ich lege Wert auf diesen Test," sagt er, "weil ich weiß, dass das funktioniert."

Erfolg für beide Seiten

Insgesamt 95 Geflüchtete befinden sich aktuell im IHK-Bezirk Coburg in Ausbildung. Darunter 18, die ihre Ausbildung im 1+3-Kombimodell in diesem Jahr aufgenommen haben. Ausgeweitet wurde das Modell auch an die Berufsschule Lichtenfels, wo in diesem Jahr elf Teilnehmer in eine neue Klasse gestartet sind. Die Teilnehmer der ersten Generation sind bereits ausgelernt und wurden allesamt übernommen. Ein Erfolg, von dem auch die Firmen profitieren.

Dieser Erfolg ist aber nur durch Zusammenarbeit möglich. Die Berufsschulen beteiligen sich ebenso wie zahlreiche Firmen aus der Region. Zu Beginn wichtig war aber die Zustimmung der Ministerien, eine solche Klasse an den Berufsschulen zu erlauben.

Mittlerweile hat das Modell Schule gemacht. In Oldenburg, der Handwerkskammer Regensburg oder für die gastronomische Ausbildung in Passau wurde es schon übernommen. Dementsprechend sicher sagt Rainer Kissing von der IHK auch: "Wir halten das für ein gelungenes Konzept."

Zufrieden ist auch Daniela Köhler, Pressesprecherin bei Kaeser. In der Regel stelle die Firma seit 2016 rund 20 Geflüchtete pro Jahr ein. 45 haben bisher ausgelernt und wurden übernommen, momentan befinden sich noch 37 in der Ausbildung. "Die jungen Menschen, die hier anfangen, sind so glücklich und dankbar für die Möglichkeit, die spornen sogar die anderen Auszubildenden an."

Integriert werden die Geflüchteten dort auch rein praktisch. Denn seit 2015 können alle Auszubildende, die nicht in Coburg wohnen, in WGs im Nebengebäude des Ketschendorfer Schlosses unterkommen. Insgesamt 22 Nationen, darunter Spanien und Chile, sind bei den Auszubildenden vertreten. Für die gibt es eigenen Sprachunterricht, die Ausbilder sind geschult und ein eigener Sozialpädagoge ist da, der sich um alle und alles kümmert und auch bei Amtsgängen unterstützt.

Verwaltung ist Herausforderung

Schließlich sei die größte Hürde, so Köhler, der Amtsschimmel. Das ist bei der IHK nicht anders. Welcher Geflüchtete hat eine Bleibeperspektive, welchen Status besitzt er, hat er eine Arbeitserlaubnis? Darauf ist zu achten und vorher mit dem beteiligten Firmen zu klären. Denn für die wäre es ungünstig, würde ein Auszubildender mitten in seiner Ausbildung abgeschoben werden. Kissing geht es aber, so sagt er, nicht alleine um den Fachkräftemangel, dem Abhilfe geschaffen werden soll. Er ist überzeugt, Integration funktioniert durch Beschulung und Ausbildung besser als ohne. Die Idee dahinter ist die, dass die Geflüchteten ihr eigenes Geld für ein selbstbestimmtes Leben verdienen. Zwar hat weder die IHK noch die Firma Kaeser Einfluss auf die Freizeitgestaltung ihrer Mitarbeiter, dennoch berichten beide von Geflüchteten, die in Sportvereinen mitmachen oder sich anderweitig einbringen. Dass das gelingt, dazu trägt sicherlich auch der allgemeine Deutschunterricht bei, den die Auszubildenden im 1+3-Modell und bei Kaeser genießen. Darüber hinaus werden die Geflüchteten genauso behandelt wie alle anderen Auszubildenden auch.