Jutta Behr-Groh

Nach 13 Seiten und mancher Aussage, die der Angeklagte nicht gern gehört haben dürfte, musste der Gynäkologie-Professor Johannes Dietl (Würzburg) seinen Vortrag im "Chefarzt-Prozess" erst einmal beenden. Die noch ausstehenden 51 Seiten seines Gutachtens kommen frühestens am nächsten Verhandlungstag, am 8. März, zur Sprache. Wie es scheint, gehen die "Machtkämpfe" zwischen Gericht und Verteidigung, die schon den Dienstag prägten, weiter.
Es waren auch am Mittwoch die Verteidiger von Heinz W. (50), die bei der Zweiten Strafkammer die Unterbrechung durchsetzten. Zum Einen sahen sie sich "unangekündigt" mit einem aus ihrer Sicht neuen Gutachten konfrontiert. Darauf hätten sie sich nicht so vorbereiten können, wie es ihre Pflicht sei, kritisierten Professor Klaus Bernsmann und seine Kollegen Katharina Rausch und Dieter Widmann. Zum Anderen äußerten sie Zweifel an der Neutralität Dietls.
Diesem war bei dem Versuch, spontan die Unterschiede zu einem früheren Gutachten zu erklären, der Begriff "Opfer" herausgerutscht. "Soll das unparteiisch sein?" rief Bernsmann daraufhin aufgebracht in den Sitzungssaal. Der Gutachter nahm den Begriff umgehend zurück und sprach nun von "betroffenen Frauen"; das einmal geweckte Misstrauen bei den Verteidigern konnte er aber offensichtlich nicht mehr tilgen.
"Opfer" im herkömmlichen Sinn gibt es in diesem Verfahren aus Sicht des Angeklagten und seiner Anwälte keine, weil W. ja vehement bestreitet, etwas Strafbares getan zu haben.
Der 50-Jährige leitete bis Sommer 2014 die Klinik für Gefäßchirurgie am Bamberger Klinikum. Er fühlt sich zu Unrecht der Vergewaltigung und weiteren Straftaten beschuldigt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er habe 13 Frauen - vorwiegend Patientinnen und Mitarbeiterinnen - betäubt und dann aus sexuellen Motiven intim berührt und fotografiert.
Die angeklagten Taten passierten jeweils im Rahmen einer angeblichen Ultraschall-Untersuchung der Beckenvenen. Nach Überzeugung der Anklage verabreichte W. den Frauen aber statt eines Kontrastmittels ein Betäubungsmittel, um sie für seine Zwecke widerstandsunfähig zu machen.
Um den Einsatz der Sonografie (Ultraschall) und Kontrastmittel ging es auch auf den ersten 13 Seiten von Dietls Gutachten. Er sagte beispielsweise, dass es beim Einsatz von Ultraschall-Kontrastmittel so gut wie keine allergischen Reaktionen geben würde. Das steht im Widerspruch zu den Behauptungen des Angeklagten: Heinz W. versucht, den Bewusstseinsverlust und die Erinnerungslücken, die alle mutmaßlichen Opfer beklagen, mit einer Kontrastmittel-Unverträglichkeit zu erklären.
Unstrittig im Verfahren ist, dass W. bei den angeblich vorgetäuschten Untersuchungen jeweils allein mit den Frauen war. Es konnte ihm demnach niemand beim Verabreichen eines Kontrastmittels assistiert haben.
Für Dietl scheint das schwer vorstellbar zu sein. Wie er darlegte, ist das Anmischen und Verabreichen eines Kontrastmittels mit einigem Aufwand verbunden und muss sehr schnell gehen: "Das ist durch eine Person nicht leistbar." Die Leitlinien für den Einsatz von Kontrastmitteln bei Ultraschalluntersuchungen sähen außerdem vor, dass immer eine zweite Person dabei sein müsse.


Ausgewiesener Experte

Dietl ist nach eigenen Angaben ein Gynäkologie mit Jahrzehnte langer praktischer Erfahrung, hat mehrere Lehraufträge inne und selbst ungezählte Ultraschalluntersuchungen an den weiblichen Genitalien durchgeführt. Nach seinen Worten ist die Vaginalsonografie "ein diagnostisches Verfahren, das ausschließlich in der Gynäkologie angewandt wird". In den Leitlinien gebe es keine Hinweise, wonach sie auch für den Einsatz in der Gefäßchirurgie geeignet seien.
Noch einen Grundsatz, gegen den W. dann wohl ebenfalls verstoßen hätte, stellte der Würzburger Experte in den Raum: Handelt es sich um einen Mann, der eine Vaginal-Sonografie vornimmt, "sollte grundsätzlich eine zweite Person anwesend sein". Der "Chefarzt-Prozess" geht am 8. März weiter. Dann will die Zweite Strafkammer unter Vorsitzendem Richter Manfred Schmidt erneut Anlauf nehmen, das Gutachten von Professor Dietl zu hören und zu diskutieren. Ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten.
Nach den beiden "unergiebigen" Prozesstagen (Schmidt) in dieser Woche hat die Kammer auf Bitte der Verteidiger zwei für Anfang März angesetzte Termine gestrichen. Das Ende dieses Mammutverfahrens, so scheint es, rückt immer weiter weg.