Neben den Schneidmühlen waren es die Wehranlagen und Mühlbäche, die den Frankenwaldorten entlang der Rodach, Haßlach und Kronach ihre einzigartige innerörtliche Struktur verlieh. Davon ist in den meisten Orten nicht mehr viel zu erkennen. In Wallenfels, dessen Ortsbild stark von Schneidmühlen geprägt war, sind die alten Mühlbäche zum großen Teil noch sichtbar. Zudem zeugen zwei mächtigen Schleusen an der Wilden Rodach vom Stellenwert der Wasserregulierung in früheren Zeiten zugunsten der Flößerei und des Schneidmühlenwesens.

Die Obere und die Untere Schleuse wurden gebaut, als die Wilde Rodach in den Jahren 1909 bis 1915 aus Gründen des Hochwasserschutzes aus dem Ort an den südlichen Rand des Tales verlegt wurde. Natürlich wurden diese in ihren Ausmaßen ungewöhnlichen Bauten den Bedürfnissen der Flößerei und der Schneidmühlen angepasst.

Spürbare Kraft des Wassers

Beide Schleusen verfügen über etwa 70 Meter lange Floßgassen. Die Obere Schleuse ist technisch aufwendig mit einem mechanischen Hebewerk in Form eines eisernen Fischbauch- oder Segmentverschluss versehen. Die Untere Schleuse musste drei Meter an Höhenunterschied zwischen alten und neuen Flussverlauf ausgleichen, was durch drei etwa zwölf Meter breite Sohlschwellen bewerkstelligt wurde. Sich an dieser Schleuse bei Hochwasser aufzuhalten und den in drei Stufen abstürzenden Wassermassen zuzusehen, lässt einen die unbändige Kraft des Wassers unmittelbar spüren und ist ein Erlebnis für sich.

Die wohl einmalige Mühlbachstruktur in Wallenfels ist den vielen Schneidmühlen geschuldet, die ehemals das innerörtliche Stadtbild prägten. Ende des 19. Jahrhunderts waren neun Schneidmühlen in Betrieb, sechs davon in unmittelbaren Wallenfelser Ortsbereich: die Felsenschneidmühle, die Angerschneidmühle, die Bergschneidmühle, die Stöckerschneidmühle, die Klingerschneidmühle und die Gemeindeschneidmühle. Die Stumpfenschneidmühle, die Hammerschneidmühle und die Fallenholzschneidmühle lagen flussabwärts außerhalb des Ortskernes.

Die innerörtlichen Schneidmühlen mussten nach 1915 über die Mühlbäche mit Wasser versorgt werden. Für die Umleitung des Wassers sorgten die Wehre, von denen das Gemeindewehr, das Angerwehr und die Obere Schleuse unmittelbar an der Wilden Rodach gebaut waren.

Weitere Wehre an den Mühlbächen regulierten den Zulauf zu den Mühlrädern und Turbinen. Vom Gemeindewehr aus wurde die Gemeindeschneidmühle, vom Angerwehr die Klingerschneidmühle und die Stöckerschneidmühle versorgt. Die Obere Schleuse sorgte für den Zufluss zur Bergschneidmühle, Angerschneidmühle und Felsenschneidmühle, wobei dieser Mühlbach am Marktplatz noch das Wasser der Stöckerschneidmühle aufnahm.

Mühlbäche verlieren Bedeutung

Die Mühlbäche oder "Mühlgrejm", wie sie umgangssprachlich genannt werden, durchzogen Wallenfels wie Lebensadern. Mit dem Mühlensterben, das bereits Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzte und sich nach dem Zweiten Weltkrieg enorm verstärkte, verloren auch die Mühlbäche ihre ursprüngliche Funktion. Dabei bestand der Nutzen dieser Mühlbäche nicht alleine in der Wasserversorgung der Schneidmühlen und dem Transport der Blöcher.

Viele Alltagsaufgaben der Anwohner konnten mit dem Wasser der Mühlbäche erledigt werden. Ganz besonders diente der Mühlbach dem "Wäscheflaan", dem Auswaschen der Kochwäsche im kalten Wasser und das im Sommer wie im Winter. Das hölzerne Sauerkrautfass wurde im Herbst im Mühlbach gewässert, damit es wieder dicht und zum Sauerkrauteinschneiden geeignet war. Das Gießwasser für den Gemüsegarten schöpfte man ausschließlich aus dem Mühlbach. Die Gänse und Enten wurden früh zum Mühlbach getrieben und abends dort wieder eingesammelt.

Das Schwimmen lernte der Autor dieses Artikels im Mühlbach. Und wenn der Lenz (Schneidmüller der Gemeindemühle) das Wasser des Mühlbaches abließ, konnte man sicher sein, dass es zum Abendessen Fisch gab. Am Stapelplatz der Langholzstämme und Blöcher in der Angerstraße trafen sich regelmäßig die Frauen aus der Nachbarschaft, um auf den natürlichen Sitzbänken an sommerlichen Abenden "lähzeblaudern".

Bäche verschwanden

Als im Jahr 1979 die Gemeindeschneidmühle einem Baugebiet weichen musste, wurde auch der Mühlgraben verfüllt. So erging es auch den Mühlbächen der Felsenschneidmühle (Stilllegung 1966) und der Angerschneidmühle (1971). Der kleine Mühlbach zur Stöckerschneidmühle hatte bereits seit 1937 seinen Nutzen verloren, als der Betrieb der Mühle eingestellt wurde. 1950 wurde sie dann abgetragen und der Mühlgraben zurückgebaut.

Etwa 75 Prozent der alten Mühlbachstruktur ist trotzdem in Wallenfels noch erhalten und bewässert. Nachdem aber die Wertigkeit verloren ging, schenkte man dem Erhalt der Mühlbäche immer weniger Aufmerksamkeit. Ja, sie wurden wegen der teilweisen Vermüllung sogar zu Störfaktoren im alltäglichen Leben. Aus diesem Grunde wurde zum Beispiel der Mühlbach zur Klingerschneidmühle in Teilen zurückgebaut und auf eine Wasserentnahmestelle reduziert. Ebenso geschah dies mit dem Mühlbach, der von der Oberen Schleuse abgeleitet wurde.