Bildung ist etwas Subjektives. Ein Franke tickt und spricht anders als ein Bayer. Preußen und Österreicher sind unterschiedlich sozialisiert - doch gebildete Menschen gibt es hier wie dort. Ist jemand ungebildet, der Dialekt spricht? Ist jener gebildet, der Hochgestochenen und Halbgares daherschwurbelt? Ist digitale Bescheidwisserschaft gleich Bildung?

Was ist Bildung? Besteht sie aus klassisch-humanistischem Wissen über griechische Geschichte und die lateinische Sprache mit nur wenig Bezug zu unserem heutigen Alltagsleben? Oder hat jene/r Bildung, der/die deutsche Orthographie und Grammatik beherrscht, einige Bücher gelesen und verstanden hat sowie die Fähigkeit besitzt, die vier Grundrechenarten aufzuzählen oder sogar flüssig zu meistern? Vielleicht ist es auch ein Mix aus alledem - zuzüglich der Spezialgebiete, die sich jeder von uns im Lauf des Lebens aneignet. Der eine interessiert sich für Fußball, die andere für Romane von Hedwig Courths-Mahler bis Helmut Vorndran, der/die Dritte hat ein Faible für Astronomie und der/die/das Vierte für politisches Zeitgeschehen. Das ließe sich ad infinitum fortsetzen. Prof. Harald Lesch weiß, was ich meine.

Ich gebe zu bedenken: Entfernen wir uns nicht gerade von all dem, was wir gelernt haben, was wir jahrelang praktizierten und routiniert beherrschen? All die vielen Helferlein, die uns den Alltag erleichtern sollen, lassen unser Wissen versanden. Nach und nach verkümmern all die praktischen und philosophischen Kenntnisse, die wir fortan nicht mehr brauchen und nicht mehr nutzen, weil uns das Denken mehr und mehr abgenommen wird.

Sicher: in gewisser Weise war es ja nicht schlecht, dass arbeitsteilige Prozesse den Universalismus verdrängten: Kaum einer von uns schlachtet seine Hühner und Schweine noch selbst, wenn er Appetit auf Brathähnchen oder gepökelten Schinken hat - und wer angelt sich schon eine Forelle, nimmt sie aus und räuchert sie eigenhändig? Die Folge ist: Die meisten von uns würden gnadenlos verhungern, wenn sie auf sich gestellt wären.

Dennoch geben wir bequemerweise mehr und mehr Kompetenzen ab, die wir uns einmal in Schweiße unseres Angesichts und unter Anwendung phantasievoller Merk- und Spickzettel aneigneten. Rechtschreibung - nicht so wichtig, es gibt doch Korrekturprogramme! Ortskenntnis - völlig überschätzt! Das Navi leitet uns ja zielsicher und stressfrei zu jedem Punkt in der Welt. Und all die smarten Fahrassistenten passen piepstend und blinkend auf uns auf wie Schwarm von Schutzengeln. Am Ziel laviert der Einparkassistent unseren SUV in die sauenge Lücke im Parkhaus - das hätten wir wirklich nicht mehr geschafft. Blöd nur, dass wir noch selbst aussteigen müssen und kaum aus unserem Space-Shuttle herauskommen.

Und was passiert, wenn das alles mal ausfällt? Dann wird's brenzlig. Norden, Süden, Osten, Westen? Wie, Stand der Sonne? Polarstern? Zunehmender, abnehmender Mond? Eine topographische Karte, häää? Und was bedeuten all die seltsam kryptischen Zeichen auf der Ansichtskarte, die Urgroßmutter einst aus Meran geschrieben hat. Is des Ordograffieh oder Hieroglüf? Nun rächt es sich, dass wir uns stets auf Rechtschreib-, Vorlese-, Orientierungs-, Freizeit- und Unterhaltungs-Apps verlassen haben. Langweilen werden wir uns sicher nicht, wenn der Super-GAU (früher war damit ein Atomunfall oder gar - krieg gemeint) eintritt, was heute beim Ausfall des 5G-Netzes oder auch nur der Energieversorgung der Fall wäre. Rien ne va plus, heißt's dann, nichts geht mehr. Dann werden die Gesichter lang und länger, die Karten werden neu gemischt. Was tun? Wer jetzt keine Bildungsreste hat, eignet sich kein Wissen mehr an. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Wie sich unterhalten ohne I-Phone und Whatsapp? Und wenngleich der Supermarkt wegen des Stromausfalles ohnehin nicht geöffnet hat: Wie fände ich ihn eigentlich zu Fuß? Und mein Kühlschrank! Er spricht nicht mehr mit mir! Das allein wäre ja noch nicht tragisch. Doch er weigert sich auch hartnäckig, seinen Bauchladen zu öffnen und die Köstlichkeiten das herauszurücken, mit denen ich ihn seit Jahren bequem von Online-Diensten bestücken lasse.

Natürlich ist das alles überspitzt. Doch die Grundrichtung passt. In einer provokanten Streitschrift warnte der ehemalige "Stern"-Chefredakteur Michael Jürgs schon in den Nuller-Jahren davor, sich von all dem Einfachen, Banalen und scheinbar Bequemen abhängig zu machen. "Seichtgebiete - Warum wir hemmungslos verblöden" lautet der programmatische Titel seines mit den Jahren beinahe noch aktueller gewordenen Buches. Die Digitalisierung hat weiter Fahrt aufgenommen. Doch sie erleichtert auf trügerische Weise unsere Lebensabläufe. Viele Inhalte sind abgeflacht, das Wissen geht nicht in die Tiefe, und die sozialen Kontakte von Angesicht zu Angesicht sind futsch, verkommen zu rudimentärem, oft vulgärem Geraunze und Gepöbel. Umgangsformen gehören zur Sprache der Gebildeten. Viel zu viele von uns bedienen sich der Technik (Dr. Google weiß alles!), statt nachzudenken oder Wissen zu speichern. Wir konsumieren die neuen Technologien gedankenlos. Wie Big Data funktioniert, davon haben wir so viel Ahnung wie eine Kuh von der Botanik, die sie grade verzehrt. Wobei ich mich umgehend bei allen Kühen für diesen Vergleich entschuldigen möchte! Ich habe ihn gedankenlos und oberflächlich benutzt. Meine Bildung ist aufgeweicht, mein Denken dümpelt im Seichten dahin. Cogito ergo brumm, oder so ähnlich.