Der Gewerkschaftsbund spricht sich nicht nur klar gegen weitere verkaufsoffene Sonntage aus. Regionsgeschäftsführer Mathias Eckardt sieht auch bei den Themen Ausbildung, Homeoffice oder Vergabe öffentlicher Aufträge Handlungsbedarf.

Die Dimension der Krise ist inzwischen allen Wirtschaftsbeteiligten bewusst. "Nach fast zehn Jahren Aufschwung mit kontinuierlichem Beschäftigungszuwachs und - dank guter Tarifverträge - auch realer Lohnzuwächse, sorgt die weltweite Corona-Pandemie für einen so noch nicht dagewesenen wirtschaftlichen Einbruch", sagt Mathias Eckardt, DGB-Regionsgeschäftsführer in Oberfranken. Dabei würden viele erst jetzt erkennen, wie stabilisierend ein starker Sozialstaat wirke.

Ein existenzielles Thema für Oberfranken zeige sich aktuell noch verstärkt: die aufgrund des Demografieproblems erheblichen Probleme in der Nachwuchsgewinnung. "In der dualen Ausbildung haben wir einen Rückgang der besetzten Ausbildungsstellen von zum Beispiel über 20 Prozent bei der IHK für Oberfranken in Bayreuth und mehr als zehn Prozent bei den Handwerkern zu verzeichnen", zeigte Eckardt die Zahlen auf.

"Ich habe Angst, dass das duale System korrodiert. Wir können uns kein verlorenes Jahr leisten", mahnte Eckardt. Corona lähme vieles, so seine Beobachtung. Aber das Thema Ausbildung dürfe nicht der Corona-Pandemie geopfert werden, sonst werde man dies in drei bis vier Jahren bitter bereuen. Der DGB fordert in diesem Zusammenhang, den öffentlichen Personennahverkehr massiv auszubauen, da junge Menschen darauf angewiesen seien, die Lernorte Berufsschule und Betrieb gut und kostengünstig zu erreichen. Zudem benötige man flächendeckend ein kostengünstiges 365-Euro-Azubi-Ticket.

Pilot-Region für 5G-Netz?

Insgesamt könne sich Oberfranken im globalen Wettbewerb nur behaupten, wenn Beschäftigte nicht nur mit niedrigeren Lebenskosten gelockt würden. Der Unterschied zu anderen Gebieten sei zudem inzwischen nicht mehr so deutlich wie früher. "Fachkräftemangel lässt sich nur mit ordentlicher Bezahlung begegnen", sagte Eckardt. Und höhere Einkommen ließen sich nur mit Tarifverträgen erzielen.

Bei der Transformation in der Automobil-Zulieferindustrie schlagen die DGB-Gewerkschaften die Einrichtung eines regionalen Transformationsclusters vor. Damit wolle man, möglichst im Schulterschluss mit Wirtschaftskammern und Kommune an Fördermittel auf Bundes- und Landesebene herankommen. "Das sollte mehr sein als wieder nur ein Runder Tisch", forderte der DGB-Vorsitzende.

Klare Vereinbarungen nötig

Um die Digitalisierung voranzubringen fordert Eckardt die Ausweisung Oberfrankens zur Pilot-Region beim Ausbau des 5G-Netzes. Außerdem sollte die Technologie-Allianz Oberfranken - ein Verbund der vier Hochschulen in Oberfranken - stärker zusammen mit Unternehmen in der Region am Thema "Künstliche Intelligenz" arbeiten.

Beim in der Corona-Krise forcierten Thema "Homeoffice" fordert der DGB, die Mitbestimmungs- und Gesundheitsregeln einzuhalten. Verdi-Geschäftsführerin Doris Stadelmeyer warnte vor dem Problem gespaltener Belegschaften beim Homeoffice. "Dienstleistung kannst Du nicht von zu Hause aus machen", sagte sie. In diesem Zusammenhang müssten Arbeitnehmervertreter darauf achten, dass zumindest Wahlfreiheit gegeben sei und nicht der Arbeitgeber einseitig die Konditionen festlege und die Risiken des mobilen Arbeitens auf die Belegschaften abwälze.

"Wir stehen da am Anfang einer Entwicklung, die mit Corona plötzlich über uns kam", stellte Eckardt fest. Martin Feder, neuer Erster Bevollmächtigter der IG Metall Bamberg, gab den Tipp, bei Verhandlungen über Regelungen zum Homeoffice das Thema grundsätzlich ohne Corona zu durchdenken. Neben Sachsen ist Bayern laut DGB das einzige Bundesland, in dem es kein Vergabegesetz mit einer Regelung zur Tariftreue gibt. "Wir brauchen das bei öffentlichen Aufträgen, um Lohndumping zu verhindern", sagte Eckardt. Immer noch erhalte der günstigste Anbieter einfach den Zuschlag, ohne dass soziale oder ökologische Belange Berücksichtigung fänden. Und die Qualität bleibe ebenfalls auf der Strecke. "So kann es nicht weitergehen!"

Sonntag unter Druck

Die aktuelle Diskussion um den freien Sonntag ist dem DGB ein Dorn im Auge. "Immer wieder gibt es Vorstöße, Sonntagsshopping per Gesetz oder kommunale Rechtsverordnungen auszuweiten", berichtete Eckardt. Das sei gegen das Grundgesetz, das den Sonntag ausdrücklich schütze. Der DGB werde sich für dieses "Kulturgut, das zu allen Zeiten vor wirtschaftlichen Interessen geschützt werden musste", weiter mit aller Kraft einsetzen. Man könne nicht nach Belieben verkaufsoffene Sonntage fordern - auch zu Corona-Zeiten nicht.