Klaus-Peter Gäbelein

Der frühere Kreisheimatpfleger Richard Tille wäre heute 100 Jahre alt geworden. Der "Herr Lehrer Tille", immer seriös und im Anzug und mit Krawatte, war nicht nur begeisterter Pädagoge, er war das, was man noch in den Nachkriegsjahren einen "Schulmeister der alten Schule" nannte, ein echter Dorfschullehrer mit einer Ader für das Leben der ländlichen Bevölkerung sowie für Heimat und Heimatkunde.

Richard Tille, ein gebürtiger Erlanger, musste nach seiner Ausbildung zum Mechaniker bei Siemens und Halske in den Krieg ziehen und kam glücklicherweise 1945 ohne Verwundung oder Gefangenschaft in seine Geburts- und Heimatstadt Erlangen zurück. Franken war und blieb seine echte Heimat, und hier engagierte er sich zeitlebens. Er schulte zunächst um, wurde Lehrer und fand im Herzogenauracher Ortsteil Höfen seine wahre Heimat.

Ein Haus in Höfen

Unmittelbar gegenüber seiner Wirkungsstätte, der alten Schule, baute er später ein schmuckes Häuschen, das stets die Anlaufstelle für "seine" Schulkinder und die Landbevölkerung war. Der "Herr Lehrer Tille" wurde in den Zweifelsheimer Gemeinderat gewählt, wurde und war eine Institution im westlichen Altlandkreis Höchstadt, und zwar bis zur Auflösung der "Landschulen". Bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand unterrichtete er anschließend in Herzogenaurach an der Carl-Platz-Schule.

Der Bitte von Landrat Georg Daßler, als Kreisheimatpfleger ehrenamtlich zu wirken, kam Richard Tille in den 70er Jahren spontan nach und kümmerte sich bis 1988 um die Denkmals- und Brauchtumspflege im westlichen Landkreis Erlangen-Höchstadt. Wo immer ein Bauernhof oder Bürgerhaus zur Renovierung anstand, Richard Tille war mit den zuständigen Experten des Landesamtes für Denkmalpflege stets mit Rat und Tat zur Stelle. Daneben erstellte er eine Denkmalschutzliste, um weitere Objekte vor der Zerstörung zu bewahren. Erinnert sei an zahlreiche Kapellen und Bildstöcke im Landkreis (unter anderem in Beutelsdorf und Hammerbach) sowie seinen Einsatz für vom Verfall bedrohte Bauernhäuser in seinem Bezirk. 160 Flurdenkmäler hat er katalogisiert und vor dem Verfall bewahrt.

Seine "Meisterstücke" waren allerdings sein unermüdlicher Einsatz für die Erhaltung des Seelhauses, des "Farnlucher Hauses" im Steinweg Nr. 5 sowie die Restaurierung des "Großen Spitals" in Herzogenaurach.

Starke Mitstreiter fand Tille hier in Bürgermeister Hans Ort sowie vor allem im damaligen CSU-Fraktionsvorsitzenden und Träger der Goldenen Stadtmedaille, Wolfgang Falk. Zusammen mit ihm kämpfte er unermüdlich für den Erhalt des ältesten Häuschens in der Herzogenauracher Innenstadt.

"Ich hätte nie gedacht, dass diese Bruchbude jemals wieder bewohnbar wird", so der damalige Vorsitzende des Heimatvereins. Dieser ist heute stolz auf das restaurierte Haus im Steinweg 5, das dem Heimatverein seit der Restaurierung im Sinne von Richard Tille und den Verantwortlichen des Denkmalschutzes als Domizil dient.

Ein Traum geht in Erfüllung

Tille, seit den 80er Jahren Ehrenmitglied im Heimatverein, war rastlos und hatte ein weiteres Ziel vor Augen: Das große Spital am Kirchenplatz, in dem einst sein großes Vorbild Luitpold Maier seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, war seiner Meinung nach der geeignete Ort für ein Herzogenauracher Stadtmuseum. Und so war er, der "Kämpfer und positive Sturkopf" Tille! Was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, das führte er auch aus.

Kurz nach seinem 80. Geburtstag konnte auch dieser sehnliche Wunsch Tilles verwirklicht werden. Im Jahr 2000 wurde das ehemalige Pfründnerspital als Herzogenauracher Stadtmuseum eröffnet. Voller Stolz konnte der damals 80-Jährige seinen großen Wunschtraum bei der Einweihung sehen - sein Lebenstraum war in Erfüllung gegangen. Zwei Heimatbücher und eine Reihe von Stadtprospekten entstanden dank seiner Anregungen.

Zahlreiche Ehrungen

Mit zahlreichen Auszeichnungen wurde sein Einsatz gewürdigt: Richard Tille war Träger der Denkmalschutzmedaille, der Stadtmedaille in Gold und durfte sich mit der "Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" schmücken.

Zeit seines Lebens war er ein begeisterter "Jäger und Sammler". Was er für erhaltenswert hielt, bewahrte er auf: Porzellan und Bücher, Schulhefte und Zeitungsartikel. Und wenn kein Platz für seinen Fundus war, dann lagerte er das Ganze im Keller seines Hauses, sehr zum späteren Leidwesen seiner Schwiegertochter Monika und deren Lebensgefährten Daniel.

Der Ehrenvorsitzende des Herzogenauracher Heimatvereins verstarb am 1. September 2013 mit 93 Jahren.