Den Tag der deutschen Einheit hat der Unterzaubacher Vinzenz Pyka bereits ganz offiziell am 21. September gefeiert - und zwar in der deutschen Botschaft in Peking. Die Feier war dort vorgezogen worden, um Überlappungen mit Veranstaltungen rund um den chinesischen Nationalfeiertag zu vermeiden.
Seit dem 28. August ist der Unterzaubacher für ein Semester Student an der UIBE, der University of International Business and Economics, in Peking. 7500 Kilometer Luftlinie oder 10 190 Flug-Kilometer und sechs Stunden in der Zeit voraus ist er zurzeit fern der Heimat, aber nur fast: "Es gibt hier auch Mönchshof-Bier zu kaufen. Aber der Bierpunkt geht an die Bamberger. Kaiserdom bekommt man hier gefühlt an jeder Ecke. Da fühlt man sich als Franke doch gleich heimisch."
Insgesamt ist sein Fazit nach den ersten sechs Wochen positiv: "Den ersten Eindruck, den ich von Peking gewinnen konnte, war traumhaft." Wir haben uns mit Vinzenz unterhalten.

Peking, oder jetzt Beijing; über 22 Millionen Einwohner, ständig Smog ...
Vinzenz Pyka: Ja, den gibt es hier auch. Aber im September/Oktober noch nicht so stark. Wir hatten in den letzten Tagen durchgehend 26 bis 31 Grad mit relativ wenigen Smogtagen. Die Stadt liegt ähnlich wie Stuttgart in einem Kessel, ist flach und von Bergen umringt. Ansonsten ist Peking stark am Wachsen. Es wird gefühlt überall immer etwas gebaut, so dass es Stadteile mit einer sehr modernen und eleganten Wolkenkratzer-Architektur neben dem historischen Altstadtkern zu sehen gibt.

Hatten Sie schon Zeit, sich etwas genauer umzuschauen?

Ja. Insgesamt kann man in Peking mit wenigen Minuten per U-Bahn in kontrastreiche Welten eintauchen. Angefangen von der "Verbotenen Stadt" der Kaiserzeit über sozialistische Machtbauten der kommunistischen Partei Chinas bis hin zur futuristischen modernen Architektur wie dem Olympiastation aus dem Jahr 2008. Wenn eine Stadt repräsentativ für ein gesamtes Land wäre, was sie natürlich nicht ist, bekommt man in Peking das Gefühl vermittelt, das nichts unmöglich ist. Man spürt, wie China an die wirtschaftliche Weltspitze strebt.

Wie ist es mit der Sprache beziehungsweise der Verständigung?
Im öffentlichen Leben fühlt man sich fast hilflos. Wenn der Taxifahrer kein Englisch spricht, die Adresse auch in arabischen Schriftzeichen auf dem Zettel meines Zimmergenossen aus dem Oman nicht lesen kann, der Übersetzer in Google gesperrt ist und man nachts um 4 Uhr vom Club heim will, ist das schon schwierig. Was ich verkehrstechnisch an Peking überhaupt nicht verstehe, ist, dass in einer Stadt mit 22 Millionen Einwohnern die U-Bahnen ab 22.30 Uhr nicht mehr fahren.

Haben Sie schon Kontakt zu chinesischen Studierenden?
Ich habe eine "Buddy": eine einheimische Studentin, die mir das Land erschließen soll und die nicht nur Chinesisch beherrscht. Sie studiert Deutsch und BWL. Sie ist so alt wie ich. Aber in unseren Gesprächen wird doch klar, dass wir in zwei total unterschiedlichen Systemen aufgewachsen sind. Wir haben eine total unterschiedliche Einstellung zu Demokratie, Datenschutz oder die Rechte des Einzelnen und einen anderen Blickwinkel auf für mich selbstverständliche Themen. Und doch freuen wir uns schon auf ihren Gegenbesuch nächstes Jahr in Deutschland.

Und das Studium selbst?
Die UIBE, an der ich dieses Semester bin, hat Partnerschaften mit den Unis in Potsdam, Gießen und der FAU Erlangen-Nürnberg, wo ich bis jetzt war. Meine Professoren sind zum Großteil Chinesen, die selbst in den USA studiert haben. Die Unterrichtssprache ist Englisch. Insgesamt sind wir um die 170 Austauschstudenten - die größte Gruppe aus Deutschland. Das ist zwar nett, obwohl es eigentlich schöner wäre, mit mehr Kommilitonen aus anderen Ländern zu sein, um sich so - allgemein in Englisch - zu unterhalten und andere Kulturen kennenzulernen. Abgesehen davon ist unter uns die Nationalität ziemlich egal. Wenn man weggeht, dann allenfalls als europäische Gruppe, nicht als Deutscher, Spanier oder Franzose ... Ich studiere mit Menschen aus aller Herren Ländern, die in unterschiedlichsten Systemen aufgewachsen sind. Mein Zimmer teile ich mit einem Doktoranden aus dem Oman. Das ganze System funktioniert komplex, ohne dass jemand erzählt, was die herrschende Leitkultur gerade sein soll. Am Ende gibt es wohl doch den gesunden Menschenverstand, der ein friedliches Zusammenleben ermöglicht.

Der Tag der deutschen Einheit in Peking war ja schon ...
... am 21. September, aus organisatorischen Gründen. Die deutsche Botschaft hatte eingeladen. Neben Chinesen auch viele Mitarbeiter anderer Botschaften. Manche glauben, dass Deutschland im Ausland als Bayern wahrgenommen wird. So war es nicht ganz, auch wenn das Bier aus Bayern kam. Aber wenn man Essen als kleinsten aber stärksten Inbegriff von Kultur versteht, so präsentierte die Botschaft unser Land sehr weltoffen: Bratwurst, Bier und Blasmusik, aber auch Döner und Falafel. Für mich war das ein ziemlich starkes Signal, dass Deutschland ein Land ist, in dem es nicht nur eine eigene Kultur gibt, sondern dass unserer Kultur davon lebt, dass wir verschiedene Einflüsse haben; dass wir im Ausland darauf stolz sein können, nach dem Zweiten Weltkrieg ein Land geworden zu sein, in dem Menschen mit verschiedener Religion, verschiedener Herkunft oder unterschiedlicher politischer Einstellung nebeneinander leben können.

Die Fragen stellt Klaus Klaschka.