Matthias Einwag

Kürzlich kam wieder eine Lieferung im Rathaus an: Kartonagen voller Aktenordner aus der gegenüberliegenden Schule. Die Leitz-Ordner sind prallvoll. Darin befinden sich zahllose Beurteilungen und Zensuren. Darunter sind auch säuberlich in Sütterlin geschriebene Zeugnisse aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Das Konvolut muss nun erst einmal gesichtet und sortiert werden. Alles was einzigartig und für die Geschichte Ebensfelds interessant ist, wird registriert und in die Archivbestände eingereiht, die im Keller des Rathauses aufbewahrt werden.

Seit 2008 leistet Gerhard Arneth ehrenamtlich die Arbeit als Archivpfleger. Er hatte die Bestände von Hans Gahl übernommen, der nach anfänglichen Tätigkeiten des eigens zu diesem Zweck gegründeten Vereins "Förderkreis für Heimatgeschichte in mühevoller Arbeit das Archiv systematisch aufgebaut und verwaltet hat.

Unterstützt wird Gerhard Arneth beim Einordnen der Schrift-, Bild- und Tondokumente seit etlichen Jahren von Alexandra Friedrich. Die Gemeindeangestellte übernimmt unter anderem das Digitalisieren ausgewählter Akten sowie das Verstichworten und tägliche Einordnen von Digitalfotos. Sie nimmt auch Anfragen von Bürgern auf, um sie an den Archivpfleger weiterzuleiten.

An der Lokalgeschichte ist Gerhard Arneth seit seiner Jugend interessiert. Der heute 82-Jährige studierte an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen Geschichte, Deutsch und Erdkunde für das Lehramt. Bis 2001 unterrichtete der gebürtige Kleukheimer diese Fächer am Meranier-Gymnasium in Lichtenfels und ging dann als Studiendirektor in den Ruhestand. Langweilig ist ihm seither nicht. 2003 war er beispielsweise federführend beim Herausgeben des umfangreichen Geschichtsbandes "1200 Jahre Ebensfeld".

Prüfen, was erhaltenswert ist

Zwei Stunden pro Woche widmet sich Gerhard Arneth der Archivarbeit. "Das Archiv ist das Gedächtnis einer Gemeinde", sagt er. Nicht alles, was im Rathaus abgegeben werde, sei archivtauglich. "Wir sichten - und was aufbewahrungswürdig ist, wird registriert." Die kürzlich angelieferten Schulakten kommen in den nächsten Monaten dran. Gerhard Arneth hat dafür einen Büroraum im ersten Stock des Rathauses. Doch nicht nur Schul- und Vereinsakten sowie private Nachlässe prüfen Gerhard Arneth und Alexandra Friedrich auf ihre Archivwürdigkeit und entscheiden, ob sie aufbewahrt werden. Wenn Unterlagen des Bauamts, des Standesamts und des Einwohnermeldeamts ein gewisses Alter haben, werden sie von der Registratur ausgemustert und fürs Archivieren bereitgestellt.

Nur Unikate werden aufgehoben

Ein Archiv, sagt Gerhard Arneth, bewahre nur einmalige Akten oder Bilder auf. Alle vervielfältigten Bücher oder Periodika würden in Bibliotheken gesammelt. Die Faustregel fürs Sichten und Archivieren des Materials: Aufbewahrt wird vor allem das, was für die örtliche Kultur, für heimat- und Familiengeschichte einen bleibenden Wert besitzt. "Am wichtigsten und schwierigsten an unserer Arbeit ist das Ermitteln der Archivwürdigkeit", fährt er fort. Es komme darauf an, einmaliges und unwiederbringliches Archivgut zu erhalten. Dabei legt er Wert darauf, dass ein Archivpfleger kein Archivar ist: Archivare seien akademisch ausgebildete Fachleute, die zumeist in staatlichen Einrichtungen wirken. Archivpfleger hingegen seien Menschen aus verschiedensten Berufssparten, die jedoch die Strukturen der Verwaltung kennen und in der Geschichte einer Gemeinde und der Region zuhause sein sollten.

Akten der ehemaligen Brauerei

Neben den Schulakten erhielt das Archiv in diesem Jahr auch Schriftstücke des ehemaligen Brauereigasthofs Neuner. Die Gemeinde hatte das Anwesen erworben. Daraufhin mussten die Brauereigebäude entrümpelt werden. Vieles wurde bei Flohmärkten verkauft. All jenes, was für die Ortsgeschichte Bedeutung haben könnte, wurde Gerhard Arneth zum Sichten und Einordnen übergeben.

Jede Gemeinde betreibe die Archivierung selbstständig, erklärt Arneth, "im eigenen Wirkungskreis". Um im Archiv die Übersicht zu behalten, führt jeder Archivpfleger ein Repertorium, ein "Findbuch", das den schnellen Zugriff auf das Archiv erst möglich macht. Gesammelt und geordnet wird nach dem Provenienzprinzip, das heißt nach Herkunft des Archivmaterials. In Ebensfeld werden die Archivalien nach Gemeindeteilen geordnet abgelegt. Protokoll- und Sitzungsbücher der früher eigenständigen Dörfer sind hier rubriziert, aber auch Nachlässe privater Haushalte und Unterlagen aus kirchlicher Hand.

"Lieber zu viel als zu wenig aufbewahren", ist ein Grundsatz, den Gerhard Arneth beherzigt. Gleichwohl weiß er, dass nicht alles aufgehoben werden kann. In den Hochregalen im abschließbaren und wohltemperierten Rathauskeller ist zwar noch Platz - doch unendlich viel Stauraum gibt es hier nicht. Die Akten werden in großen grauen Kartonagen gelagert, die aus feuerhemmendem Material bestehen.

Generell habe jeder Bürger die Möglichkeit, beim Gemeindearchiv Auskünfte einzuholen, der zum Beispiel lokal- oder familiengeschichtlich recherchiere, erläutert Gerhard Arneth. Auskunft werde zum Beispiel gegeben, ergänzt Alexandra Friedrich, wenn jemand Ahnenforschung betreibe und Daten zum Lebenslauf eines verstorbenen Verwandten benötigt.

Gerhard Arneth fügt hinzu, dass die Bestände des Gemeindearchivs bis ins Jahr 1904 zurückreichen - ältere Archivalien wurden an das Staatsarchiv Bamberg abgegeben.

Sehr aufwändig sei das Identifizieren und Beschriften alter Fotos gewesen, sagt Arneth. Zunächst hänge es stark vom Zufall ab, welche Bilder überhaupt von Privatleuten oder Vereinen abgegeben werden. Die meisten vorliegenden Fotos konnten - auch durch Befragen älterer Bürger - eindeutig zugeordnet werden. Einige Aufnahmen bleiben jedoch mysteriös, lassen sich nicht einwandfrei bestimmen. "Wir heben nur solche Bilder auf, die von öffentlichem Interesse sind, wir sind keine Sammelstelle für alles Mögliche", schränkt er ein.

Vor einiger Zeit, sagt Alexandra Friedrich, habe das Archiv die Ortsvereine angeschrieben, um zu erfahren, ob sie altes Material ins Gemeindearchiv abgeben möchten. Die Resonanz sei gering gewesen. Doch das sei nicht gravierend, denn die Vereine sollten ohnehin so lange sie existieren ihre Akten selbst verwalten. Erst bei der Vereinsauflösung komme das Gemeindearchiv als Aufbewahrungsort in Betracht.