Wolfgang Schoberth

Eine brave Stadt: Die Häuser sind sorgsam gepflegt, adrette Blumenkästen vor den Fenstern. Frauen kehren vor den Hauseingängen, die Kutschen stehen ordentlich abgestellt neben dem Haupttor der Stadt, dem Frauentor. Eine beschauliche Stadt: Die Bewohner sind ins Gespräch mit Nachbarn oder Freunden vertieft. Alle ohne Hast. Der Wirt der Gaststätte links vom Tor, dem Frauentor, schaut zu, wie frische Bierfässer angerollt werden, der daneben sitzende Postillon schmaucht sein Pfeifchen. Im Garten des Gasthauses haben einige Genießer Platz genommen und blinzeln in die Sonne.

Das Diorama zeigt die thüringische Stadt Mühlhausen in schönstem Biedermeier. Die Wirren der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege liegen hinter den Menschen. Man sehnt sich nach Ruhe und Ordnung, liebt die Häuslichkeit. Man merkt den Bürgern der ehemaligen freien Reichsstadt an, wie sehr sie die Schönheit ihres Ortes genießen, der den mittelalterlichen Charme bewahrt hat - die schmalen Fachwerkhäuschen, die aneinanderkleben, die Plätze, die vielen Kirchen. Unendlich fern scheint die Zeit, da unweit der Stadt die aufständischen Bauern von einem Fürstenheer zusammengehauen wurden und ihr Anführer, der Theologe und radikale Reformator Thomas Müntzer, 1525 auf dem Richtplatz von Mühlhausen öffentlich enthauptet, sein Leichnam gepfählt und aufgespießt wurde.

Das malerische Panorama stammt von Peter Rackelmann. Es ist eine Hommage an seine Geburtsstadt Mühlhausen. Doch zugleich ist es ein Diorama, das die Fachwelt absolut erstaunt hat. "Als es bei unserem ersten gesamtdeutschen Treffen nach der Wiedervereinigung 1990 im Dresdner Schloss Rammenau vorgestellt worden ist, war es eine absolute Novität. Wir alle haben damals über den versteckten Humor gemeckert", erinnert sich der Radebeuler Sammler Martin Leesch. Er gehört dem Vorstand des Fördervereins des Deutsches Zinnfigurenmuseum Plassenburg an.

Spieglein, Spieglein

Der Grund hierfür: Die Rück- und Seitenwand des Schaukastens ist verspiegelt. Dadurch werden die Dächer der Häuser, die Stadtmauer, die hinter ihr verlaufende Straße, auf der sich ein Zug Berittener nähert, perspektivisch verdoppelt. Der besondere Clou ist dabei, dass der Betrachter mitbekommt, was hinter dem Frauentor passiert. Man sieht die geöffnete Torschanke mit der Wache, die gerade abgelöst wird, daneben ein Wegschild mit dem Hoheitszeichen der alten Reichsstadt, dem Schwarzem Adler. Der Blickfang aber ist ein paar Schritt davor der Brunnen, wo vier Mädchen in Holztrögen Wasser holen. Einem von ihnen passiert ein schreckliches Malheur: Der Rock rutscht zu Boden, wohl nur eine Schrecksekunde lang. Die Wachposten sind beschäftigt, sie bekommen nichts mit. Die anrückenden preußische Kavalleristen sind noch zu weit entfernt. So sind es nur die anderen drei Mädchen, die den Schock miterleben. Doch wie Frauen sind, werden sie ihr Geheimnis mit ins Grab nehmen. Bleibt der Betrachter, aber der kann ja beide Augen fest zukneifen.