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Vom „Sturch“ und Zuwanderern


Autor: Fränkischer Tag

, Mittwoch, 22. Juli 2026

600 Jahre Marktrecht: Georg Neuberger erzählt von alten Häusern und Hausnamen
Der „Sturch“, das älteste Fachwerkhaus in Ebensfeld, ist rund 370 Jahre alt. Es wurde nach dem 30-jährigen Krieg errichtet.Heinz Fischer


Georg Neuberger war über viele Jahre Gemeindearchivar in Ebensfeld. Und er kennt die Häuser und ihre Geschichte wie kein anderer. So war der 70-Jährige prädestiniert als Führer für den historischen Dorfrundgang am Samstag.

Dazu hatte die Marktgemeinde anlässlich des Jubiläums „600 Jahre Marktrecht“ eingeladen. Bürgermeister Bernhard Storath begrüßte im Storchenhof über sechzig interessierte Bürgerinnen und Bürger aus der Gemeinde und darüber hinaus. Im Storchenhof startete auch der Rundgang mit historischem Rückblick. Historische Gebäude, so begann Georg Neuberger seine Ausführungen, würden sich größtenteils im Privatbesitz befinden. Es sei den Eigentümern zu verdanken, dass sie gepflegt und erhalten wurden.

An der Handelsstraße

Der Weg führte die Gruppe zunächst an der Hauptstraße entlang. Diese war schon im ausgehenden Mittelalter Teil der Magistrale von Nürnberg nach Leipzig. Der heutige Storchenhof bildete schon damals das Zentrum des Ortes mit Markt und Markbrunnen.

Die Häuser der reichen Bewohner entlang der Straße erkannte man daran, dass die Dachtraufen zur Straße hin zeigten. So war im heutigen Eiscafé ein Bader zuhause, im Gebäude der heutigen Metzgerei Dusold befand sich um 1819 eine Brennerei , in der Hochprozentiges hergestellt wurde. In all den Jahren seit der ersten Erwähnung im Dunkel der Geschichte gab es in Ebensfeld mindestens drei Gasthäuser, das Gasthaus zum Lamm existiert bis heute.

Ackerbürger

Der Weg führte die Gruppe an vielen stattlichen Anwesen vorbei, deren Inhaber in früherer Zeit nicht nur Landwirte waren, sondern nicht selten noch einem Handwerk nachgingen, so gab es Gerber, Färber und Schmiede. Letztere waren eher am Rand der Gemeinde anzusiedeln, da ihr Gewerbe immer eine gewisse Brandgefahr darstellte.

Im ausgehenden Mittelalter bis zur Säkularisation um 1800 waren die Ebensfelder ihren Lehensherren aus den Klöstern in Bamberg und in ganz Franken verpflichtet. Von einer Episode aus dem Jahr 1748 berichtete Neuberger. Die russische Armee , die zu dieser Zeit Krieg gegen Preußen führte, lagerte in und um Ebensfeld. Als ihr Anführer starb, wurden seine Eingeweide in der Ebensfelder Kirche bestattet, während der Leichnam nach Russland überführt wurde.

Schnaps und Monstranzen

Ein eher unscheinbares Gebäude in der Hauptstraße beherbergte bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Polizeistation. Der letzte Kommissar Georg Schäfer wurde sogar Ehrenbürger der Gemeinde. Er sorgte für Recht und Ordnung im Dorf, fand aber auch Spielräume. So umging er das Verbot, in der Eisenbahngaststätte Schnaps auszuschenken mit der Begründung, dass Reisende, die zu Fuß aus Kleukheim oder Kaider kamen, im Winter unbedingt so ein Getränk zum Aufwärmen brauchten.

Bemerkenswert auch das Anwesen der Familie Gressano, die seit 1770 in Ebensfeld lebt. Alessandro Gressano kam damals als Goldschmied aus Norditalien in die Marktgemeinde. Monstranzen und Kelche aus seiner Werkstatt gibt es heute noch in Vierzehnheiligen .

Der Weg der Gruppe führte an der Friedenslinde vorbei in die Untere Straße. Die Linde wurde anlässlich des Kriegsendes von 1871 gepflanzt.

In der Unteren Straße gibt es einige einstöckige Häuser mit Walmdach. Diese seine, so Neuberger, von italienischen Gastarbeitern gebaut worden.

Von vielen Hausnamen berichtet der Archivar, die gebräuchlich waren zur Unterscheidung bei den oftmals gleichen Familiennamen. So gab es den „Bullenböhmer“, der im Besitz des Zuchtbullen war, den „Kirchenreuther“, er wohnte neben dem Gotteshaus, und den „Staareuher“, er transportierte Steine mit seinem Fuhrwerk. Ein mutiger Bürger war der Kaiderer Nikl. Er war bei Kriegsende 1945 der einzige, der ein bisschen Englisch konnte und trat mit einer weißen Fahne in der Hand den amerikanischen Truppen entgegen.

Falsche Jahreszahl

Zurück zum Ausgangspunkt kam man am ältesten Haus der Gemeinde vorbei, dem „Sturch“. Das imposante Fachwerkgebäude stammt aus der Zeit vom Ende des dreißigjährigen Krieges, also um 1648. Bei der sogenannten Neuen Schule, hier steht die Jahreszahl 1801 über dem Portal. Dies sei, so weiß Neuberger, aber nicht richtig, die Schule wurde im Jahr 1861 erbaut, die Zahl 1801 habe bei der Renovierung der Handwerker falsch angebracht.

Am Ende der Exkursion dankte Zweiter Bürgermeister Anton Schatz Georg Neuberger. Denjenigen, die mehr wissen wollen, empfahl Neuberger zwei Bücher, den Band „1200 Jahre Ebensfeld“ und die „Ebensfelder Postkarten“. Beide Bücher sind im Rathaus erhältlich.