Lage besser als gedacht?
Autor: Fränkischer Tag
, Freitag, 03. Juli 2026
Experten warnen davor, in Deutschland alles schlechtzureden
Deutschland steckt in der Krise – doch so schlimm, wie viele glauben, ist es Experten zufolge nicht. „Die Lage ist ernst, doch die teilweise verbreitete Weltuntergangsrhetorik steht in keinem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Situation“, sagte Achim Wambach, Präsident des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), unserer Redaktion.
Zwar stimme es, dass Deutschland derzeit nicht besonders gut dastehe. „Investitionen sind mau. Das gab es noch nie in der Nachkriegszeit.“ Allerdings befinde man sich immer noch auf einem hohen Niveau.
Das am Donnerstag vorgestellte Reformpaket sei ein „wichtiger Schritt“, reiche aber wohl nicht aus, meinte Wambach. Denn der Strukturwandel und die internationalen Veränderungen setzten die deutsche Wirtschaft erheblich unter Druck. Weitere Reformschritte müssten folgen. Ähnlich bewertet Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, die Lage. „Deutschland verfügt immer noch über viel Potenzial. Dabei denke ich vor allem an die vielen tollen mittelständischen Unternehmen und ihre qualifizierten und fleißigen Mitarbeiter. Aber die haben endlich bessere Rahmenbedingungen verdient“, sagte Krämer unserer Redaktion.
Seit Monaten befindet sich Deutschland im Stimmungstief. Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ist Umfragen zufolge unzufrieden mit der Bundesregierung und sorgt sich um die wirtschaftliche Lage. Ursachen dafür gibt es viele. „Von außen kommen die hohen Energiepreise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine, teure Investitionen in Verteidigung und starker Gegenwind für das traditionelle exportbasierte Geschäftsmodell, in Folge von Zöllen aus den USA und weniger Nachfrage aus China“, sagte Makroökonom Martin Lück. Aber es gebe auch hausgemachte Probleme „wie die viel zu geringen Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Digitalisierung, Fehlsteuerung bei Bürokratie und Sozialstaat, ineffiziente Verwendung von Steuergeldern“.
Der Blick aus dem Ausland scheint indes ein anderer zu sein. Eben erst setzte das amerikanische Magazin U.S. News Deutschland auf Platz vier der besten Länder der Welt. Davor liegen nur die Schweiz, Dänemark und Schweden. Für die Bewertung wurden acht Hauptfaktoren berücksichtigt: Regierungsführung, wirtschaftliche Entwicklung, Gesundheit, Infrastruktur, Zivilgesellschaft, Kultur, Natur und Chancen auf wirtschaftlichen oder sozialen Erfolg. „Von außen wird unser Land oft deutlich stabiler, leistungsfähiger und attraktiver wahrgenommen, als wir es selbst empfinden“, sagte Wirtschaftspsychologe Joern Kettler. Man dürfe sich nicht in die Krise hineinreden. „Wir haben eine starke Infrastruktur, ein hohes Maß an sozialer Sicherheit, eine stabile Demokratie, eine leistungsfähige Wirtschaft, gute medizinische Versorgung, starke Wissenschaft, gute Ausbildungsmöglichkeiten und im internationalen Vergleich eine enorme Lebensqualität.“ Und: „Wir sollten aufhören, aus jedem Problem eine nationale Untergangserzählung zu machen.“ Es sei gefährlich, wenn eine Gesellschaft dauerhaft nur noch über Mangel, Angst und Niedergang spreche. Die Menschen würden dann Positives weniger wahrnehmen und Negatives dafür stärker.