„International sind wir zweitklassig“
Autor: Fränkischer Tag
, Mittwoch, 01. Juli 2026
Das WM-Aus führt die Nationalmannschaft an einen Tiefpunkt. Trainer der Region über die Ursachen.
Deutschland, die einstige Turniermannschaft: Das bittere WM-Aus im Sechzehntelfinale nach Elfmeterschießen gegen Paraguay hat für Fassungslosigkeit gesorgt. Während Bundestrainer Julian Nagelsmann mit dem VAR haderte und die TV-Experten über mangelndes Tempo philosophieren, liegt der deutsche Fußball vor einem Scherbenhaufen. Was lief gegen das südamerikanische Abwehrbollwerk eigentlich noch alles schief? Und wie soll es nun weitergehen?
Trainer aus der Region analysieren den sportlichen Offenbarungseid und erklären, wie die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft aussehen könnte.
Rene Ebert: Eklatante Fehleinschätzungen
Rene Ebert (SpVgg Jahn Forchheim): „Aus Fehlern der Vergangenheit wurde nichts gelernt, stattdessen hat man sie wiederholt und an einem System festgehalten, das einfach nicht funktioniert. Auch dass man den harmonierenden Bayern-Block auseinandergerissen und Joshua Kimmich auf die Rechtsverteidigerposition gestellt hat, ist für mich unbegreiflich. Er hat mir da fast leidgetan, wurde bereits gegen die Elfenbeinküste schwindelig gespielt und ist auch gegen Paraguay nach zehn Minuten bereits dem Ball hinterhergehechelt. Mir ist unbegreiflich, dass wir es nicht schaffen, einen Offensivspieler zum Außenverteidiger umzufunktionieren. Die Position ist eine der größten Baustellen im deutschen Fußball seit vielen Jahren. Maximilian Beier vom BVB wäre zum Beispiel ein Kandidat. Aber kein Kimmich, der auf der Sechs zwar Weltklasse ist, als Rechtsverteidiger aber keinen Auftrag hat. Das sind eklatante und offensichtliche Fehleinschätzungen der sportlich Verantwortlichen."
Bernd Eigner: Erhoffe mir kompletten Neuaufbau
Bernd Eigner (SC Eltersdorf): „Im Nachhinein lässt sich das leicht sagen, aber mir war bereits im Vorfeld klar, dass es keine gute WM der DFB-Elf werden wird – weil einfach nichts darauf hingedeutet hat. Die vergangenen Turniere waren mittelmäßig bis schlecht, die letzten Länderspiele in der Mehrzahl auch. Man lässt sich dann von Ergebnissen wie dem 6:0 gegen die Slowakei in der WM-Quali blenden und redet die eigene Leistung schön, aber wenn man ehrlich ist, hat Deutschland gegen eine große Nation schon längere Zeit kein gutes Spiel mehr gemacht.
International sind wir inzwischen zweitklassig und haben große Probleme gegen gut organisierte Teams, die mit Herz und Leidenschaft spielen. Taktisch haben wir uns immer auf dasselbe Muster versteift: zu viel durchs Zentrum mit zu wenig Tempo, durchschaubar und ideenlos.
Ich erhoffe mir jetzt einen kompletten Neuaufbau und sehe Jürgen Klopp auch als den idealen Mann dafür. Das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Klopp hat aber die nötige Erfahrung, kann Mannschaften hinter sich vereinen und verliert auch bei kritischen Nachfragen im Gegensatz zu Nagelsmann nicht die Fassung. Ein Bundestrainer, wie ich ihn mir vorstelle."
Carsten Nüßlein: Trainer sagt links und läuft rechts
Carsten Nüßlein (DJK Bamberg): „Es war ein erschreckendes Spiel und hat sich nahtlos in die bisherigen Auftritte des DFB-Teams eingereiht. Curacao war kein Maßstab, gegen die Elfenbeinküste hatten wir Glück, bereits die Niederlage gegen Ecuador war verdient. Ich habe mich oft gefragt, ob sie das Grätschen im deutschen Team inzwischen verboten haben. Wir haben taktisch immer an Plan A festgehalten, es gab keinerlei Alternativen. Jetzt sind wir verdientermaßen gegen das schlechteste Team im Sechzehntelfinale ausgeschieden. Ein Armutszeugnis. Bereits die Kadernominierung war eine Katastrophe, als Julian Nagelsmann etwa an Leroy Sané festhielt, mit Mathias Ginter aber einen der besten Innenverteidiger der vergangenen Saison daheimließ. Um nur zwei Beispiele zu nennen. Nagelsmann sagt links, läuft aber nach rechts. Wie er sich in der Öffentlichkeit dann präsentiert, ist eines Bundestrainers unwürdig. Auf der Trainerposition muss jetzt eine Veränderung her. EM und Nations League waren schon schlecht, das ist nun der Tiefpunkt. Ich glaube, dass Jürgen Klopp der Nachfolger wird. Schon während der WM hatte ich das Gefühl, dass im Hintergrund etwas läuft. Christian Streich ist für mich dagegen kein Kandidat als Nationaltrainer. In Freiburg hatte er jahrelang dadurch Erfolg, dass er den Bus vor dem Tor geparkt hat. Das ist aber nicht der Fußball, den ich mir für das DFB-Team in der Zukunft vorstelle.“