Druckartikel: „International sind wir zweitklassig“

„International sind wir zweitklassig“


Autor: Fränkischer Tag

, Mittwoch, 01. Juli 2026

Das WM-Aus führt die Nationalmannschaft an einen Tiefpunkt. Trainer der Region über die Ursachen.
So sehen Verlierer aus: Das DFB-Team um (von links) Nathaniel Brown, Leon Goretzka, Malick Thiaw, Nick Woltemade und Nadiem Amiri scheitert an Paraguay.Tom Weller, dpa


Deutschland, die einstige Turniermannschaft: Das bittere WM-Aus im Sechzehntelfinale  nach Elfmeterschießen gegen Paraguay hat für Fassungslosigkeit gesorgt. Während Bundestrainer Julian Nagelsmann mit dem VAR haderte und die TV-Experten über mangelndes Tempo philosophieren, liegt der deutsche Fußball vor einem Scherbenhaufen. Was lief gegen das südamerikanische Abwehrbollwerk eigentlich noch alles schief? Und wie soll es nun weitergehen? 

Trainer aus der Region analysieren den sportlichen Offenbarungseid und erklären, wie die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft aussehen könnte.

Rene Ebert: Eklatante Fehleinschätzungen

Rene Ebert (SpVgg Jahn Forchheim): „Aus Fehlern der Vergangenheit wurde nichts gelernt, stattdessen hat man sie wiederholt und an einem System festgehalten, das einfach nicht funktioniert. Auch dass man den harmonierenden Bayern-Block auseinandergerissen und Joshua Kimmich auf die Rechtsverteidigerposition gestellt hat, ist für mich unbegreiflich. Er hat mir da fast leidgetan, wurde bereits gegen die Elfenbeinküste schwindelig gespielt und ist auch gegen Paraguay nach zehn Minuten bereits dem Ball hinterhergehechelt. Mir ist unbegreiflich, dass wir es nicht schaffen, einen Offensivspieler zum Außenverteidiger umzufunktionieren. Die Position ist eine der größten Baustellen im deutschen Fußball seit vielen Jahren. Maximilian Beier vom BVB wäre zum Beispiel ein Kandidat. Aber kein Kimmich, der auf der Sechs zwar Weltklasse ist, als Rechtsverteidiger aber keinen Auftrag hat. Das sind eklatante und offensichtliche Fehleinschätzungen der sportlich Verantwortlichen."

Bernd Eigner: Erhoffe mir kompletten Neuaufbau

Bernd Eigner (SC Eltersdorf): „Im Nachhinein lässt sich das leicht sagen, aber mir war bereits im Vorfeld klar, dass es keine gute WM der DFB-Elf werden wird – weil einfach nichts darauf hingedeutet hat. Die vergangenen Turniere waren mittelmäßig bis schlecht, die letzten Länderspiele in der Mehrzahl auch. Man lässt sich dann von Ergebnissen wie dem 6:0 gegen die Slowakei in der WM-Quali blenden und redet die eigene Leistung schön, aber wenn man ehrlich ist, hat Deutschland gegen eine große Nation schon längere Zeit kein gutes Spiel mehr gemacht.

International sind wir inzwischen zweitklassig und haben große Probleme gegen gut organisierte Teams, die mit Herz und Leidenschaft spielen. Taktisch haben wir uns immer auf dasselbe Muster versteift: zu viel durchs Zentrum mit zu wenig Tempo, durchschaubar und ideenlos.

Ich erhoffe mir jetzt einen kompletten Neuaufbau und sehe Jürgen Klopp auch als den idealen Mann dafür. Das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Klopp hat aber die nötige Erfahrung, kann Mannschaften hinter sich vereinen und verliert auch bei kritischen Nachfragen im Gegensatz zu Nagelsmann nicht die Fassung. Ein Bundestrainer, wie ich ihn mir vorstelle."

Carsten Nüßlein: Trainer sagt links und läuft rechts

Carsten Nüßlein (DJK Bamberg): „Es war ein erschreckendes Spiel und hat sich nahtlos in die bisherigen Auftritte des DFB-Teams eingereiht. Curacao war kein Maßstab, gegen die Elfenbeinküste hatten wir Glück, bereits die Niederlage gegen Ecuador war verdient. Ich habe mich oft gefragt, ob sie das Grätschen im deutschen Team inzwischen verboten haben. Wir haben taktisch immer an Plan A festgehalten, es gab keinerlei Alternativen. Jetzt sind wir verdientermaßen gegen das schlechteste Team im Sechzehntelfinale ausgeschieden. Ein Armutszeugnis. Bereits die Kadernominierung war eine Katastrophe, als Julian Nagelsmann etwa an Leroy Sané festhielt, mit Mathias Ginter aber einen der besten Innenverteidiger der vergangenen Saison daheimließ. Um nur zwei Beispiele zu nennen. Nagelsmann sagt links, läuft aber nach rechts. Wie er sich in der Öffentlichkeit dann präsentiert, ist eines Bundestrainers unwürdig. Auf der Trainerposition muss jetzt eine Veränderung her. EM und Nations League waren schon schlecht, das ist nun der Tiefpunkt. Ich glaube, dass Jürgen Klopp der Nachfolger wird. Schon während der WM hatte ich das Gefühl, dass im Hintergrund etwas läuft. Christian Streich ist für mich dagegen kein Kandidat als Nationaltrainer. In Freiburg hatte er jahrelang dadurch Erfolg, dass er den Bus vor dem Tor geparkt hat. Das ist aber nicht der Fußball, den ich mir für das DFB-Team in der Zukunft vorstelle.“

Stefan Dietz: Es wird einiges auf den Prüfstand kommen

Stefan Dietz (FC Lichtenfels): „Das war ein sehr enttäuschender Auftritt. Wir haben es nicht geschafft, gegen eine schwächere Mannschaft Torchancen herauszuspielen. Paraguay hat es gut gemacht und mit einfachen Mitteln das Spiel gewonnen – und wenn wir es nicht schaffen, einen Gegner wie Paraguay in 120 Minuten zu besiegen, sind wir verdient ausgeschieden. Aber: Das Tor von Jonathan Tah zurückzunehmen war für mich überhaupt nicht nachvollziehbar. Das war ein normaler Körperkontakt – ich kann nicht verstehen, warum der Videoassistent überhaupt eingreift. Die Konsequenzen für den DFB sind jetzt schwer zu beurteilen. Es wird einiges auf den Prüfstand kommen, vielleicht auch personeller Art. Es ist zu einfach zu sagen, der Trainer sei schuld. Sicher hat Nagelsmann das mitzuverantworten – aber ich würde das in Ruhe analysieren und alles auf den Prüfstand stellen. Jürgen Klopp wird ja schon als Kandidat gehandelt. Ich fände aber auch Christian Streich cool – er hat sachliche Expertise und ist in Deutschland sehr anerkannt. Wenn es denn überhaupt so weit kommt, dass Nagelsmann nicht mehr Trainer wäre.“