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„Ein Führungsspieler duckt sich nicht weg“


Autor: Fränkischer Tag

, Mittwoch, 01. Juli 2026


Einerseits muss ich Jonathan Tah großen Respekt zollen: Er hat sich im Elfmeterschießen nicht weggeduckt, hat Verantwortung für die Mannschaft übernommen. Andererseits war die Ausführung alles andere als souverän. Von einem Profi darf man erwarten, den Ball aus elf Metern im Tor unterzubringen. Es ist statistisch belegt, dass Elfmeterschießen kein Glück ist und sich trainieren lässt.

Ich hätte in dieser Situation auch von Leon Goretzka erwartet, diesen Mut zu haben und an den Punkt zu treten. Bei allem Respekt: Ein so erfahrener Führungsspieler darf sich nicht davor scheuen, an den Punkt zu treten, und muss klare Kante zeigen. Wir reden hier schließlich von einem WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft .

Wenn ich zu meiner Zeit als Profi vor einem Elfmeterschießen gefragt wurde, ob ich denn schieße, habe ich mich dieser Verantwortung immer gestellt, kenne aber auch das Gefühl des Versagens. 2011 habe ich im türkischen Pokalfinale einen Elfmeter für Besiktas weit über das Tor geschossen, ähnlich wie Tah jetzt gegen Paraguay.

Es ist ein schrecklicher Moment, man kann es nicht anders sagen. Weil unser Torwart uns aber anschließend mit gehaltenen Elfmetern noch den Pokalsieg bescherte, hatte mein Fehlschuss keine Auswirkungen und war zum Glück schnell wieder vergessen.

Trotzdem: Deutschland hat das Spiel gegen Paraguay nicht im Elfmeterschießen oder durch das aus meiner Sicht zu Unrecht aberkannte Tor in der Nachspielzeit verloren. Wir sind an uns selbst gescheitert - mal wieder. Paraguay hat sich einfacher Mittel bedient und in einem 4-5-1-Block verteidigt. Das haben sie zwar gut gemacht, von einer deutschen Nationalmannschaft und einem Trainer, der taktisch viel auf sich hält, erwarte ich hier allerdings Lösungsansätze. Diese waren aber nicht zu erkennen.

Ich bin gespannt, wie Frankreich im Achtelfinale mit dieser Spielweise umgeht, glaube aber, dass die Franzosen offensiv deutlich schwerere Geschütze auffahren können und Paraguay letztlich klar besiegen. Unser Spiel war jedenfalls bestes Anschauungsmaterial, wie man es nicht versuchen sollte. Dem deutschen Fußball kann das weitere Turnier nun egal sein, er muss sich vielmehr Gedanken machen, wie der Weg bis zur Europameisterschaft in zwei Jahren weitergehen soll, wo die Gründe für das erneute Scheitern bei einem großen Turnier liegen und wer einen aus meiner Sicht nötigen Umbruch einleiten und begleiten soll.

Dass Julian Nagelsmann nach diesem Turnierverlauf im Amt bleibt, ist aktuell schwer vorstellbar. Jürgen Klopp gilt als möglicher Nachfolger, ich könnte mir auch Christian Streich sehr gut auf dieser Position vorstellen. Es geht aber nicht nur um den Trainer. Auch die Mannschaft muss sich hinterfragen, warum es in dieser Konstellation wieder nicht funktioniert hat. Für einige Spieler der älteren Generation wird es mit Sicherheit das letzte große Turnier gewesen sein.

Manuel Neuer hat sein endgültiges Karriereende in der Nationalmannschaft nach dem Spiel bereits verkündet. Das ist richtig so, der deutsche Fußball muss sich erneuern, den Umbruch einleiten. Sonst könnte die EM ein ähnlich unschönes Ende nehmen.