„Der Sandmann“: audiovisuelles Spektakel und Logorrhoe
Autor: Rudolf Görtler
Bamberg, Donnerstag, 24. März 2022
Man kann das natürlich machen. Aus einem Text einige Bausteine extrahieren und assoziativ darüber improvisieren, am besten zusammen mit einem...
Man kann das natürlich machen. Aus einem Text einige Bausteine extrahieren und assoziativ darüber improvisieren, am besten zusammen mit einem Schauspielerkollektiv. Hannes Weiler hat das gemacht, es ist seine Spezialität.
Der Regisseur bearbeitete bereits Bulgakow, Stendhal , in Bamberg 2016 E.T.A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“. Das Schauerromantische, Psychopathologische hat es ihm offenbar angetan. Nun hat er sich zusammen mit dem Ausstatter und bildenden Künstler Florian Dietrich über den „Sandmann“ hergemacht, der im Studio bis Ende April zu sehen ist.
Das von Hoffmann laut Auskunft seines Biografen Rüdiger Safranski nicht sonderlich geschätzte Nachtstück, vor über 200 Jahren entstanden, birgt ja in der Tat erschröckliche Momente, die auch dem horrorgestählten Leser/Zuschauer von heute Schauer über den Rücken jagen können – vor allem dem Motiv herausgerissener Augen geschuldet. Dazu das Protokoll einer psychischen Erkrankung, Einbruch des Wahnsinns in den Alltag, wie so oft bei E.T.A. Hoffmann , dazu das Motiv des künstlichen Menschen, dazu eine abenteuerliche Erzählstruktur aus Briefen und dann auktorialem Erzählen: All dies macht die Geschichte vom Hamburger Thalia- bis zum Bamberger Marionettentheater zum zeitlos interessanten Sujet.
Fantastische Kostüme
Wobei in Weilers Version E.T.A. Hoffmanns Geschichte erst nach 15 Minuten mit „Ach – Ach – Ach“ durchschimmert, bekanntlich die einzige Äußerung, zu der die Automate Olimpia fähig ist und damit den Helden Nathanael begeistert, der sich in der Figur narzisstisch spiegelt.
Vorher reden die Figuren wirr durcheinander. Vater, Mutter, Nathanael und Clara tauchen auf in fantastischen, surrealen Kostümen und wechseln die Rollen flottierend, keine leichte Aufgabe für drei Schauspieler und eine Schauspielerin , die sie jedoch professionell bewältigen. Die Logorrhoe der Protagonisten mit umgangssprachlichen Phrasen und Wortschleifen geht auf die Nerven, wie wohl tut dann ein Originalzitat aus Hoffmanns Text.