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Das Märchen von der deutschen Größe


Autor: Fränkischer Tag

, Dienstag, 30. Juni 2026

Das WM-Aus ist mehr als eine sportliche Enttäuschung. Es steht sinnbildlich für ein Land, dessen Selbstbild immer weiter von der Realität abrückt – in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.


Natürlich musste das auch noch kommen. Als hätte es eines weiteren Beweises gebraucht, wie weit Realität und Wunschdenken in diesem Land inzwischen auseinanderliegen: Friedrich Merz hat ihn mit genau jener Treffsicherheit geliefert, die der deutschen Mannschaft gefehlt hat. „Was für ein Spiel“, jubelte der Bundeskanzler in den sozialen Medien über das Fiasko von Foxborough. „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“

Selbstwahrnehmung

und Fremdwahrnehmung

Es war der unbeholfene Versuch, etwas schönzureden, was nicht schönzureden ist. Dass Merz wenig später versuchte, seine Euphorie etwas herunterzudämmen, konnte die Situation kaum mehr retten. Denn das, was der Kanzler vorführt, ist längst zu einem Grundproblem geworden: Das Bild, das wir von uns selbst haben, ist nicht mehr deckungsgleich mit dem, wie es sich anderen bietet.

Deutschland ist zu einem Scheinriesen geworden – der Fußball ist nur ein Symbol dafür. Anders als beim Scheinriesen „Herr Tur Tur“ aus dem Märchen von Michael Ende sind es aber nicht die anderen, die über die vermeintliche Größe und Großartigkeit Deutschlands staunen, es sind wir selbst,die sich für größer halten, als wir sind.

Andere Nationen

hängen uns ab

Egal, ob es die Wirtschaft ist, die Schulbildung oder die Infrastruktur – längst hängen andere Nationen uns ab. Und sie machen noch nicht einmal einen Hehl daraus, dass sie die Entwicklung mit einer gewissen Schadenfreude betrachten. „Flop Germania“, kommentierte die italienische Gazzetta dello Sport. „Aus, aus, aus, aus, die WM ist aus – zumindest für den Champion von 2014“, stichelte das Schweizer Blatt Blick.

Jahrelang hat sich der Mythos gehalten, dass im Grunde die halbe Welt auf uns neidisch ist und die andere Hälfte bewundernd zu uns aufblickt. Nun ist Mitleid das Einzige, was uns noch angeboten wird. Deutschland hat sich selbst verzwergt – und es noch nicht einmal gemerkt. Der Kanzler fällt aus allen Wolken, wenn statt Deutschland Österreich den Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erhält.

Beim Thema KI hören wir auf Bedenkenträger

Die Autobauer geben sich pikiert, wenn die E-Autos der Chinesen mit ihren rasanten Innovationszyklen auf den Markt drängen. Beim Thema künstliche Intelligenz werden eher die Bedenkenträger gehört als jene, die die Chancen sehen. Doch viel lieber als auf die eigenen Fehler blicken wir auf die der anderen – und schießen uns damit ein Eigentor nach dem anderen.

Ein Sommermärchen hatten sich Politik und Gesellschaft gewünscht, damit die Stimmung im Land endlich einmal wieder ins Positive umschlägt. Ganz davon abgesehen, dass man sich mit der ewigen (und bisweilen sehr eindimensionalen) Kritik am Gastgeber USA die Stimmung schon vor dem Anpfiff gründlich verdorben hat.

Gesellschaft als Teil

des größeren Ganzen

Es ist manchmal schlicht zu viel erwartet, dass Mut und Zuversicht und Zufriedenheit frei Haus geliefert werden können wie ein Paket von Zalando. Es sich auf dem Sofa bequem zu machen und mit einem „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“ zu kommentieren, wenn die deutsche Mannschaft aufläuft oder die Regierung ihre Reformen präsentiert, ist zu wenig. Auch die Gesellschaft selbst muss sich klarmachen, dass sie Teil eines größeren Ganzen ist. Dass sie es ist, vor deren Beharrungskräften die Politik bisweilen in die Knie geht und sich kampflos ergibt.

Natürlich ist es schwierig, alte Gewissheiten loszulassen. Doch manchmal hilft es schon, sich auf das zu besinnen, was einst eine Stärke war: Hat es uns nicht die Nationalelf immer wieder vorgemacht, dass sie selbst aus schier ausweglosen Situationen noch als Sieger vom Platz gehen kann? Es ist Zeit, das Spiel zu drehen!