Avantgarde aus dem Schloss
Autor: Rudolf Görtler
Bamberg, Donnerstag, 18. Februar 2021
Vor 50 Jahren erschien das epochale "Tago Mago" der Kölner Band "Can". Auch heute bietet das Doppelalbum ein radikales Hörerlebnis.
Rudolf Görtler
Wenn auch in der Überschrift das Wort "Rock" erscheint, charakterisiert das mitnichten die Musik, die von der Gruppe "Can" seit Februar 1971 auf einer Doppel-LP zu hören ist. Ja, Irmin Schmidt, der Gründer der nennen wir sie Formation oder Gruppe, die nicht zufällig 1968 entstanden war, sprach von einer "anarchistischen Gemeinschaft". "Tago Mago", benannt nach einer Baleareninsel, hat nichts mit Blues, Rock'n' Roll, herkömmlichen Songstrukturen oder hitparadentauglicher Popmusik zu tun.
Zeit der Auf-und Umbrüche
Abgesehen vielleicht von den frühen Platten von Frank Zappas "Mothers of Invention", war im, nun ja, Rockkontext noch nie so radikal mit allen Konventionen gebrochen worden. Das hatte naturgemäß Gründe. Irmin Schmidt (Keyboards) hatte zusammen mit Holger Czukay (Bass) bei Karlheinz Stockhausen gelernt und nach Kompositionsstudium und Dirigentenausbildung eine respektable Karriere in der Klassik-Szene vor sich.
Ein Ausflug nach New York, Zusammentreffen mit Terry Riley , Steve Reich und Jazzmusikern setzten ihn auf eine andere Schiene - 1968 war eben die Zeit der großen Auf- und Umbrüche.
Zudem waren die beiden Gründer mit rund 30 Jahren auch keine Teenies mehr. In Jaki Liebezeit (ebenfalls schon 30) am Schlagzeug, der vom Free Jazz kam, und dem Gitarristen Michael Karoli fanden sie kongeniale Mitstreiter. Der Sänger Malcolm Mooney verließ die Gruppe auf Anraten seines Psychiaters bald wieder und wurde durch den japanischen Straßenmusiker Kenji "Damo" Suzuki ersetzt.