Im Land des Archosaurus – Exkursion durch die Kernzone Reither Mühle
Autor: Saale-Zeitung
, Mittwoch, 28. Oktober 2026
Quelljungfer, Mopsfledermaus, Ästiger Stachelbart. Exotisch anmutende Tier- und Pflanzenarten wie diese lernten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der geführten Wanderung der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) durch die Kernzone „Reither Mühle“ bei Oberthulba kennen. Amelie Nöth, Rangerin im Naturpark und Biosphärenreservat Bayerische Rhön, führte die Tour.
Los ging es am fünfeckigen gelben Schild mit der Eule und der Aufschrift „Naturschutzgebiet Kernzone“. Kernzonen sind streng geschützte Naturräume, in denen sich die Natur ohne Einfluss des Menschen nach eigenen Gesetzen entwickeln darf. Insgesamt 94 Kernzonen gibt es in der Rhön. Die 57 Hektar große Kernzone „Reither Mühle“ ist geprägt von naturbelassenem Wald und dem wilden Bett der Thulba. „Nicht bewirtschafteter Wald enthält viel Totholz“, informierte Nöth die 13-köpfige Gruppe. Das ist Lebensraum für zahllose Käferarten und Pilze wie die Verzweigte Becherkoralle und den Ästigen Stachelbart. Nöth erklärte, wie das Gebiet entstand: „Vor etwa 250 Millionen Jahren wurden Sande und Tone unter hohem Druck zu Buntsandstein verdichtet, die rötliche Färbung lässt auf ein einst wüstenartiges Klima schließen.“ Als sich das Gesteinsbecken mit Wasser füllte, siedelten sich marine Lebewesen an, unter ihnen Archosaurier, die als Vorfahren der Dinosaurier gelten.
Seltene Arten heimisch
Heute fühlen sich zwischen den moosbewachsenen Gesteins-Brocken auch seltene Arten wie der Schwarzstorch und die Europäische Wildkatze wohl. Beim Abstieg ins Thulbatal wandelte sich das Bild: Eichen und Hainbuchen wurden von Rotbuchen und Erlen verdrängt, die Spechten, Eulen und Kauzen Unterschlupf bieten. „Dank ihrer geräuscharmen Federn fangen die lautlosen Jäger bis zu vier Mäuse pro Nacht“, erläuterte Nöth. Ebenso in den Wäldern beheimatet sind 18 der in Deutschland verbreiteten 25 Fledermausarten, darunter die streng geschützte Bechstein- und Mopsfledermaus. Als die Rangerin zwei präparierte Tiere herumreichte, sprudelten rasch eigene Erfahrungen hervor – von bevölkerten Kellern und Kirchturmstuben voller Fledermauskot.
Im Talboden erwartete die Gruppe die Thulba, in der sich Forellen, Schmerlen und Mühlkoppen tummeln. „Dreieckskopfstrudelwürmer, Köcherfliegen- und Steinfliegenlarven sind Indikatoren für eine gute Wasserqualität“, sagte Nöth und reichte ein Becherglas herum, das auch Irene und Thomas Weitz eingehend studierten. Die beiden waren zum ersten Mal bei einer KLB-Veranstaltung dabei und begeistert vom Reichtum des Naturjuwels. Im kälteren Wasser einer Quelle leben Spezialisten wie Quelljungfern, die Rhönquellschnecke und die Larven des Feuersalamanders. Größte Bedrohung für die Tiere mit der auffälligen Farbgebung ist der Salamanderfresser (Bsal), ein über den Zoohandel eingeschleppter Hautpilz, der in manchen Regionen Deutschlands bereits große Schäden verursacht hat. „Während gegen den Pilz nur Schuhe säubern hilft, kann man dem invasiven Amerikanischen Signalkrebs durch Fangen und Essen zu Leibe rücken“, scherzte Nöth.
Mit Sorge verwies die Rangerin auf den jüngsten Waldbericht aus dem Jahr 2023. „Uns erwarten unruhige Zeiten“, prognostizierte sie. Die langjährigen KLB-Mitglieder Sigrid und Georg Rottenberger konnten das bestätigen; sie bewirtschaften selbst vier Hektar Wald und wissen um die dramatischen Veränderungen. Gut tat da auch der Geistliche Impuls von Silvia Weisenberger, die das „Gebet einer Ameise“ vortrug.