Eine Heilige im Haarkleid
Autor: Saale-Zeitung
Münnerstadt, Dienstag, 09. Juni 2026
Vortrag Den Altar in der Stadtpfarrkirche haben zwei der bedeutendsten Künstler des Spätmittelalters geschaffen. Zentrale Figur ist Maria Magdalena, die Mitte des 18. Jahrhunderts entfernt wurde. Was dahinter steckt.
„Der Altar in der Stadtpfarrkirche von Münnerstadt zählt zu den ersten großen Arbeiten, die der Künstler Tilman Riemenschneider im ausklingenden 15. Jahrhundert geschaffen hat.“ Mit dieser Feststellung unterstrich Dr. Claudia Lichte in ihrem Vortrag über das Kunstwerk dessen Bedeutung gleich zu Beginn ihres Vortrags, wie es in einem Pressebericht heißt. Bis heute würden die Bildwerke des Altars durch ihre hohe schnitzerische Qualität, ihre sorgfältige Detailbearbeitung sowie durch ihre Ausdrucksstärke beeindrucken.
Im Laufe ihrer Ausführungen erfuhren die mehr als 100 Gäste in der Pfarrkirche noch viel mehr darüber, weshalb der Altar etwas Besonderes ist. Dazu gehört natürlich auch die Arbeit von Veit Stoß, der die vier Tafeln für das Retabel malte. Das Kunstwerk gehöre zu den größten Altaraufsätzen, (Fachausdruck: Retabel) Riemenschneiders. Der Skulpturenbestand sei überwiegend bewahrt. Gleichzeitig ist das Retabel die erste, quellenmäßig belegte Arbeit für Riemenschneider.
Außerdem sei der Altar ein faszinierendes Zeugnis aus der Notzeit des Veit Stoß nach 1503; dieser war zuvor in Nürnberg wegen Urkundenfälschung mit dem Gesetz in Konflikt geraten und deshalb zu seiner Tochter nach Münnerstadt geflüchtet. In der Stadt bekam er den Auftrag für die Altartafeln und die Fassung des Altars.
Ohne Hilfe von Gesellen geschaffen
In Münnerstadt hat Veit Stoß nach heutigem Stand der Forschung wohl eigenhändig ohne Hilfe von Gesellen sein Werk geschaffen. Seine Individualität im Schaffen erkenne man hier deshalb besonders gut: an der hohen Stirn der dargestellten Personen, an den geschwungenen Brauen, den schmalen, langen Nasen oder den Mündern, erläuterte Dr. Lichte.
Claudia Lichte führte das Publikum zurück in den Juni 1490, als Tilman Riemenschneider den Vertrag zur Schaffung des Altars mit der Stadt Münnerstadt schloss. Der Altar sollte um Ostern 1492 fertiggestellt sein. Die Abschlusszahlung für sein Werk erhielt Riemenschneider im September 1492.
Die zentrale Figur der Kirchenpatronin, die Heilige Maria Magdalena, habe Tilman Riemenschneider im Stil der damaligen Zeit gearbeitet. Die Darstellung der Heiligen mit Haarkleid sei zu dieser Zeit Standard gewesen, zeigte die Referentin anhand anderer Bildbeispiele.
Tilman Riemenschneider habe sich bei seiner Arbeit nicht immer genau an die vertraglich vereinbarten Vorgaben gehalten, erklärte die Kunsthistorikerin. Das betrifft die Engel, die die Magdalena einrahmen, oder die Figuren der Evangelisten. Eigentlich sollten diese als Brustbilder dargestellt sein. Riemenschneider hat jedoch Sitzfiguren geschnitzt. Diese Tatsache habe in der Fachwelt auch zu Diskussionen geführt, ob die Evangelisten tatsächlich nach Münnerstadt gehören. Claudia Lichte ist der Überzeugung: „Tilman Riemenschneider hat sich die Freiheit genommen.“