Der Verlassenen Vater
Autor: Saale-Zeitung
Bad Brückenau, Donnerstag, 16. April 2026
Wort zum Sonntag für den 19. April:
Ich bin ein Tröster. Das ist mein Amt. Die blutigen Knie sind bei mir am richtigen Ort, die Liebeskummerkästen ebenfalls. Die Tränen wische ich vom Boden. Auch bin ich der Klageweiber Liebster auf Zeit. Nur im Falle der Verlassenen geht es mir immer schief. Ich werde zum Trostlosen. Hilfe ist nicht zu erwarten, nicht von mir. Und doch, sagt man, gäbe es irgendwo der Verlassenen Vater. Ob er im Himmel wohnt oder auf Erden oder in Menschen, die auserwählt sind für dieses Amt? Vielleicht ist er das große Gottesgeheimnis in der kleinen Welt?
Der Verlassenen Vater sammelt den Jammer der Menschen in Körben aus Weidengerten und Erbarmen. Er rettet die entbundenen Leben. Denn der Mensch als Verlassener ist die riskanteste Nebenwirkung des Schicksals, ein Weggeworfener, eine halb gerauchte Zigarette, ein niemals vollendeter Brief. Verlassene treiben auf den Strömen des Lebens dahin wie luftleere, in der Mitte geknickte Bälle, einfältig sozusagen.
Da ist, nur als Beispiel, als jammervolles Exempel, dieser Amtmann, ein hagerer, selbststolzer Staubfänger, immer adrett gekleidet und gesinnt. Alles ordnet er zielsicher seinem Karteikastenleben unter, auch seine farblose Ehe. Greifbar müssen die Dinge sein und ihren festen Platz haben. Der Wecker in Halbarmlänge auf dem Nachttisch, die aktuelle Zeitung im Ständer immer ganz vorn, und die Frau Gemahlin am Samstagabend nackt in den Kissen, wenn der Amtmann dampfend aus der Wanne kommt, gemessenen Schrittes. Ein Herr, der Doppelhaushälften liebt, den Veränderungen martern und dem alles Spontane die Grundfesten der Welt bedroht. Das ganze Leben ein gut sortiertes Büro. Ein Kauziger, der niemals ausstirbt und immer aus der letzten Zeit in die nächste hinüber ragt. So tropft des Amtmanns Honigleben süß, aber zähflüssig dahin.
Bis eines Tages unvermittelt und unangekündigt seine Gattin nach neunundzwanzig eheähnlichen Jahren flieht. Sie hinterlässt einen zweiseitigen Brief, der des Amtmannes gewesenes, gegenwärtiges und zukünftiges Leben gnadenlos vernichtet. Plötzlich fällt der Gatte als sein eigenes Kartenhaus in sich selbst zusammen. Der Reinliche irrt schmutzig durch die Räume, in denen nichts mehr greifbar ist und alles seinen Platz verloren hat. Selbstvergessen trampelt er auf verschmierten Brotresten und zerknitterten Kontoauszügen herum und wirft sich halbe Sätze zu. Ein hohles Wesen, wie eine ausgenommene Ente im Topf, ein von allem Trost Verlassener. Selbst der Tod geht gnädiger mit seinen Opfern um.
Da ist des Weiteren, nur als Beispiel, als jammervolles Exempel, die vergessene Schöne, in ihre späteren Jahre gekommen. Man hat ihr ein halbes Leben lang die heißesten Schwüre ins Ohr geflüstert. Noch vor wenigen Monden konnte sie mit tiefen Blicke zielsicher vernichten oder verschonen, verstoßen oder begnadigen. Sie hat sich niemals der Kleidung der Zeit anpassen müssen. Es war immer umgekehrt. Wer an ihr vorbeiging, verbog sich wie ein schiefer Baum, um sie noch einmal, rückwärtig, zu sehen. An schönen Gefährten hatte sie niemals Mangel, Herren mit Ambitionen, Aufstreber.
Plötzlich kommt sie in die Welkjahre mit all der Faltigkeit und dem entstrafften Leib. Eine Verlassene der Erwählung, die allenfalls noch Mitleid sieht in den Spiegelaugen der anderen, die schlimmste Form der Abwendung vom Glanz heller Tage. Das Versinken der Schönheit ist die grausamste Form des Zurücklassens. Sie tötet langsam. Sei säumt die Straße mit verlebten Opfern.