Der Himmel über dem Schneyer Schloss verfinsterte sich immer mehr. Als die ersten Regentropfen fielen, scherzte Fritz Schösser, der ehemalige Vorsitzende des DGB-Landesbezirks Bayerns: "Menschen, die eine Glatze haben, merken das eher." Die witzige Bemerkung fiel im Smalltalk mit zwei Urgesteinen des Schneyer DGB-Ortskartells: Paul Böhmer (77) und Hans-Georg Schmidt (83). "Wir sind die Fußsoldaten der Gewerkschaft", stellte Letzterer sich und seinen Freund vor.


Mitgliedsmarken geklebt

Welche Aufgaben hat diese Truppe? Der altgediente Gewerkschafter musste nicht lange überlegen: "Wir haben fleißig plakatiert und demonstriert." Schmidt erinnerte sich an die Zeiten, als man jeden Monat Mitgliedsmarken in das Gewerkschaftsbuch einkleben musste. Sogar ihren Preis weiß der Schneyer noch: "20 Pfennig". Schmidt und Böhmer waren treue Seelen der Gewerkschaft, die keine herausragenden Ämter innehatten, aber verdienstvoll als Beisitzer im Vorstand des DGB-Ortskartells Schney wirkten.
Schmidt hält dem DGB seit 68 Jahren die Treue, Böhmer seit über 50 Jahren. "Bei Veranstaltungen kreuzten sich unsere Wege schon mehrmals", sagte Böhmer. "Ich habe ihn gleich wiedererkannt", erwiderte Schösser. Der bekannte Gewerkschaftsfunktionär, der für die SPD von 1994 bis 1998 im bayerischen Landtag und von 1998 bis 2005 im Bundestag saß, ist ein geselliger Mensch, der offen und herzlich auf andere zugeht. Der DGB-Kreisverband Lichtenfels hatte ihn nach Schney eingeladen, wo man 70 Jahre Einheitsgewerkschaft in Bayern feierte.
Schösser ist aber auch ein Mann klarer Worte. Das stellte er in seinem Festvortrag, der wegen des Regens vom Außen- in den Innenbereich der Frankenakademie verlegt werden musste, eindrucksvoll unter Beweis. Bei seinem verbalen Spaziergang durch sieben Jahrzehnte Einheitsgewerkschaft ritt er Attacken auf die Arbeitgeber, sparte aber auch nicht mit Selbstkritik.


"Zur Arbeit geboren"

Zunächst ließ Pfarrerin Tanja Vincent aus Schney mit Gedanken aufhorchen, die Schösser später aufgreifen sollte. "Der Mensch ist zur Arbeit geboren, wie der Vogel zum Fliegen", zitierte sie Martin Luther, um dann eine Gemeinsamkeit mit der Gewerkschaft herauszustellen: "Der Mensch braucht auch freie Tage." Mathias Eckardt, Geschäftsführer der DGB-Region Oberfranken, hatte die Zuhörer mit Blick auf die Bundestagswahl im September dazu aufgerufen, die Abgeordneten direkt auf Themen wie die Rente oder prekäre Beschäftigungen anzusprechen.
Schösser adressierte seine Worte an Menschen wie die eingangs erwähnten Schneyer Urgesteine. "Diese Menschen haben sich nicht für die billige Tour entschieden. Sie sind der Gewerkschaftsbewegung beigetreten, haben Beiträge bezahlt und damit auch etwas für jene Schmarotzer getan, die sich vor einer Gewerkschaftsmitgliedschaft gedrückt, bei jeder Lohnrunde gemosert, aber die Erhöhung willkommen eingesteckt haben", sagte der Festredner lobend und laut polternd zugleich.
Spontaner Beifall brandete auf, der während seiner gesamten Rede immer wieder zu hören war. Schösser schilderte, wie sich der DGB nach dem Krieg mit der Gründung der Neuen Heimat um den sozialen Wohnungsbau verdient gemacht hatte, stellte aber auch die Vorstandsmitglieder an den Pranger, die im Zuge des Neue-Heimat-Skandals in den 80er Jahren die Gewerkschaft fast in den Ruin getrieben hätten. "Das gehört zur Geschichte dazu", räumte der Referent ein. Als Höhepunkt im gewerkschaftlichen Kampfzyklus der Nachkriegszeit rühmte er die Einführung der 35-Stunden-Woche.
Schösser rief die Mitglieder dazu auf, sich Arbeitnehmern zuzuwenden, die sich nicht in Normalarbeitsverhältnissen befänden wie Leiharbeiter oder Scheinselbständige. Den Vergleich der Schneyer Pfarrerin mit dem Vogel ließ Schösser nicht unkommentiert: "Ein Vogel fliegt nicht, um Gewinne für jemanden zu machen, sondern um sich zu ernähren. Auch er legt Ruhepausen ein. Das finde ich, ist das Schöne am Vogel." DGB-Kreisvorsitzender Heinz Gärtner bedankte sich bei Schösser für seinen gelungenen Vortrag mit einer Korbmacherin aus Porzellan.