Kreis Haßberge —  Die mündliche Verbreitung amtlicher Bekanntmachungen war in den Gemeinden früher die Aufgabe der Gemeindediener. Weil sie fast immer auch eine Glocke mit sich führten, um die Bürger auf ihrem Weg durch die Straßen auf die neuesten Nachrichten aufmerksam zu machen, nannte man sie Ausscheller. In Zeil oblag diese Aufgabe zeitweise dem städtischen Polizeidiener.

Ein Ausscheller war eine von der Gemeinde haupt- oder nebenberuflich beschäftigte Person, die in früheren Zeiten durch laute, mündliche, öffentliche Verbreitung von Bekanntmachungen die Gemeindemitglieder informierte. Mit der Ortsschelle in der Hand machte er seine festgelegte Runde durch den Ort. An allen markanten Plätzen blieb er stehen, läutete mit seiner Glocke und verschaffte sich Gehör. Die Bürger traten vor die Tür und hörten zu.

Glöckchen auf der Kapelle

Wenn der Zeiler Bürgermeister seine Bürger im Rathaus zusammenrufen wollte, um eine Anordnung bekanntzugeben, Ar-beiten zu verstreichen oder einen gemeindlichen Äcker oder eine Wiese zu verpachten, wurde das Glöckchen auf der Annakapelle geläutet. Das war ein Zeichen, dass die Bürger pflichtgemäß zu erscheinen haben.

1909 erwog Bürgermeister Kraus die Installierung einer Glocke auf dem Dach des Rathauses. Dadurch wollte sich die politische Gemeinde von der Kirchengemeinde unabhängig machen.

Weil das Städtchen nach der Ansiedlung von Fabrikbetrieben sich baulich ausweitete, verlor das Glöckchen allmählich seine weltliche Funktion. Fortan sollte der Gemeindediener mit der Amtsglocke in der Hand der verlängerte Arm des Bürgermeisters sein. In den schlimmen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ließ er zum Beispiel bekanntgeben, dass auch das Ausstechen von Ringelbüschen als Feldfrevel geahndet werde.

1926 warnte der Ortspolizist vor der Verwendung geflickter Sicherungen. Solche haben durch Kurzschluss öfters Brände in den Häusern verursacht. 1928 schaffte Zeil vorübergehend das Ausschellen ab und führte die Amtstafeln ein, auf denen Bekanntmachungen und Anordnungen ausgehängt waren. Der Zeiler Pfarrer Dümler schreibt hierzu in seiner Pfarrchronik: "Wie vor 40 Jahren der Stadttürmer zu tuten aufhörte, so verstummt jetzt die Ortsschelle. Das Alte stürzt."

Im Dritten Reich wurde das Ausschellen wieder eingeführt. Allerdings ließ der Bürgermeister den Gebrauch der Ortsschelle nur in ganz besonders wichtigen Fällen zu.

In den Nachkriegsjahren zog der Amtsdiener durch die Gassen, um Verlautbarungen aus dem Rathaus und die Anordnungen der amerikanischen Militärregierung bekanntzumachen. Doch die Amerikaner neigten dazu, den Deutschen ihre Verfügungen schwarz auf weiß in Amtskästen mitzuteilen. Anfangs hefteten die "Amis" die Befehle der Militärregierung noch selbst an die Anschlagsstellen. Weil sie nicht alle Standorte kannten, hielten Amerikaner in Zeil eines Tages den jungen Robert Kirchner an, der gerade mit seiner Schwester durch die Stadt lief. Kirchner, der später einmal Stadtrat werden sollte, setzte sich auf den Jeep und zeigte befehlsgemäß den Befreiern die amtlichen Tafeln in Zeil und Schmachtenberg.

Nach und nach etablierten sich in den Gemeinden und Verwaltungsgemeinschaften amtliche Mitteilungsblätter. Seitdem bekommen alle Bürger die Verordnungen und Bekanntmachungen der Stadtverwaltung über dieses Mitteilungsblatt ins Haus geliefert.

Die Tätigkeit von Ausschellern war vor allem in den Landgemeinden noch lange Zeit üblich. Jeden Abend gab in Prappach in den frühen 1950er Jahren der Gemeindediener Georg Ankenbrand durch die Ortsschelle bekannt, welche Gruppen für den Straßenbau am folgenden Tag zum Einsatz kommen und welche Fuhrleistungen zu erbringen sind.

Fernsehteam in Weisbrunn

Noch bis in die 60er Jahre war die Selbsthilfe ausgeprägt. Wenn es galt, kommunale Projekte mit Hilfe der Bürger zu verwirklichen, waren Hand- und Spanndienste an der Tagesordnung.

1965 weilte sogar ein Fernsehteam in Weisbrunn, um dort Aufnahmen von der Gemeinschaftsarbeit zu machen. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass die Bürger nicht erst lange "gebittelt und gebettelt" werden müssten, wenn es um das Zupacken geht. Es genüge oft ein Zeichen mit der Gemeindeglocke, hieß es. Jeder wusste dann sofort Bescheid, dass er aufgerufen ist mitzuhelfen.

1964 legte in Fürnbach der Gemeindediener Georg Hornung seinen Posten nieder. Da sich zunächst niemand bereitfand, das Amt zu übernehmen, blieb dem 73-jährigen Bürgermeister Georg Thierstein eine Zeit lang nichts anderes übrig, als selbst die Ortsschelle in die Hand zu nehmen und seine Bekanntmachungen - die zumeist seinen Namen trugen - höchstselbst bekanntzugeben.

Die Ortsschelle, die in Krum jahrzehntelang die amtlichen Bekanntmachungen ankündigte, musste 1966 "in Pension" geschickt werden. Niemand hatte sich mehr bereitgefunden, im Dorf herumzulaufen und die Anordnungen bekanntzugeben. Bürgermeister Alois Mantel informierte seine Krümler daraufhin schriftlich.

Lautsprecheranlage im Dorf

Die wohlhabende Gemeinde Schmachtenberg ließ 1960 an sieben Stellen im Dorf eine moderne Ortslautsprecheranlage der Firma Siemens installieren. Dieser Schritt war notwendig geworden, weil sich niemand im Ort bereiterklärte, als Gemeindediener zu fungieren und die Bekanntmachungen auszuschellen. Es war die einzige Anlage dieser Art in den 67 Gemeinden des damaligen Landkreises Haßfurt. Erstmals wandte sich Bürgermeister Jobst von Zanthier am Silvesterabend 1960 mit einer Neujahrsansprache an die Einwohnerschaft.

Wer einen Ausscheller noch sehen und hören möchte, braucht nur nach Stettfeld zu gehen. Dort ruft der 76-jährige Willibald Viering bereits seit über 50 Jahren die Bekanntmachungen der Gemeinde, der Kirche, der Vereine und Verbände aus. Bei seinem Gang durch den Ort hält er an rund 60 verschiedenen Stellen. Hierfür benötigt er zu Fuß zwei Stunden und mit dem Fahrrad die Hälfte der Zeit. Auf der Strecke gibt es so manche Gelegenheit für eine Unterbrechung und ein Schwätzchen. Einmal war er von 18 bis 23 Uhr unterwegs, was allerdings von einigen Leuten als Störung ihrer Bettruhe empfunden wurde.