VON UNSEREM MITARBEITER NIKOLAS PELKE

Ganz jung ist der Angeklagte zwar nicht mehr. Das Geld soll der 57-jährige Diplom-Verwaltungswirt aus Cadolzburg im Landkreis Fürth trotzdem gebraucht haben. Um genau 54 027,41 Euro soll der erfahrene Beamte einen kommunalen Zweckverband laut Staatsanwalt erleichtert haben. Wegen Untreue in 21 Fällen ist der Familienvater am Donnerstag vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth zu einer elfmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Im Hauptberuf ist der Angeklagte Kämmerer der Stadt Herzogenaurach.

Zum Prozessauftakt lässt Richter Bernhard Germaschewski den Angeklagten erst einmal satte 20 Minuten warten. Zumindest äußerlich gibt sich der 57-Jährige zu diesem Zeitpunkt noch gelassen. Das ändert sich schnell, als der Richter ihn nach dem Motiv für die Veruntreuung der rund 50 000 Euro vom "Zweckverband Sondermüll-Entsorgung Mittelfranken (ZVSMM)" fragt. "Massive Eheprobleme" habe er gehabt und "das Hirn ausgeschaltet", verteidigt sich der Angeklagte.

Warum zur Verschleierung immer krumme Beträge beispielsweise in Höhe von 2863,20 Euro oder 3599,30 Euro vom Verbandskonto abgehoben worden seien, will der Richter danach wissen. Kleinlaut redet sich der Kämmerer dabei beinahe um Kopf und Kragen. Die Verteidigung zieht daraufhin die Notbremse und beantragt eine kurze Beratungspause, wohl um Schlimmeres zu verhindern.

Es steht viel auf dem Spiel

Für den Angeklagten steht viel auf dem Spiel. Schon bei einer Verurteilung zu einer Bewährungsstrafe in Höhe von einem Jahr würde der Angeklagte seinen Beamtenjob und seine Pensionsansprüche verlieren, redet der Richter ihm ins Gewissen. Bürgermeister German Hacker (SPD) hat seinem Kämmerer noch am Tag der Hauptverhandlung via Zeitung demonstrativ den Rücken gestärkt und betont, dass die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen Manfred H. mit der Stadt Herzogenaurach direkt nichts zu tun hätten.

Tatsächlich hat sich der Kämmerer lediglich im Nebenjob als Geschäftsführer um den beinahe bedeutungslos gewordenen Zweckverband gekümmert, der sich "nur" noch um die Pensionsansprüche von ehemaligen Mitarbeitern kümmern musste. Die Kontrollen sind dementsprechend lasch gewesen. Das soll der Angeklagte laut Staatsanwalt ausgenutzt haben und den Zweckverband zwischen Dezember 2012 und Juni 2015 um mehr als 50 000 Euro erleichtert haben. Die illegalen Abbuchungen soll der Angeklagte als "Verwaltungsleistungen" getarnt haben.

Bereits im Jahr 2011 soll sich der Kämmerer rund 25 000 Euro aus der Verbandskasse genehmigt haben. Diese Fälle sind inzwischen allerdings verjährt.

Nach der Unterbrechung versucht der Angeklagte mit leiser Stimme überzeugend reinen Tisch zu machen. Kurz vor einer externen Buchprüfung habe er sein Fehlverhalten dem damals für den Zweckverband zuständigen Nürnberger Bürgermeister Klemens Gsell (CSU) offenbart. Gsell sei geschockt gewesen und habe die sofortige Rückzahlung gefordert. Das hat der Angeklagte auch schnell erledigt und bei der Rückerstattung der 90 000 Euro sogar an die fälligen Zinsen gedacht. Unterschlagen habe er das Geld nicht wollen.

Danach erklärt ein Polizist im Zeugenstand, dass der Kämmerer trotz Mieteinnahmen und hohem Beamtensold fast das gesamte Einkommen für teure Immobilienkredite ausgegeben habe. Zeitweise sei das komplette Nettogehalt des Kämmerers in Höhe von rund 5000 Euro für überteuerte Hausraten draufgegangen.

Leicht an Geld gekommen

Das Geld vom Zweckverband habe er praktisch zum Leben gebraucht. Bargeld habe er sich in dieser Zeit mit seinen drei Kreditkarten zu schlechten Konditionen besorgen müssen. Warum er nicht einfach zur Bank gegangen und einen Kredit beantragt hat, will der Richter wissen. Damit habe er nicht seine Freizeit verschwenden wollen. Außerdem sei es einfach leichter gewesen, via Zweckverband per Knopfdruck an das Geld zu kommen. Allerdings habe er sich immer vorgenommen, dem Zweckverband das Geld irgendwann wieder zurückzahlen zu wollen.

Staatsanwalt Markus Schönlau macht deutlich, dass er an diese Kredit-Geschichte nicht glaubt. Stattdessen habe der Kämmerer erst kurz vor dem Zusammenbruch des Kartenhauses reagiert und seine Untreue gestanden. In weniger schweren Fällen seien kleinere Beamte schon zu mehrjährigen Strafen verurteilt werden, erklärte der Staatsanwalt und forderte daher eine Gesamtstrafe von zweieinhalb Jahren zur Bewährung. Von derart "schweren Geschützen" wollte die Verteidigung nichts wissen und plädierte stattdessen für eine Strafe unter einem Jahr, damit der Kämmerer seinen Job behalten könne. Sein Mandant habe keine "Fake-Rechnungen" gestellt, die ihm aufgrund der laschen Kontrollen wahrscheinlich das ganze Schlamassel erspart hätten, ist sich Alexander Seifert sicher. Für den Kämmerer wäre es schließlich ein Kinderspiel gewesen, die Zahlungen mit fingierten Rechnungen zu frisieren. Dann wäre die falschen Abbuchungen wahrscheinlich niemanden aufgefallen.

Disziplinarverfahren läuft

Mit seinem Urteil in Höhe von elf Monaten zur Bewährung und einer Geldstrafe in Höhe von 5000 Euro hat sich das Gericht der Sichtweise der Verteidigung weitestgehend angeschlossen. Mit dem Strafmaß kann der Angeklagte zumindest theoretisch weiter Kämmerer in Herzogenaurach bleiben. Allerdings läuft noch ein Disziplinarverfahren der Landesstaatsanwaltschaft gegen den Beamten. Ganz aus dem Schneider ist der Kämmerer daher selbst mit dem milden Urteil wohl immer noch nicht. Aber ein großer Schritt zurück ins alte Leben ist offensichtlich am Donnerstag vor dem Landgericht mit ein bisschen Ach und Krach geglückt.