Versorgung ukrainischer Kriegsopfer - Uni-Klinikum Erlangen berichtet von seiner Arbeit

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Dank an den stellvertretenden Ärztlichen Direktor des Uniklinikums Erlangen Prof. Dr. Michael Uder für die Versorgung von ukrainischen Kriegsopfern im Uniklinikum Erlangen vom Bayerischen ...
Erlangen: Uni-Klinikum berichtet von seiner Arbeit : Versorgung ukrainischer Kriegsopfer -
Michael Rabenstein/Uniklinikum Erlangen

Das Uni-Klinikum Erlangen versorgt seit Kriegsbeginn kontinuierlich ukrainische Kriegsopfer. Dabei seien interdisziplinäre Zusammenarbeit und Erfahrung von Nöten, berichtet die Einrichtung von ihrer Arbeit.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine im Februar 2022 sind 96 ukrainische Patientinnen und Patienten über den Kleeblattmechanismus (s. u.) nach Bayern transportiert worden. Von den Flughäfen in Nürnberg und Memmingen aus seien sie in verschiedene Kliniken des Freistaats gebracht – 13 von ihnen ins Uniklinikum Erlangen, wie dieses berichtet.

Hier seien bislang 11 ukrainische Soldaten und 2 Tumorpatienten behandelt worden, unter anderem in der Unfallchirurgischen und Orthopädischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Mario Perl), der Hals-Nasen-Ohren-Klinik – Kopf- und Halschirurgie (Direktor: Prof. Dr. Dr. h. c. Heinrich Iro) und der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Dr. Marco Kesting).

Zudem hätten private Initiativen weitere Patientinnen und Patienten, darunter auch Kinder, ans Uniklinikum Erlangen vermittelt. Weil Kriegsverletzungen oft multipel und die Therapien anspruchsvoll und komplex seien, bedürfe es einer engen interdisziplinären Zusammenarbeit.

So befinde sich aktuell ein ukrainischer Patient in der Erlanger MKG-Chirurgie, der durch Artilleriegranaten offene Schädel- und Gesichtsverletzungen erlitten habe und von einem Team um Klinikdirektor Prof. Kesting eine chirurgische Rekonstruktion des Gesichts und des Gaumens erhielt. Die Ärztinnen und Ärzte der Unfallchirurgie-Orthopädie des Uniklinikums Erlangen kümmern sich indessen unter anderem um die Versorgung verstümmelter Gliedmaßen, um Gelenkersatz und Prothesen.

Vom Studenten zum Soldaten

Einer dieser unfallchirurgischen Patienten sei ein 24-jähriger ukrainischer Student, der zum Kriegsdienst verpflichtet worden sei. Im August 2022 sei er nahe Donezk unter Panzerbeschuss geraten, während er mit anderen Soldaten zu Fuß unterwegs gewesen sei und gerade versuchte habe, eine Deckung zu errichten. Ein Schrapnell habe seinen rechten Oberarm massiv verletzt, das Schulterblatt sei gebrochen und er habe multiple offene Wunden erlitten, ebenso Verletzungen der linken Hand und Flanke sowie des linken Knies. Der zertrümmerte Arm sei in einer Klinik vor Ort mit einem Fixateur erstversorgt worden. Ende Oktober 2022 sei der junge Mann schließlich nach Erlangen gebracht worden. „Die Frage, ob ich in diesen Krieg ziehen will, stellte sich mir nicht. Ich habe einfach die Aufforderung dazu bekommen und musste kämpfen“, berichtet der junge Ukrainer, dessen Eltern noch immer in ihrer Heimat leben würden.

Prof. Dr. Hans-Georg Palm, leitender Oberarzt der Unfallchirurgie-Orthopädie, erklärt: „Bei Menschen aus Kriegsgebieten seien meist Schuss- und Explosionsverletzungen zu versorgen, die oft mit großen Defekten bzw. Verstümmelungen einhergehen. Wir sprechen von sogenannten penetrierenden Verletzungen, wenn zum Beispiel Metallsplitter in den Körper eindringen.“

Das Uniklinikum Erlangen ist als überregionales Traumazentrum auf die Maximalversorgung Schwerstverletzter spezialisiert. Je nach Ausmaß und Art der Verletzungen werden die Betroffenen im Rahmen des TraumaNetzwerks Mittelfranken (Sprecher: Prof. Dr. Mario Perl) den verschiedenen kooperierenden Kliniken zugewiesen.

„Oft gibt es viele Lokalisationen am ganzen Körper“, so Prof. Palm weiter, der früher selbst als Einsatzchirurg bei der Bundeswehr tätig war. „Zudem können Wundverunreinigungen und sich ausbreitende Keime ein großes Problem darstellen, das wir bei uns im Haus unter anderem dank der Zusammenarbeit mit Mikrobiologie und Klinischer Pharmazie in den Griff bekommen können.“

Bei dem 24-jährigen Studenten habe das Team der Erlanger Unfallchirurgie-Orthopädie zunächst Proben aus dem Arm entnommen, um sicherzustellen, dass sich dort aktuell keine Keime ausbreiten. Im nächsten Schritt erhalte er nun ein künstliches Ellenbogengelenk – eine Spezialprothese, wie sie auch bei Tumorpatientinnen und -patienten verwendet wird. „Ich wünsche mir, dass ich meinen Arm bald wieder beugen kann, denn momentan geht das überhaupt nicht“, so der junge Mann.

Prof. Dr. Mario Perl, Direktor der Unfallchirurgie-Orthopädie, unterstreicht, dass eine optimale Versorgung von Kriegsopfern in Erlangen nur interdisziplinär und im engen Austausch mit Oberarzt Dr. Albert Schiele von der Anästhesiologischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Roland C. E. Francis) des Uniklinikums Erlangen möglich sei. Dr. Schiele ist Kleeblattkoordinator für Bayern – für das Kleeblatt Süd. Er lenke seit 2020 im Freistaat nicht nur die Patientenströme im Zuge der Coronapandemie, sondern seit dem Frühjahr 2022 auch die ankommenden ukrainischen Kriegsverletzten.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek und der ukrainische Konsul Oleksandr Prokopenko hatten gestern (24. November 2022) ukrainische Soldaten am Uniklinikum Erlangen besucht und sich dabei auch über die Arbeit des Kleeblatts informiert. Der Minister betonte: „Mein besonderer Dank gilt den Koordinatoren für das Kleeblatt Süd, Herrn Dr. Albert Schiele und Herrn Marc Gistrichovsky, für ihren unermüdlichen Einsatz. Sie finden unter Einbindung aller Akteure, insbesondere der Ärztlichen Bezirkskoordinatoren, immer die passende Behandlung am passenden Ort. Das ist medizinisch wie organisatorisch eine Mammutaufgabe!“

Das Kleeblattprinzip

Sollen Menschen aus den ukrainischen Kriegsgebieten in deutsche Krankenhäuser gebracht werden, koordiniere das zunächst das Gemeinsame Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern (GMLZ). Die konkrete Verteilung der Behandlungsbedürftigen innerhalb Deutschlands regele dann das Kleeblattprinzip, das im Frühjahr 2020 im Rahmen der Coronapandemie etabliert wurde. Es solle eine regionale Überlastung von Intensivstationen verhindern und so für alle Patientinnen und Patienten eine bestmögliche Behandlung gewährleisten. Ein bis fünf deutsche Bundesländer haben sich jeweils zu einem Kleeblatt zusammengeschlossen. Entsprechend gibt es die Kleeblätter Nord, Ost, West und Südwest. Bayern bilde allein das Kleeblatt Süd. Das GMLZ sei das sechste Kleeblatt. Der Mechanismus greife seit März 2022 auch für Hilfeleistungsersuchen aus der Ukraine – sowohl für Zivilistinnen und Zivilisten als auch für ukrainische Soldatinnen und Soldaten.