Um die Berechnung der Inzidenz bei Ungeimpften durch das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) ist eine Debatte entbrannt. Die Behörde verteidigte nun ihr Vorgehen bei der Berechnung. Konkret geht es dabei um die Frage, ob es legitim ist, Personen mit unbekanntem Impfstatus der Gruppe der Ungeimpften zuzuschlagen. Bereits im November sorgte auch ein Tweet von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für Aufruhr, weil er den extremen Unterschied bei den Inzidenzen zwischen Geimpften und Ungeimpften zeigte. Diese Zahlen sind jedoch verzerrt. 

Die Welt hatte darüber berichtet, dass die Gruppe der Personen mit unbekanntem Impfstatus einen sehr großen Teil der in die Berechnung einfließenden Personen ausmache. Demnach war bei der Berechnung für den 24. November von gut 72.000 Personen, die als ungeimpft behandelt wurden, bei mehr als 57.000 der Impfstatus unbekannt. Potenziell kann dies das Ergebnis massiv verzerren.

Inzidenz von Ungeimpften: LGL verteidigt Vorgehen

Das LGL bestätigte die Zahlen am Sonntag (5. Dezember 2021) auf Nachfrage, verteidigte aber sein Vorgehen. Zum einen weise man auf der Homepage auf die Einbeziehung der unbekannten Fälle hin, betonte LGL-Präsident Walter Jonas. Zum anderen habe sich herausgestellt, dass die Fälle mit zunächst unbekanntem Impfstatus "nach später vorliegenden Daten in der weit überwiegenden Anzahl der Fälle ungeimpft waren". Daher hätte ein bloßes Weglassen der fehlenden Werte "zu völlig falschen Inzidenzverhältnissen geführt".

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Zudem betonte Jonas: "Selbst nach einer Umstellung der Berechnung wird sich weder an der Tatsache etwas ändern, dass die Inzidenz bei den Ungeimpften um ein Vielfaches höher ist als bei den Geimpften. Noch wird sich an der Tatsache, dass Ungeimpfte einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt sind, schwer an Covid-19 zu erkranken, irgendetwas ändern."

Der FDP-Landtagsabgeordnete Matthias Fischbach kritisiert die Vorgehensweise und forderte eine Regierungserklärung von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und lückenlose Aufklärung. Die Stellungnahme des LGL bezeichnete er als "fadenscheinig". Es sei "inakzeptabel", dass verschwiegen werde, wie groß der Anteil der Personen mit unklarem Impfstatus sei.

So berechnet das RKI die Inzidenz bei Ungeimpften

Das Robert Koch-Institut rechnet hingegen die Personen mit unbekanntem Impfstatus nicht in seine Statistiken ein und bezieht sich nur auf die Fälle mit bekanntem Impfstatus. Dadurch kann es zwar, wie das RKI in seinem Wochenbericht vom 2.12. feststellt, zu einer "Unterschätzung der Inzidenzen der Fälle sowohl in der vollständig geimpften wie auch in der ungeimpften Bevölkerung" kommen. Das Bild, das die Statistiken des RKI zeichnen, geht aber dennoch in eine ähnliche Richtung wie die oben erwähnte Grafik, die Markus Söder auf Twitter geteilt hatte, wenn auch nicht in der gleichen Deutlichkeit. 

Wirklich neu ist die Erkenntnis über die Verzerrung der Statistik allerdings nicht - bereits Ende November berichtete der Bayerische Rundfunk über die stark unterschiedlichen Inzidenzen. Bereits damals gab das LGL an, dass die Infizierten mit dem Impfstatus "unbekannt" den Ungeimpften zugerechnet würden und wies bereits da darauf hin, dass die Zahlen nicht als Live-Monitoring zu verstehen seien und nicht exakt seien.

Vielmehr gäbe sie eine Tendenz wieder, die Hinweise liefert, vor allem, wenn man Altersgruppen unterscheidet und einzeln betrachtet. Verschiedene Aspekte könnten die Zahlen nämlich verzerren, so das LGL: Sowohl Nachmeldungen als auch unterschiedliches Testverhalten könnten zu Abweichungen führen. Dennoch - so die Aussage des LGL, sei die Aussagekraft gegeben und es zeigt sich, dass die Inzidenz unter Ungeimpften höher ist.  

Was sagen die Zahlen über die Effektivität der Impfung aus?

Eine häufige Frage, die im Zuge der Statistiken nach Impfstatus aufkommt, ist die nach der Effektivität der Impfung. Viele Impfskeptiker*innen bezweifeln, dass Impfungen wirklich vor einer Infektion mit dem Coronavirus oder gar einem schweren Covid-19-Verlauf schützen. Hier sind sich RKI und LGL jedoch in ihrer Interpretation einig, auch wenn sie die Zahlen etwas anders behandeln: Die Impfung ist ein wirksames Mittel im Kampf gegen das Coronavirus. 

Betrachtet man den Unterschied zwischen den Fallzahlen der Infektionen und der Hospitalisierung, zeigt sich, dass hier die Schere aufgeht: Während der Anteil der Geimpften an den Gesamtfällen der symptomatischen Fälle je nach Altersgruppe zwischen 7 und 70 Prozent liegt (Stand: 30.11.2021), nimmt der Anteil der Geimpften bei den Hospitalisierten ab. Bei den 18- bis 59-Jährigen von 50 auf 29 Prozent. 

Wichtig ist – darauf weisen Expert*innen in dieser Diskussion immer wieder hin, dass man den Anteil der Geimpften an der Gesamtbevölkerung miteinbezieht. Wie Prof. Helmut Küchenhoff vom Institut für Statistik an der LMU München bereits im Oktober gegenüber dem MDR erklärt hat, steigt die absolute Zahl und auch der Anteil der Geimpften an den gesamten Fällen wie auch an den hospitalisierten mit jeder vollständigen Impfung an. Dies liegt daran, dass die Grundmenge höher wird und der Anteil der Geimpften an der gesamten Bevölkerung höher wird. 

Was sagt der Anteil der Geimpften an Erkrankungen und Hospitalisierungen wirklich aus?

Hierzu eine einfache Modellrechnung: Wenn von 100 Menschen 70 geimpft sind und von beispielsweise 10 Infektionen die Hälfte unter Geimpften auftritt, ist der jeweilige Anteil in den Gruppen der Geimpften und Ungeimpften eben nicht gleich hoch. Bei 5 infizierten Geimpften in dieser Modellrechnung sind nur rund 7 Prozent der Geimpften erkrankt, aber 16,7 Prozent der Ungeimpften. 

Wenn man Zahlen von Ungeimpften und Geimpften vergleicht, gerade bei den Fällen auf Intensivstationen, ist diese Betrachtung eigentlich unabdingbar. Sonst geraten die Zahlen in eine gefährliche Schieflage und verlocken zu Interpretationen, die nahelegen, dass Impfungen nicht wirksam zur Bekämpfung der Corona-Pandemie beitragen. Das RKI kommt in seinem Wochenbericht vom 02.12.2021 zu der Interpretation, dass steigende Zahlen an Impfdurchbrüchen, gerade in der Altersgruppe der Menschen über 60 Jahren durch mehrere Faktoren zu erklären ist: Einerseits ist die erreichte Impfquote in dieser Altersgruppe sehr hoch – sie liegt bei über 80 Prozent. Außerdem ist der Anteil der Menschen, deren Zweitimpfung mehr als sechs Monate zurückliegt, in dieser Altersgruppe besonders hoch. Ältere Menschen wurden in der ersten Phase der Impfungen priorisiert – daher der inzwischen große zeitliche Abstand. 

Das RKI kommt in seinem Bericht zu dem Fazit, dass sich weiterhin "für ungeimpfte Personen aller Altersgruppen ein deutlich höheres Risiko für eine COVID-19-Erkrankung, insbesondere für eine schwere Verlaufsform" zeigt. 

mit dpa

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