Die Mama ist die erste große Liebe

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Während ihr Mann in der Kirche die Diskussion verfolgt, bleibt Anja Streng an der Seite ihres achtmonatigen Sohns Laurin ...
Birgit Kelle spricht mit Peter Jakob
 
 
Fachgespräche in der Pause
 
Fachgespräche in der Pause
 
Roswitha Sommer-Himmel und Birgit Kelle
 
Stella Moi vom Höchstadter Rumpelstilzchen schreibt aufmerksam mit
 
Gespanntes Warten
 
Heribert Schneider begrüßt die Besucher
 
Das Podium ist hochkarätig besetzt
 
Das Podium ist hochkarätig besetzt
 
Fachgespräche in der Pause
 
Während ihr Mann in der Kirche die Diskussion verfolgt, bleibt Anja Streng an der Seite ihres achtmonatigen Sohns Laurin. Der genießt die Kinderbetreuung mit Erzieherin Ines Behm (r.)
 
Das Podium ist hochkarätig besetzt
 
Fachgespräche in der Pause
 
Fachgespräche in der Pause
 
Fachgespräche in der Pause
 
Peter Lautenbach
 
Fabienne Becker-Stoll
 
Fabienne Becker-Stoll
 
Stefan Gaimann
 
Mechthild Rathgeber
 
Das Publikum lauscht gespannt
 
Fachgespräche in der Pause
 
Fachgespräche in der Pause
 
Fachgespräche in der Pause
 
Heribert Schneider bei der Begrüßung
 
Johanna Huber steht Rede und Antwort
 

Über die Bindung der Kleinsten an die Mutter und die Bedeutung der Bezugspersonen in den Krippen oder bei der Tagespflege drehte sich eine Podiumsdiskussion in der evangelischen Kirche. Wichtige Forderung: Die Familien sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Birgit Kelle ist 36, hat vier Kinder und setzt sich als Vorsitzende des Vereins "Frau2000plus" für eine neue Kultur der Frau ein. Frauen und Mütter sollen ihren Wunsch nach Familie verwirklichen können, sagt die Journalistin und fordert: "Es muss endlich Schluss sein, die Familien gegeneinander auszuspielen".

Das ist die eine Erkenntnis einer Podiumsdiskussion am Samstag in der evangelischen Kirche zum Thema Kinder. Mütter müssten selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder in die Krippe geben oder selbst erziehen. Denn keine Frau dürfe schief angesehen werden, wenn sie zuhause erzieht.

Und als zweites Ergebnis des Vormittags unter dem Titel "Was sind uns unsere Kinder wert?" nahmen die knapp 200 Besucher die Erkenntnis mit, dass im ersten Lebensjahr die Krippe die Ausnahme sein sollte, denn da entsteht die enge Bindung zur ersten Bezugsperson. "Die Mama ist die erste große Liebe", sagte Fabienne Becker-Stoll vom Institut für Frühpädagogik. Wenn aber Tagesmutter, Oma oder Erzieherinnen am häufigsten da sind, dann seien diese die Hauptperson.

Bindung, Bildung und Betreuung der Kleinsten waren drei Begriffe, die an diesem Tag mit Blick auf die Krippen betrachtet wurden. Eingeladen hatte die Caritas gemeinsam mit Bildung Evangelisch. Man wollte den Erzieherinnen, aber auch Eltern die umfassende Information von Fachleuten, aber auch Hilfestellungen in der Diskussion geben.

Die promovierte Wissenschaftlerin Becker-Stoll bezog sich auch auf das Ergebnis von Studien. So sei belegt, dass die Kinderkrippe auch schon im ersten Lebensjahr den Kindern nicht schade. Und mit spätestens zwei Jahren sollten die Kinder in Gruppen sein, sagte sie. "Kinder brauchen andere Kinder".


Klare Hierarchie


In den ersten Monaten sei aber die Feinfühligkeit der Mutter entscheidend. "Einem Kind kann es nur so gut gehen wie seiner Bezugsperson", sagte die Leiterin des Münchner Staatsinstituts. Wenn Kinder im ersten Lebensjahr eine sichere Bindung zu den Eltern entwickeln konnten, dann falle der Übergang in die außerfamiliäre Betreuung leichter. Denn Bindungspersonen gebe es mehrere, auch wenn diese in der Hierarchie klar getrennt seien. Und solche Bindungspersonen könnten auch nicht ausgetauscht werden.

Da richtet sich die Psychologin an das Krippenpersonal. "Die Kinder brauchen feste Bezugspersonen für eine sichere emotionale Basis und sie brauchen eine behutsame Eingewöhnung". Und an die Mütter: Im ersten Jahr sei es nicht empfehlenswert, die Kinder über einen längeren Zeitraum abzugeben.


Erweiterung der Familie


Generell müsse die Krippe oder Tagesmutter als Erweiterung der eigenen Familie, als Teil einer Großfamilie betrachtet werden. Das hatte zuvor auch Moderatorin Roswitha Sommer-Himmel, Professorin an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, verdeutlicht: "Es gibt kein Entweder oder, sondern nur das Und. Die Krippe ist keine Fremdbetreuung".

Der von der Referentin angesprochene Personalschlüssel von 1:3 für Kinder unter zwei Jahren lässt sich aber kaum erfüllen. Das bestätigte auch Sabine Kuck vom Kindergarten "Arche Noah" in Falkendorf. 1:6 sei der Regelfall, sagte sie. Zwei Erzieherinnen kümmern sich um zwölf Kinder einer Krippengruppe. Die entsprechende Qualität zu bringen, sei da nicht immer leicht.

Die vierfache Mutter Birgit Kelle übte deutliche Kritik. "Wenn die Krippenerziehung gelingen soll, braucht es Rahmenbedingungen, die wir nicht haben", sagte sie. Gleichzeitig hatte sie ein großes Kompliment an alle Erzieherinnen für ihren großen Einsatz unter den gegebenen Voraussetzungen.

Die Frauenvereins-Vorsitzende sprach sich für eine Erziehung der Kinder bis zum dritten Lebensjahr in der Familie aus. Man sollte den Eltern mehr Geld geben, damit sie ihre Kinder selber erziehen können. "Ein Jahr reicht nicht aus", behauptete sie und ergänzte, dass die heutigen Kleinkinder alle knapp hundert Jahre Lebenserwartung haben. "Was sind da drei Jahre?"

Die Eltern müssten deutlich mehr Zeit in die Wurzeln der Kinder stecken. Denn die Welt sei deutlich komplizierter geworden, die Kinder seien heute einer extremen Reizüberflutung ausgesetzt, bekämen zunehmend Krankheiten.


"Mütter arbeiten phantastisch"


Das bestätigte der Herzogenauracher Kinderarzt Peter Lautenbach. Man verzeichne bei den Kindern vermehrt Entwicklungsauffälligkeiten. Lautenbach brach eine Lanze für die Mütter. "Ein Großteil leistet phantastische Arbeit. Viele aber kommen auch weinend in die Praxis, weil sie als schlechte Eltern hingestellt werden, wenn sie ihre Kinder nicht in die Krippe geben". Und weiter: "Das Bild der Mutter muss aufgewertet werden". Da sei auch der Staat gefordert, finanzielle Unterstützung zugeben.

Der Staat weiß das. So erläuterte Ministerialdirigentin Johanna Huber, dass man in Bayern ja auf das Betreuungsgeld für die Mütter setze. Außerdem erlebe auch die Tagespflege eine Renaissance. Diese müsse gleichberechtigt betrachtet werden. In Bayern wünschen Huber zufolge 35 Prozent der Eltern einen Krippenplatz. Zwölf Milliarden habe man schon investiert. "Aber für die anderen 65 Prozent sind wir auch zuständig".

Eingangs hatte Landrat Eberhard Irlinger das Krippenplatzangebot im Landkreis genannt. Bis zum Jahr 2013 werde man eine Quote von 47 Prozent haben. Das zeige deutlich den Bedarf an Krippenplätzen. Er sprach sich für die Krippe aus. "Dass es die bessere Zuwendung ist, wenn das Kind zuhause erzogen wird, das bezweifle ich". Irlinger zeigte sich "zutiefst überzeugt", dass in den Kindertagesstätten die Zuwendung genauso gegeben sei, wenn Personalschlüssel und Ausbildung stimmen.


Plädoyer für Tagespflege


Letzteres sprach in der anschließenden Diskussionsrunde auch Mechthild Rathgeber an. Die Erlangerin ist Tagespflegerin und führte den enormen Aufwand bei der Qualifizierung und Fortbildung ins Feld. In Bayern aber werde die Tagespflege nicht unterstütze, behauptete sie. Für Materialkosten beispielsweise "müssen wir selber sorgen". Die vom Landrat verbreitete Ideologie, ein Kind gehöre unbedingt in die Krippe, kritisierte sie als schlecht.

Carmen Golsch, Erzieherin im Montessori-Kinderhaus, wünschte sich ebenso wie zuvor Sabine Kuck mehr Zeit für Elterngespräche. Das Personal müsste hier auch in Fortbildungen geschult werden. "Wir müssen ja auf die Fragen der Eltern reagieren können", sagte Golsch. Auch Kinderarzt Peter Lautenbach weiß um die Bedeutung der Gespräche. "Wir reden ununterbrochen. Aber das wird nicht finanziert".

Peter Jakob appellierte daran, im Beruf den Druck von den Müttern zu nehmen. Da habe das Kind nachts 40 Fieber und werde anderntags schon wieder in die Krippe gesteckt, kritisierte der Kinderarzt aus Alterlangen. Birgit Kelle pflichtete bei. Oft würden nur noch die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes gelten. "Aber wir müssen mehr auf die Kinder schauen. Das sind ganz andere Bedürfnisse".

Als Exot in der Diskussion sah sich Stefan Gaimann, ein Erzieher, der demnächst als Mann in Elternzeit geht. Er habe sich bewusst dafür entschieden, obwohl er einen gut bezahlten Job habe. "Da muss finanziell nachgebessert werden", lautete sein Vorschlag.