An der Lutherschule herrschen paradiesische Zustände - zumindest was die Ausgewogenheit von Männern und Frauen als Lehrkräfte betrifft. Die 1. und 2. Klasse werden von zwei Lehrerinnen unterrichtet, die 3. und 4. Klasse von Männern. Das hat Seltenheitswert. 90 Prozent aller Grundschullehrer sind nämlich Frauen, Männer scheuen den Job. Einer, der ihn mit Leib und Seele ausfüllt, ist Wolfgang Geiß, Konrektor an der Lutherschule. Er macht sich dafür stark, wieder mehr Kollegen zu haben.

Wo dabei die Krux liegt, erläuterte Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) gegenüber Zeit online: "Männer sind eher auf Karriere gepolt, Frauen auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die gerade an Grundschulen als Teilzeitkraft realisierbar ist."
Außerdem gebe es an Grundschulen kaum Karriereperspektiven und weniger Gehalt als am Gymnasium. Von allen Lehrerberufen gehört der in der Grundschule in die niedrigste Besoldungsgruppe, was allerdings immer noch viel mehr Geld netto bringt, als Berufseinsteiger in anderen Akademikerberufen zu erwarten haben. Für den DL-Präsidenten ist dennoch klar: Das Image von Grundschullehrern entfaltet zu wenig Anziehungskraft auf Männer. Das liege auch an hartnäckigen Vorurteilen, etwa dass der Beruf intellektuell weniger anspruchsvoll sei als ein Lehreramt an einer weiterführenden Schule.

"Je kleiner die Kinder, desto weniger wert geschätzt werde die Arbeit", kritisiert Geiß. Dabei sei die Arbeit mit Fünf- bis Zehnjährigen täglich aufs Neue spannend und begeisternd. Es gebe keinen Beruf, der so abwechslungsreich sei, und bei dem die Erfolge direkt beim Menschen ankommen. "Es macht mir unheimlich Spaß mit Kindern zu arbeiten, ihnen etwas beizubringen, ihnen etwas zu erklären und ich bin stolz auf das,was sie bei mir gelernt haben." Warum sollten das Kriterien sein, mit denen sich nur Frauen identifizieren?

Um ein Umdenken zu erreichen, müsse jedoch tatsächlich als allererstes das Image des Grundschullehrers aufgewertet werden. "Das ist sogar wichtiger als die Bezahlung", sagt Wolfgang Geiß, und Elternbeiratsvorsitzende Stefanie Löffler bestärkt ihn. "Kinder brauchen Männer als Vorbilder - gerade in Zeiten, in denen es mehr Alleinerziehende gibt und auch die Kindertagesstätten weiblichen Domäne sind", sagt die dreifache Mutter. Ganz abgesehen von den Kindern mit Migrationshintergrund. "Es tut den Kindern gut zu sehen, dass Männer und Frauen gleichermaßen unterrichten, die gleichen Rechte haben, und Kinder auf Frauen genauso hören müssen wie auf Männer", macht sie deutlich.

Es gehe nicht um typische Männer- oder Frauenerziehung. Es gehe um die Gleichberechtigung.
"Wenn die Kinder an die weiterführenden Schulen wechseln, werden sie manchmal zum ersten Mal in ihrem Leben mit Männern als Erzieher konfrontiert. Das kann schon eine große Umstellung sein", sagt Geiß, der von sich selbst schmunzelnd sagt, durchaus einen direkteren Ton zu haben und weniger mütterlich zu sein als manche Erstklasslehrerin. Das bedeute jedoch nicht, dass Männer weniger sensibel oder Frauen weniger streng wären. Aber Tatsache ist, dass männliche Lehrer die Bedürfnisse von Jungen einfach besser verstehen und deshalb manchmal auch anders reagieren als ihre Kolleginnen. DL-Präsident Josef Kraus resümiert: "Immer mehr Heranwachsende haben oft das ganze erste Jahrzehnt ihres Lebens und teilweise darüber hinaus nur mit Frauen zu tun: alleinerziehende Mutter, Kindergartenerzieherin, Lehrerin. Gerade den Jungen fehle dann ein komplementäres männliches Leit- beziehunsgweise Gegenbild, an dem sie sich reiben könnten."
"Für die persönliche Entwicklung eines Kindes finde ich es wichtig, dass es unterschiedliche Facetten vom Mann- und Frau-Sein kennenlernt", sagt auch Stefanie Löffler. Deshalb sei es an der Lutherschule so schön, dass es neben Wolfgang Geiß eben auch noch den Kollegen Markus Klerner gäbe.



KOMMENTAR
von Christiane Lehmann
Erziehung braucht Vielfalt
Das Ende des Grundschullehrers, oder soll man sagen des Dorfschulmeisters, haben ja eigentlich schon Max und Moritz besiegelt. Sie jagten ihn samt Pfeife in die Luft. Lämpel überlebte, für den Schuldienst war er aber nicht mehr zu gebrauchen.
Fortan ziehen die Frauen an die Erstklassfront und stellen sich der großen Herausforderung, kleinen Jungen und Mädchen - auch heute noch manchmal durchaus gewaltbereit - Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Mehr noch: Sie übernehmen die Erzieherrolle und vermitteln Anstand, Werte und soziales Miteinander. Oder wie es auch schon Wilhelm Busch zu formulieren wusste: "Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh'; Nicht allein im Schreiben, Lesen übt sich ein vernünftig Wesen; Nicht allein im Rechnungswesen soll der Mensch sich Mühe machen, sondern auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören. Dass dies mit Verstand geschah, war Herr Lehrer Lämpel da."  Das Vertrauen und den Respekt, den der Lehrer damals in der Gesellschaft hatte, wird heutzutage von den Pädagogen schmerzlich vermisst. Jungen Männern, die gegen das Vorurteil ankämpfen müssen, doch bloß kleine Kinder zu unterrichten, in Fächern, für die sie doch eigentlich gar nicht studieren müssten, weil sie sie hoffentlich beherrschen, entscheiden sich zunehmend gegen eine Grundschulstudium. Lehramt fürs Gymnasium ist da schon verlockender. Das Geld passt, die Kinder sind vorsortiert und Aufstiegsschancen gibt es auch. Die Folge: Neun von zehn Grundschullehrkräften sind weiblich.
 Die Forderung nach mehr männlichen Grundschullehrer wird oft durch folgende Argumente untermauert:
1. Fehlen männliche Vorbilder in der Schule hätten es Jungen schwerer, ihre geschlechtliche Identität zu entwickeln. Negative Auswirkungen auf Lernbereitschaft und Kompetenzentwicklung sind die Folge.
2. Lehrerinnen bevorzugten die Verhaltensweisen von Mädchen (unbewusst), so dass Jungen schlechter bewertet werden.
3. Die gesamte Schulkultur habe sich feminisiert. Dadurch würden Unterrichtsmethoden und Lehrstil auf Mädchen ausgerichtet und benachteilige Jungen.
 Die meisten empirischen Studien kommen allerdings zu dem Ergebnis, dass sich das Geschlecht der Lehrperson weder bei Jungen noch bei Mädchen auf ihre Kompetenzen und Noten auswirkt. Dies gilt auch für die aktuellen Studien aus dem Jahre 2010, die sich auf deutsche Grundschulen beziehen. Demnach führt ein
höherer Anteil männlicher Lehrer nicht automatisch zu einem erfolgreicheren Bildungsweg.
von Jungen.
 Doch darum geht es gar nicht. Die Auseinandersetzung mit
vielen unterschiedlichen Ausprägungen männlicher und weiblicher Persönlichkeiten formt soziale Kompetenz. Ein guter Unterrichtsstil beinhaltet daher Genderkompetenz, um Geschlechterhierarchien abzubauen. Das tut nicht nur Flüchtlingskindern gut. Männer sind deshalb dringend nötig.
 Im Übrigen: Wer unsere vielen kleinen Mäxe und Moritze zu toleranten, emanzipierten und werteorientierten kleinen Männern erzieht, verdient höchsten gesellschaftlichen Respekt - ob das nun der Herr Lehrer Lämpel ist oder Frau Müller.