Wie soll die Ortsmitte in Weitramsdorf zukünftig aussehen? In dieses Dauerthema kommt neue Bewegung. "Wir wollen das Thema endlich angehen und zu gegebener Zeit endlich die Früchte ernten!" Das sagte Bürgermeister Andreas Carl zu Beginn eines gemeinsamen Spaziergang mit dem Planerteam von "UmbauStadt PartGmbB" aus Weimar, zu dem die Gemeinde am Dienstag eingeladen hatte.

Wie groß das Interesse nicht nur der in der Kerngemeinde Ansässigen ist, zeigte die große Resonanz: Über 60 Personen nutzten - aufgeteilt in zwei Gruppen - die Gelegenheit, um Architekt Ulrich Wieler und Stadtplanerin Vera Lenger für ihre Machbarkeitsstudie Wünsche und Anregungen mitzugeben. Auf das Mitspracherecht der Bürger lege die Verwaltung viel Wert, betonte Carl: "Wir wollen das Projekt mit Leben füllen und dazu brauchen wir Ihre Ideen."

Seit 20 Jahren kein richtiger Plan

Vom Brunnen an der Kreuzung Ummerstadter/Schlettacher Straße ging der Rundgang über den Mühlengrund, die Mühlgasse sowie die Schlettacher Straße und schloss dabei die Entwicklungspunkte Albrecht-Saal, Platz zur Alten Post, Augraben, Bücherei, "Heinlein-Haus" und Gemeindehaus ein. "Wir sind wahrscheinlich diejenigen, die am wenigsten Ahnung von Weitramsdorf haben", sagte Wieler zu Beginn. Es gelte, "die Mitte erst zu schaffen" und dafür die Frage zu klären, wo sie genau liege und wo etwas bewegt werden könne. "Seit 20 Jahren wird hier Stadtplanung ohne Masterplan betrieben", monierte Peter Würl. Auf die Frage des Architekten, wie denn das allgemeine Ortsbild beurteilt werde, meldeten sich insbesondere die Damen in der Runde: "Grausam!", "Keine Blumenkästen an den Häusern", so zwei Urteile. Wieler bestätigte, dass vieles "verhunzt" worden sei: "Jeder baute, wie er wollte." Dies gelte es nun "wieder einzufangen", Chancen sah er bei einigen Liegenschaften. Biergarten, Kneipe: Alles sei verschwunden, monierte Robert Müller. Seine Hoffnung: Wenn die Ortsmitte auf einen vernünftigen Standard komme, würden vielleicht auch die "grauen Mäuse" mitziehen.

Seit über zwei Jahrzehnten wird in Weitramsdorf über die Gestaltung des Zentrums diskutiert. Im Mittelpunkt steht dabei das Gelände der ehemaligen Möbelfabrik Albrecht, vor allem das frühere Büro- und Kantinengebäude. Die große Mensa, der "Albrecht-Saal", stand früher auch Vereinen und Dorfgemeinschaften für Veranstaltungen zur Verfügung. "Man sieht, dass damals viel Geld in den Bau geflossen ist", sagte Wieler, für den der Bau "die Dimensionen sprengt". Dahinter liegende ältere Gebäude ließ Thomas Albert, Geschäftsführer des Gelände-Eigentümers Weber GmbH aus Sonnefeld, im April abreißen. Schon im April 2013 wurde der 50-Meter-Schlot der Fabrik - einst das Wahrzeichen des Ortes - gesprengt. Was mit den restlichen Gebäuden geschehen soll, ließ Weber in diesem Frühjahr offen. Weitere Überlegungen wollte er erst nach Überstehen der Corona-Krise anstellen, ließ er verlauten. An Ideen, wie insbesondere der "Albrecht-Saal" genutzt werden kann, mangelte es nicht. Erst im Kommunalwahlkampf hatte ihn FW-Bürgermeisterkandidat Max Kräußlich als Sitz der Verwaltung ins Spiel gebracht. Frühere Pläne sahen ein Einkaufs- und Dienstleistungszentrum an seiner Stelle vor. Das "Albrecht-Center" sollte Nahversorger, Drogerie, Textil- und Haushaltswarengeschäft sowie Friseur und Gastronomie umfassen. Studenten der Hochschule Coburg konnten sich die Immobilie 2017 als Sitz unternehmensnaher Dienstleister und Eventlocation vorstellen. "Eine Neugestaltung der Mitte kann nur unter Einbeziehen des Gebäudes geschehen", stellte Müller fest, zur Not müsse es abgerissen werden. "Irgendwann wird ja etwas damit geschehen", sagte Peter Bieber. Wie Harri Schleifenheimer informierte, liege der Gemeinde in "ernüchterndes Wertgutachten" über den Zustand der Immobilie vor. Wieler meinte: "Wer das Gebäude in die Hand nimmt, muss ein Liebhaber sein." Weil sich viele Einwohner mit der Möbelfabrik identifizierten, möchte der Architekt gern die Wand mit dem Schriftzug erhalten.

Verkehrsberuhigung erwünscht

Stellvertretend wünschte sich Rolf Ambrassat eine Verkehrsberuhigung der viel befahrenen Staatsstraße 2202 mitten im Ort. Für seinen Vorschlag eines Kreisels erntete er "Bravo"-Rufe von den Umstehenden. Wo jetzt Obst- und Gemüsehändler Ernst Reichelt seinen Stand hat, können sich viele Bürger dauerhaft eine Art Marktplatz mit weiteren Anbietern vorstellen, zu festen Zeiten, wie Peter Würl vorschlug. Breite Zustimmung fand der Vorschlag, den derzeit verrohrten Augraben zu öffnen, zu umranden und an ihm entlang einen Fußweg anzulegen. Der könnte sogar als Zugang zum Kindergarten dienen, meinte Rolf Ambrassat. Und den Hochwasserschutz verbessern, warf Würl ein.

"Eine Potenzialfläche"

Das ehemalige Feuerwehrhaus sollte zukünftig als Heim für Vereine dienen und die Bücherei in der Mitte barrierefrei neu eröffnen, lautete ein weiterer Vorschlag. Siegmar Höhn vermisste Angebote für die nicht-vereinsgebundene Jugend. Freiräume und Begegnungsmöglichkeiten seien ebenso ein Thema für die Dorfmitte, so Wieler. Dort könnten auch senioren- und behindertengerechte Wohnungen entstehen. Zuvor müsse geklärt werden, was mit dem von der Gemeinde erworbenen "Heinlein-Haus" in der Schlettacher Straße 1 und dem gegenüberliegenden Gemeindehaus der evangelischen Kirche geschieht. Ersteres weist einen schlechten Zustand auf, letzteres ist schadstoffbelastet. Wieler zufolge böte sich hier eine "Potenzialfläche". Café, Bürgerhaus, Arztpraxis, Gasthaus, Frisör oder gar ein Saal für Hochzeiten und Faschingsveranstaltungen wurden als Wünsche geäußert. "Eine Stadthalle in Größe des Albrecht-Saales kann sich keiner leisten", bremste der Architekt. Auch werde die Gemeinde nicht alle Grundstücke kaufen und bebauen lassen können.

Fragebogenrückgabe bis 1. August erbeten

Alle Teilnehmer bekamen einen anonymen Fragebogen mit, um den Status quo der Ortsmitte zu beurteilen und Verbesserungsvorschläge für den zentralen Treffpunkt zu machen. Die Umfrage liegt auch in Geschäften aus (Lotto & mehr Kupfer, Fleischerei Herr, Tankstelle Helbig in Weitramsdorf sowie Apotheke am Forst in Weidach und Edeka Klinner), wird im nächsten Mitteilungsblatt abgedruckt oder kann online über die Internetseite der Gemeinde abgerufen werden. Bis 1. August müssen die Rückläufer bei der Gemeinde eintreffen.

Bis Weihnachten wollen die Experten aus Weimar ihre grobe Planung vorlegen, die Voraussetzung für eine staatliche Förderung ist. Die Machbarkeitsstudie soll verschiedene städtebauliche Varianten enthalten und einen Fahrplan zur Umsetzung empfehlen. Dritter Bürgermeister Dominic Juck zog für die Wieler-Gruppe ein positives Fazit: "Es wurden viele Themen genannt, hinter denen die Leute auch stehen", so Juck. Gut fand er auch, dass verschiedene Generationen am Spaziergang teilnahmen. "Wir kommen mit Ideen, die alle schon mal da waren", fasste Ambrassat die Meinung vieler Teilnehmer zusammen. Jetzt müssten diese Vorschläge endlich gemeinsam umgesetzt werden.