"Innerhalb weniger Wochen ist alles zuvor Erreichte verloren." Wenn Michael Selzer die aktuellen Nachrichten über Afghanistan hört oder liest, steigt Ärger in ihm auf. Als Reservist und Bundeswehrsoldat war Selzer dreimal für jeweils vier Monate in dem Land am Hindukusch. Der Abzug der US-Streitkräfte und daraufhin der anderen internationalen Truppen nach 20 Jahren hielt und hält der Coburger für übereilt. Die Entwicklung gibt ihm recht: Die radikal-islamistischen Taliban überrollen das Land, übernehmen die Macht in einem Bezirk nach dem anderen und bringen immer mehr Städte unter ihre Kontrolle. Wann sie Kabul einnehmen, ist nur wohl höchstens eine Frage von Tagen. Selzer: "Die internationale Gemeinschaft gibt das Land dem Terror und dem Chaos preis."

Regionales Radio

In den Jahren 2005, 2006 und 2009 war der Reserveoffizier mit der Bundeswehr in dem zentralasiatischen Land. Die ersten beide Male war Michael Selzer in Kundus im Nordosten stationiert, den dritten Aufenthalt erlebte er in der Hauptstadt Kabul. Eingesetzt war er beim Rundfunk. "Wir haben regionale Nachrichten gesendet." Das Programm ging in den beiden Hauptlandessprachen über den Äther, in Paschto und Dari. In Afghanistan werden etwa 49 Sprachen und über 200 verschiedene Dialekte gesprochen.

Dafür waren als Übersetzer sogenannte Ortskräfte eingesetzt. Zunächst waren es rund ein Dutzend Afghanen, die mit Michael Selzer und den anderen Rundfunk-Redakteuren auf Recherche gingen, "in Kabul waren es etwa 20 Personen", erinnert sich der Mitarbeiter der Stadtverwaltung Coburg. Darüber hinaus habe es noch viel mehr einheimische Mitarbeiter bei den Truppen aus aller Welt gegeben. "Die Menschen und deren Angehörige müssen mit dem Siegeszug der Taliban wieder um ihr Leben fürchten." Sie ihrem Schicksal zu überlassen, bezeichnet Michael Selzer als "schäbig".

Einkaufen auf dem Markt

2004 und auch noch 2005 sei die Sicherheitslage im Land "relativ unkritisch" gewesen. Seinerzeit konnten ausländische Soldaten noch auf dem Markt einkaufen gehen, "zwar stets zu zweit und in voller Ausrüstung, aber das war möglich". Zufällige Begegnungen außerhalb der Militärcamps mit Mitarbeitern der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) - 2010 zur Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) geworden - waren nicht selten. Das Sicherheitsgefühl habe sich 2005 geändert und war einer ständigen Anspannung bei den ausländischen Truppen gewichen. "2009 war ich gerade in Kabul gelandet, als die Fahrt vom Flughafen ins Hauptquartier an den noch rauchenden Trümmern eines gesprengten Autos vorbeiführte", erinnert sich Michael Selzer, als wäre es erst vor kurzem passiert. Bei bewaffneten Auseinandersetzungen im Regierungsviertel der afghanischen Hauptstadt war der Gefechtslärm ein ständiger Begleiter.

Dass die jahrelange Mission der Ausländer in Afghanistan nicht zum Erfolg geführt hat und die Erfolge der Taliban nun möglich sind, hat nach Einschätzung von Michael Selzer mehrere Gründe. Nach wie vor ziehe sich Korruption durch alle Ebenen des Staates, die Entwaffnung der regionalen Warlords und deren Milizen sei nicht konsequent erfolgt, die Politik nicht wirklich reformiert worden. "Schließlich war der unermessliche Strom ausländischer Hilfeleistung, sei es von staatlichen oder privaten Stellen, kaum koordiniert gewesen." Die radikalen Kräfte hatten und haben mit Pakistan ein Rückzugsgebiet. "Das hat man nicht unter Kontrolle bekommen."

Die Zukunft des afghanischen Staates sieht Michael Selzer düster. Polizei und Armee stünden auf verlorenem Posten.