Er gilt als der "Erfinder" des Dorfladens in Heilgersdorf: Volker Hahn. Heute ist der Heilgersdorfer als Unternehmensberater mit seinem "Institut für Nahversorgungs-Services" insbesondere beim Aufbau von Strukturen für funktionierende Nahversorgungskonzepte in ganz Deutschland unterwegs.
Im Gespräch mit dem Tageblatt erklärt Hahn, warum "Tante-Emma-Läden" nicht mehr funktionieren und Dorfläden gar nicht teurer als Discounter sind.

In Kaltenbrunn wird im kommenden Jahr der dritte Dorfladen im Landkreis Coburg öffnen. Sind Läden mit bürgerschaftlicher Beteiligung das dauerhafte Erfolgsrezept für die Nahversorgung im ländlichen Raum?
Wahrscheinlich ja - die großen marktbeherrschenden Konzerne lassen den kleinflächigen Einzelhandel sukzessive wegfallen. Oftmals sind die Logistikkonzepte dieser Konzerne gar nicht mehr auf die Belieferung kleiner Läden aufgebaut. Der Preiskampf und die damit verbundenen niedrigen Spannen im Lebensmitteleinzelhandel machen den Aufbau und Betrieb eines privatwirtschaftlich betriebenen Ladens unattraktiv. Geringe Einnahmen und unattraktive Arbeitszeiten schrecken ab. Die Konzentration der Vollsortimenter auf Ballungsgebiete wie auch in Coburg zeigt dies ja auch deutlich.

Welche drei Dinge braucht ein Dorfladen, um langfristig wirtschaftlich erfolgreich zu sein?
Engagierte Bürger, die beim Aufbau eines Ladens helfen und dann auch regelmäßig dort ihre Einkäufe tätigen. Ein markt- und preisadäquates Sortiment, um im Wettbewerb bestehen zu können. Dies ergänzt durch Mehrwertkonzepte, die im Discounter und Supermarkt nicht immer zu finden sind. Dies sind vor allem Produkte aus der Region, Hol- und Bringdienste und natürlich die Kommunikationsecken in den Läden, in denen Freud und Leid des Dorfes ausgetauscht werden können. Hoch motiviertes Personal, das alle Bedürfnisse seiner Kunden kennt, und extrem kundenorientiert Arbeit. Das Personal und seine Identifikation mit dem Laden sind das A&O.

Auf den ersten Blick sind doch Dorfläden auch nichts anderes als wie früher die Tante-Emma-Läden. Warum sind solche Geschäfte nahezu ausgestorben?
Die Belastung für die "Tante-Emma" ist einfach zu hoch gewesen: niedriger Verdienst. Dazu kommt die ständige Erreichbarkeit - auch der Fußballverein kommt noch spät nach dem Training. Das alles verbunden mit der Mindesthaltbarkeit und dem Risiko der verderblichen Ware. Lange Arbeitszeiten, bewusst unattraktive Einkaufskonditionen der großen Handelsketten sowie die extrem preisaggressive Werbung der Konzerne haben zur Abwanderung der Kunden geführt. Erst wenn der letzte Laden geschlossen hat, merken die Kunden, was ihnen an Lebensqualität da weggebrochen ist.
Im Neustadter Raum hat man, leider erfolglos, mit einem rollenden Tante-Emma-Laden versucht, die Nahversorgung in kleinen Ortschaften abzusichern. Kann so etwas auch funktionieren?
Ja, aber nur in extrem zersiedelten Gebieten und ohne Förderung. In den ländlichen Regionen wie in Mecklenburg-Vorpommern oder auch Brandenburg ist dies die einzige Möglichkeit, eine minimalistische Nahversorgung aufrechtzuerhalten. Meistens wird dies als zusätzliche Dienstleistung von bestehenden größeren Händlern angeboten, um den Kostenmix entsprechend zu erwirtschaften. Das Umland von Neustadt bietet durch die Nähe zu Neustadt und zu Coburg sowie durch die Pendler, die auf dem Weg oder vom Weg zur Arbeit einkaufen können, ein zu hohes Angebot gegen einen privatwirtschaftlichen rollenden Laden. Nach dem Wegfall der Förderung hat sich das dann nicht mehr getragen.

Und am Ende heißt es doch immer wieder: "Geiz ist geil!" Was ist Ihre Botschaft an die Verbraucher auf dem flachen Land, wenn diese auch im hohen Alter noch daheim vor der Haustür einkaufen wollen?
Vergleichen Sie einfach einmal die Preise in einem Dorfladen in Rossach oder Heilgersdorf mit denen eines Supermarktes oder Discounters! Sie werden überrascht sein, dass die Preise der Waren des täglichen Bedarfs nicht höher sind. Die Kunden lassen sich durch die marktschreierische Werbung der großen Konzerne einreden, dass sie hier alles billig einkaufen. Tatsächlich kennen sie die Preise aber nicht. Dann kommen noch Fahrtkosten und Zeit für den Einkauf in der Stadt dazu - und schon ist der Einkauf in der Stadt deutlich teurer als vor Ort. Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Ladens vor Ort ist aber natürlich auch der soziale Treffpunkt und damit die Möglichkeit, bis ins hohe Alter auch am dörflichen Leben Teilhabe zu haben.

Bei der laufenden Teilfortschreibung des bayerischen Landesentwicklungsprogramms gibt es Bestrebungen, die Ansiedlung von großflächigen Einzelhandelsbetrieben auch in der Nähe kleinerer Ortschaften zuzulassen. Wird da der Markt der Märkte nicht irgendwann übersättigt und die Gemeinden stehen am Ende haufenweise mit leer stehenden Supermarkt-Brachen da?
Der Bereich der Lebensmittel ist natürlich ein Verdrängungswettbewerb und kein Wachstumsmarkt. Jeder Euro, der in ein neues der oben beschriebenen Konzepte getragen wird, fehlt natürlich woanders. Beispiel ist Dörfles-Esbach: Brachen werden mit Casinos befüllt oder stehen jahrelang leer, dennoch werden in unmittelbarer Nähe ständig neue Märkte eröffnet. Die Konzerne bestehen aber dennoch auf neuen Flächen, da es hier die besonderen Abschreibungsmöglichkeiten gibt. Auch ein Leerstand kann für einen Investor aufgrund der Kosten-Abschreibungen durchaus lukrativ sein. Solange die Politiker dieses Verhalten unterstützen und sich dann auch noch Gewerbesteuer erhoffen, die meistens aber ausbleibt, ist dieser Tendenz nur sehr schwer entgegenzuwirken.

Sie setzen sich schon seit Jahren beruflich mit den Möglichkeiten der Nahversorgung auseinander - gibt es Trends oder Konzepte, die noch nicht groß bekannt sind, aber Erfolg versprechen?
Die gibt es sehr wohl: Zusammenschlüsse der Dorfläden zu Einkaufskooperationen, die Einrichtung von Erfahrungskreisen an der Schule für Ländliche Entwicklung in Klosterlangheim oder Workshops für das Personal dieser Läden.

Müssen/werden sich auch die Konzepte der Dorfläden in Zukunft verändern?
Warum nicht? Ein wesentlicher Punkt ist die Entwicklung des Onlinehandels, auch im Lebensmittelbereich. Aktuell arbeiten wir an einem Konzept mit universitären Einrichtungen und Softwarespezialisten, um Kunden im ländlichen Bereich den Zugang zu einem attraktiven regionalen Angebot als Zusatzdienst vor Ort zu ermöglichen. Bevor ich von der Arbeit aus dem Ballungsgebiet nach Hause fahre, bestelle ich beim heimischen Dorfladen und kann die Waren dann abholen oder bekomme sie geliefert. Dazu kommen die zusätzlichen Dienstleistungen und Angebote: Poststelle, regionale Produkte, regelmäßige Verkaufsveranstaltungen und Verköstigungen, Reinigungsannahme, Behördengänge. Ebenso kann in einigen Bereichen schon ein Arzt in einem Nebenraum Sprechstunde abhalten.

Die Fragen stellte
Berthold Köhler.