"Nicht alles, das befremdlich ist, ist auch strafbar." Diese Worte von Staatsanwalt Ingo Knecht-Günther beschreiben in einem Satz den Prozess gegen einen 55-jährigen Lichtenfelser, der sich wegen der vermeintlichen Vergewaltigung einer geistig behinderten Frau (19) und ihrer ebenso jungen, behinderten Freundin seit Oktober des vergangenen Jahres am Landgericht Coburg verantworten musste.

Der Mann soll sich als Begleiter eines Behindertenfahrdienstes mit der 19-Jährigen angefreundet haben, ein paar Wochen später zog sie sogar mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in sein Haus ein. Dort soll es an zwei Abenden zum Missbrauch gekommen sein, so der Vorwurf (wir berichteten). Angezeigt hat die gerade Volljährige die Vorfälle erst vier Monate später, nachdem sie sich ihrer Mutter offenbart hat.

Der Angeklagte bestritt alles: "Wir hatten Geschlechtsverkehr. Aber das war im gegenseitigen Einverständnis." Über Monate habe er eine Beziehung zu der 19-Jährigen geführt, nach der Trennung kam er mit ihrer behinderten Freundin zusammen. Auch da soll es zu sexuellen Handlungen gekommen sein, die die Frau nicht gewollt habe. Aussage stand gegen Aussage.

Die Beweisaufnahme gestaltete sich schwierig, Termine mussten verschoben werden, weil die 19-Jährige zwischenzeitlich eine Tochter zur Welt gebracht hat. Weil der Beschuldigte die Taten abstritt, mussten beide Frauen vor Gericht aussagen. Damit sie dem Angeklagten nicht gegenübertreten mussten, befragte Richter Klaus Halves die Zeuginnen via Videokonferenz. Am letzten Verhandlungstag sagte die 19-Jährige aus, die erst vor wenigen Wochen eine Tochter zur Welt gebracht hat. Sie bedauere, dass sie so lange aus Angst und Scham geschwiegen habe.

Auf die Frage, ob sie dem Angeklagten bei besagten Vorfällen gesagt hätte, dass sie keinen Geschlechtsverkehr mit ihm will, antwortete sie, dass sie einmal "Aufhören, bitte" gesagt habe. Ob der 55-Jährige daraufhin von ihr abgelassen oder weitergemacht hat, daran könne sie sich nicht mehr genau erinnern. An den zweiten Vorfall erinnerte sie sich laut eigener Aussage kaum mehr. Während der Befragung bekam das Gericht einen Eindruck vom Behindertengrad der jungen Mutter, die sich nur schwer konzentrieren kann und selbst bei einfachen Fragen Verständnisprobleme aufweist. Als die Kamera auf den Angeklagten und seinen Verteidiger schwenkte, brach sie in Tränen aus. Pikant: Der Mann wurde vor einer Woche aus der Untersuchungshaft entlassen - er und seine angebliche Exfreundin wohnen nun wieder im selben Haus.

"Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass sie wirklich aus freien Stücken mit dem 55-Jährigen Geschlechtsverkehr haben wollte", meinte der Staatsanwalt. Und doch blieb ihm nichts anderes übrig, als auf Freispruch für den Angeklagten zu plädieren. Denn: "Trotz aller Bemühungen ist es uns nicht gelungen, ausreichend Licht ins Dunkel zu bringen." Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die 19-Jährige erst während des Geschlechtsverkehrs gesagt hat, dass sie das nicht will. Und auch dann wisse niemand, ob der Angeklagte nicht doch von ihr abgelassen hat.

Weil auch der Missbrauch ihrer Freundin nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, bleibt am Ende einer zähen Verhandlung nur der Freispruch - und eine ordentliche Entschädigungssumme für den 55-Jährigen, weil er acht Monate in Untersuchungshaft gesessen hat. Bei einer Pauschale von 75 Euro pro Tag kommt eine Summe von etwa 18 000 Euro zusammen. Auch in so einem Fall heißt es: Die Kosten trägt die Staatskasse. Knecht-Günther bleibt dabei: "Ich halte das alles für mehr als befremdlich."