Dass aus einer Gelben Karte schnell mal Rot wird, kennen sowohl Hobbykicker als auch Profifußballer zur Genüge. Den umgekehrten Fall, sprich zuerst vom Platz gestellt und dann doch mit Gelb vom Schiedsrichter begnadigt zu werden, haben wohl die Wenigsten erlebt. Seit Samstag gehört der aus dem Rödentaler Ortsteil Einberg stammende Marius Wolf unfreiwillig zu diesem kleinen Personenkreis. Doch nicht nur aufgrund dieser kuriosen Entscheidung stand der Bundesliga-Profi von Eintracht Frankfurt zuletzt im Fokus der Öffentlichkeit. Der 22-Jährige, der das Fußballspielen beim VfB Einberg gelernt hat, gehört zu den Entdeckungen der Bundesliga-Vorrunde. Das Tageblatt blickt auf den rasanten Aufstieg des Offensivmanns in den letzten zwölf Monaten zurück.


1.31. Januar - Der Neuanfang: Bundesligist Eintracht Frankfurt gibt die Leihe von Marius Wolf, der noch bis 2019 bei Hannover 96 unter Vertrag steht, bekannt. Der Einberger hat ein kompliziertes Jahr in Niedersachsen hinter sich. Wolf war nach einer starken Vorrunde mit 1860 München in der Winterpause 2015/16 für 1,5 Millionen Euro mit Vorschusslorbeeren nach Hannover gekommen, konnte sich aber nicht durchsetzen. Nachdem ihm gleich zu Beginn ein Muskelfaserriss außer Gefecht gesetzt hatte, kam er unter dem damaligen 96-Trainer Thomas Schaaf immerhin zu zwei Einsätzen in der 1. Liga - unter dessen Nachfolger Daniel Stendel fiel Wolf allerdings in Ungnade und kam in der Folge nur noch auf 15 Regionalliga-Einsätze in der 2. Mannschaft.

Trotz eines verkorksten Jahres und mangelnder Spielpraxis hält Frankfurts Trainer Niko Kovac große Stücke auf den flexibel einsetzbaren Offensivmann, sieht lediglich körperliche Defizite. "Jetzt werden wir schauen, dass wir ihn erst mal aufpäppeln. Er ist ja doch ziemlich dürr", sagt Kovac bei der Vorstellung von Wolf.


2.25. April - Der Rückschlag: Als sich Wolf gerade mit drei Bundesliga-Einsätzen in Folge im April ins Frankfurter Rampenlicht gespielt hatte, wird er unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Borussia Mönchengladbach soll Wolf als Joker in der zweiten Halbzeit für neue Impulse sorgen. Nach nur 13 Minuten verletzt sich der Einberger, nachdem er nach einem Zweikampf mit Jannik Vestergaard unglücklich auf die Schulter fiel: Operation statt Pokalfinale in Berlin, Reha statt endgültiger Durchbruch.

Nach dem gesundheitlichen Rückschlag rechnen viele mit einer Rückkehr zu Hannover 96, doch etwas überraschend zu diesem Zeitpunkt verlängert die Eintracht die Leihe um ein weiteres Jahr bis zum Sommer 2018. Der frühere Junioren-Nationalspieler macht indes das Beste aus seiner Situation, arbeitet hart im Kraftraum an seinem Comeback und legt einige Kilo an Muskelmasse zu.

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12. August - Das Comeback: Knapp vier Monate nach der Schulter-OP feiert Wolf sein Comeback in der 1. Runde des DFB-Pokals beim 3:0-Sieg gegen TuS Erndtebrück. Seine Rolle im multikulturellen und etwas aufgeblähten Eintracht-Kader ist zu diesem Zeitpunkt noch ungewiss. Die ersten vier Bundesliga-Partien muss Wolf noch zuschauen, am 20. September wird er beim Gastspiel in Köln (1:0-Sieg) eingewechselt. Nur drei Tage später darf der 22-Jährige in Leipzig über 90 Minuten ran und zahlt Trainer Kovac das Vertrauen mit einer Torvorlage zurück. Beim 2:1-Sieg gegen seinen Ex-Klub Hannover 96 Mitte Oktober leitet Wolf den Erfolg mit seinem Assist zum 1:0 ein.


4. 21. Oktober - Der Durchbruch: Im Heimspiel gegen Borussia Dortmund gelingt Wolf der endgültige Durchbruch bei der Eintracht. Mit einem satten Rechtsschuss in die linke Ecke besorgt der Einberger in der 68. Minute den wichtigen 2:2-Ausgleichstreffer. Sein erstes Bundesliga-Tor gibt Wolf viel Auftrieb. Nur drei Tage später trifft er in der 2. DFB-Pokalrunde (4:0 gegen Schweinfurt 05) wieder, in den sieben nächsten Bundesliga-Partien fehlt Wolf keine einzige Spielminute und gehört stets zu den besten Akteuren der Hessen. Nach dem dürftigen 1:1-Remis im Derby gegen Mainz titelt etwa die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung": "Nur Wolf ist eine Wucht". Auch Trainer Kovac verteilt nach dem Mainz-Spiel ein Sonderlob an Wolf und gibt zum ersten Mal öffentlich zu Protokoll, dass er sich sicher sei, dass die Eintracht die Kaufoption im Sommer 2018 nutzen werde. Mit einer Ablösesumme von rund 500 000 Euro ist Wolf nach heutigen Maßstäben ein wahres Schnäppchen.

Seinen Wert unterstreicht Wolf wieder am 3. Dezember, als er in Berlin nach einer einstudierten flachen Eckenvariante aus 16 Metern frei stehend mit der Innenseite sein zweites Bundesliga-Tor erzielt. "So ein Trick geht im Normalfall nur einmal. Wer das Tor im Endeffekt macht, ist egal", sagt Wolf nach der Partie.


5. 9. Dezember - Der Aufreger: Der ehemalige Löwe Wolf trifft im Erwachsenenbereich zum ersten Mal auf den FC Bayern. In der Jugend lieferte er sich als Kapitän der A-Junioren der Sechziger bereits einige heiße Duelle mit dem ungeliebten Stadtkonkurrenten.

Vielleicht auch dieser Tatsache geschuldet, geht Wolf eine Viertelstunde vor Spielende im Zweikampf mit James Rodriguez etwas übermotiviert zur Sache. Der Frankfurter holt den Kolumbianer zwar im Mittelfeld von den Beinen, die Entscheidung von Schiedsrichter Harm Osmers den 22-Jährigen dafür vom Platz zu stellen, sorgt aber für Erstaunen. So auch beim Videoschiedsrichter, der Osmers wiederum zum Videostudium am Spielfeldrand bewegen kann. Der 32-jährige Unparteiische aus Hannover revidiert seine Entscheidung, macht aus Rot Gelb und beordert den duschbereiten Wolf aus den Katakomben wieder auf den Rasen. Oder wie die Bild-Zeitung titelte: "Das Kabinen-Comeback vom bösen Wolf".


6. 12. Dezember - Die Bewährungsprobe: Nach der "Phantom-Roten-Karte" steht Wolf vor der Auswärtspartie beim HSV im medialen Fokus. Sportlich ändert sich seine Rolle: Nachdem Wolf in den vergangenen zwei Monaten den verletzten Timothy Chandler auf der rechten Abwehr- bzw. Mittelfeldseite vertrat, agiert er beim Comeback des Deutsch-Amerikaners erstmals wieder offensiver als Rechtaußen. Ein Schachzug, der sich in der 16. Minute auszahlt. Wolf trifft mit einem satten Schuss zum 1:0, die Vorarbeit gibt ausgerechnet Chandler.

Beim Torjubel sucht Wolf trotzdem schnell die Arme eines anderen Frankfurters, nämlich die von Kevin-Prince Boateng, der zu dem Zeitpunkt noch auf der Bank sitzt. Den Einberger und den Berliner verbindet nicht nur eine Vorliebe für extravagante Haarschnitte und Tattoos, sondern auch eine echte Männerfreundschaft. Boateng nahm "Ziehsohn" Wolf Anfang November während der Länderspielpause sogar mit zu einem Familientreffen nach Mailand. Im Restaurant trafen die beiden dabei auf keinen Geringeren als Superstar Neymar. Und auch wenn Wolf von dessen Marktwert noch einige Stellen entfernt ist, ist sich Boateng bereits jetzt sicher: "Wenn er so weitermacht, wird er Nationalspieler."