Capoeira in Coburg: Die Grenzen der Beweglichkeit
Autor: Sven Dörr
Coburg, Montag, 30. Dezember 2019
Handstände, Salti, gesprungene Drehkicks: Capoeira ist eine spektakuläre Kampfkunst, die viele Betrachter an Breakdance oder Turnen erinnert – ausprobiert haben es die wenigsten. Ein Sportreporter wagt in Coburg den Selbstversuch.
Ein Kreis aus zehn tanzenden Menschen. Brasilianische Rhythmen, portugiesischer Gesang. Es riecht nach Schweiß und Parkettboden. "Trau dich", sagt der sehnige Mann zu meiner Linken und klopft mir auf die Schulter. Nervös betrete ich die Kreismitte – schaue in erwartungsvolle Gesichter. Mein Gegenüber geht in die Hocke – ich tue es ihm gleich. Er schlägt ein Rad – ich versuche es und lande immerhin auf den Füßen. Seine Beine wirbeln über meinen Kopf. Ich setzte einen Kick, er weicht katzenartig aus.
"Viele der Bewegungen wurden von den Tieren abgeschaut", sagt Claudiano José dos Anjos . Er ist Trainer der Coburger Capoeiragruppe "Origem Da Bahia". Seine Schüler sprechen ihn mit Professor Falcao an. Unter ihm sammle ich heute meine ersten Erfahrungen in dieser Kampfkunst. Nun steht er mir in der Roda – dem traditionellen Kreis für den abschließenden Schaukampf der Capoeirista – gegenüber. Geschmeidig bewegt er sich zur Melodie. Ich versuche das zuvor gelernte abzurufen – doch fühle mich eher wie ein Gorilla, der durch den Takt torkelt. Der Trainer hingegen ist leichtfüßig, zeigt akrobatische Bewegungen. Als er sich auf dem Kopf dreht, klappt mir die Kinnlade herunter.
"Capoeira ist Körperbeherrschung pur", teilt mir Falcao mit und fügt hinzu: "Die Körperspannung wird auf natürlichem Weg aufgebaut. Das unterscheidet die Kampfkunst von anderen Formen des Fitnesssports."
Ursprung in der Sklaverei
Der tänzerische Trainingsstil der Capoeirista rührt aus deren Tradition: Auf der Suche nach einer Tarnung für ihre Selbstverteidigungsübungen entwickelten die schwarzafrikanischen Sklaven Brasiliens eine tänzerische Form der Kampfübungen. Auch die verwendeten Instrumente und viele Inhalte der Lieder stammen aus der Zeit der Sklaverei. "Capoeira war nach der harten Arbeit für die Sklaven ein Glücksmoment", erklärt Falcao. Es habe ihnen Energie und Freude gegeben.
Auch im heutigen Training ist die Freude der Teilnehmer nicht zu übersehen. Sie trainieren, tanzen und singen. "Wer singt, trägt Glück in sich", sagt der Trainer. Glücklich bin ich – obwohl die Erfolgsmomente rar sind. Sogar das rhythmische Klatschen überfordert mich zuweilen. "Jeder macht so gut er kann." Der Satz des Trainers wird zu meinem Mantra.
"Hüfte weiter eindrehen und dann das Bein hoch", ruft Falcao. Ich will – aber mein Bein nicht. Meine Muskulatur ist verkürzt: 21 Jahre Fußball fordern ihren Tribut. Dennoch kicke ich in die Luft. Allmählich gelingt es besser. "Warum sieht das beim Rest so leicht aus?" Noch ein Tritt. Ich komme höher, doch verliere die Balance. Also wieder in den Grundschritt (Ginga). Ich fühle mich behäbig und meine Beine beginnen zu schmerzen. Vor allem die vielen tänzerischen Elemente überfordern mich – Eleganz: Fehlanzeige. Als Amateurboxer bin ich anders geprägt.