Was geschah im Dezember 2020 in der Abteilung der Medizintechnik bei Regiomed in Coburg? Eine Mitarbeiterin (44) spricht von mehreren sexuellen Übergriffen durch ihren langjährigen Kollegen. Der Diplomingenieur (54), aufgrund der Vorfälle fristlos gefeuert, malt jedoch das Bild eines immer inniger gewordenen Verhältnisses, das seinen Höhepunkt in einem erotischen Aneinanderreiben am Arbeitsplatz fand.

"Ich bin meiner ehemaligen Kollegin immer mit Achtung und Respekt begegnet." Mit diesen Worten beginnt H.s eineinhalb Stunden andauernde Sicht auf das Verhältnis zu der Kauffrau, mit der er vier Jahre lang Tür an Tür gearbeitet hat - er mit anderen Kollegen in einem Großraumbüro, das vermeintliche Opfer saß alleine in einem Büro nebenan. Unter anderem dort soll es im Dezember 2020 mehrmals zum sexuellen Kontakt gekommen sein. Doch: "Sie erweckt den Eindruck, dass ich mich auf einmal dazu entschieden habe, sie sexuell zu nötigen, und das auf eine sehr plumpe Art und Weise." Der Angeklagte behauptet steif und fest: "Alles, was an Körperkontakt stattgefunden hat, geschah einvernehmlich. Das hat sie mir mit Gestik, Mimik und Worten zu verstehen gegeben." Minutiös schildert der Familienvater, wie das gute berufliche Verhältnis zu seiner Kollegin seit dem Beginn der Corona-Pandemie immer intimer geworden sein soll.

Bei gemeinsamen Mittagessen in ihrem Büro sollen sie viele Gemeinsamkeiten entdeckt haben, beispielsweise, dass sie beide in zweiter Ehe verheiratet und mit dem Sexualleben mit ihren jeweiligen Partnern nicht zufrieden gewesen seien. "Die Gespräche haben einen immer intimeren Charakter bekommen. Es ging um unserer Eheleben und unsere Sexfantasien."

Kurze zum Mittagessen?

Irgendwann soll die liebgewonnene Kollegin W. eine Flasche Korn mit auf die Arbeit gebracht haben, mit der Begründung, sie habe irgendwo gelesen, dass Alkohol Corona-Viren abtöten könne. "Dann haben wir immer mal wieder einen Schnaps getrunken. Mit der Zeit wurden es mehr." Zwischen eineinhalb und drei Flaschen Korn oder Wodka sollen die beiden innerhalb einer Woche am Arbeitsplatz konsumiert haben. Um seine These zu untermauern, zeigt H. alte Textnachrichten auf dem Handy vor, in denen das vermeintliche Opfer beispielsweise geschrieben hat: "Habe heute Desinfektionsmittel für die innere Anwendung besorgt." Einmal, die Kollegin soll da gerade krank geschrieben gewesen sein, soll sie ihm per SMS beauftragt haben: "Du musst die Flasche aus meinem Büro tun." H.s Antwort: "Die ist längst leer." Richterin Carolin Klopfer fragt ungläubig: "Und dann haben Sie auf der Arbeit regelmäßig Alkohol getrunken?" H.: "Ja, leider."

Intime Momente in der Abteilungsküche

H. beschreibt detailliert, wie es beim gemeinsamen Abspülen in der Abteilungsküche zu ersten intimen Umarmungen gekommen sein soll, nachdem sie ihm bereits Fotos von sich in Reizwäsche gezeigt haben soll.

In den Lüftungspausen während der Verhandlung sitzt er im Zuschauerraum bei seiner Frau, die das alles mitanhören muss. Die "heftige Flirterei" gipfelte aus Sicht des Angeklagten schließlich "in einem Moment der Schwäche", in dem "sie unvermittelt mit der rechten Hand an meinen Schambereich gefasst und ihn massiert hat", während ihre Kollegen und der Vorgesetzte nur wenige Meter nebenan im Großraumbüro saßen. Dann habe sich die Kollegin mit den Händen an einer Säule in ihrem Büro abgestützt, während er sich mit erigiertem Glied von hinten an ihr gerieben und ihre Brüste massiert haben will.

Am nächsten Tag soll H. dann jedoch von dem Vorgesetzten unvermittelt mit den Worten "Baggerst du die jetzt auch an?" zur Rede gestellt worden sein. Als er sie daraufhin gefragt habe, was da los ist, habe sie jedoch versichert, das alles in Ordnung sei. Auch da habe er ihre Brüste wieder streicheln dürfen, sie soll im spaßigen Ton "Du Fummler, du" gesagt haben. Doch in den darauffolgenden Tagen habe H. gemerkt, "dass da irgend was im Busch ist." Schließlich sei er in das Büro des Klinikdirektors gerufen und mit den vermeintlichen sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz konfrontiert worden sein. "Ich war in Schockstarre. Ich war nicht vernehmungsfähig." Am nächsten Tag wurde H. fristlos gekündigt.

Kollegin W., die nebenberuflich damit Geld verdient, auf erotischen Online-Portalen mit Männern zu chatten, beschreibt die "intimen Momente" komplett anders. So habe sie am Aktenschrank in ihrem Büro gestanden und H. gerufen, weil sie etwas von ihm wissen wollte. Der sei daraufhin "reingerast, hat die Tür geschlossen und mir unter den Pullover gegriffen." Der Übergriff sei für die 45-Jährige völlig unvermittelt gekommen. "Ich war perplex und wusste nicht, wie mir geschieht." Als sie ihn abgewehrt habe, soll H. mit den Worten "Ich warte im Lager auf dich" gegangen sein. Danach sei sie unter einem Vorwand aus der Arbeit geflüchtet. Ihr Vorgesetzter erinnert sich an den Tag: "Sie kam aufgeregt rein und hat sich kurzfristig verabschiedet, weil irgend etwas mit ihren Kindern war."

Am nächsten Tag, erzählt W. weiter, habe sie H. in ihrem Büro zur Rede gestellt, worauf er aber nicht reagiert, sondern ihr wieder an die Brust gefasst habe. "Fummel wo anders", will sie gesagt haben. Daraufhin sei sie zu ihren Kollegen ins andere Büro gegangen und habe sie darum gebeten, nicht mehr alleine mit dem Angeklagten sein zu müssen. Die hätten die Situation allerdings erst nicht ernst genommen, "weil er bekannt dafür ist, dass er mit vielen Frauen gerne etwas machen würde und nichts anbrennen lässt".

Zeugin mit Erinnerungslücken

Als H. dann jedoch erneut an besagtem Tag zu ihr ins Büro gekommen und sie angefasst habe, sei sie zusammengebrochen und habe heftig geweint. Das habe ihr Vorgesetzter im anderen Büro mitbekommen, dem sie dann von den vermeintlichen Übergriffen erzählt hat. "Ich musste das alles erst einmal sacken lassen", antwortet sie auf die Frage des Verteidigers, warum sie sich nicht direkt nach dem ersten Vorfall jemandem anvertraut hat. Während der Vernehmung weist W. allerdings einige Erinnerungslücken auf, behauptet, sie könne sich nicht mehr daran erinnern, was sie an den Tagen der Übergriffe getragen hat oder wann der Angeklagte ihre Hand, so schildert sie, auf sein Glied gelegt hat. Von Alkohol am Arbeitsplatz will W. nichts wissen. "Das ist strikt verboten." Wie es zu all den Textnachrichten kam, in denen es aber immer um Alkohol ging, wisse sie heute nicht mehr.

Der damalige Klinikdirektor Frank Wellmann hat beide damals zu den Vorfällen befragt und sagt: "Für mich stand völlig außer Zweifel, dass die Aussage von Frau W. glaubhaft war und die von Herrn H. unglaubwürdig." Der Prozess wird fortgesetzt, der nächste Verhandlungstermin steht noch nicht fest.