Radfahrer in der Fußgängerzone: Verbote werden "gekonnt ignoriert"
Autor: Sandra Hackenberg
Coburg, Dienstag, 21. Dezember 2021
In der Coburger Fußgängerzone kommt es immer wieder zu brenzligen Situationen zwischen Radfahrern und Fußgängern. Manche sind dreist, andere verwirrt von den Regelungen.
Spitalgasse, Marktplatz, Steinweg oder ganz allgemein die Coburger Fußgängerzone: Wo Radfahrer und Passanten aufeinandertreffen, kommt es Tag für Tag zu Szenen, die im besten Fall unschön, im schlechtesten gefährlich sind. In der vergangenen Woche holte eine junge Radfahrerin in der Spitalgasse einen Sechsjährigen vor den Augen seiner Mutter von den Beinen und fuhr einfach weiter (wir berichteten).
Obwohl oder vielleicht genau deshalb, weil sie wusste, dass Radfahren vor 18 Uhr in der "Spit" verboten ist, ergriff die junge Frau die Flucht, ohne sich um das schreiende Kind am Boden zu kümmern. Denn eigentlich weisen Schilder an allen Zugängen darauf hin, dass der Fahrradverkehr in der belebten Geschäftsstraße nur zwischen 18 Uhr abends und 10 Uhr morgens erlaubt ist. Der Unfall passierte um 17.45 Uhr. Sollte die Verursacherin ermittelt werden, droht ihr neben der Ordnungswidrigkeit nun auch ein Verfahren wegen Unfallfahrerflucht.
Der dreiste Fall sorgte für Empörung - neu ist das Problem in der Coburger Fußgängerzone allerdings nicht. "Dass sich Radfahrer und Fußgänger in die Quere kommen, kann passieren", meint Louis Münster von der Verkehrsplanung. "Leider hat man aber den Eindruck, dass im Straßenverkehr das allgemeine Verständnis für andere Verkehrsteilnehmer fehlt. In einer Fußgängerzone hat nun einmal der Fußgänger Vorrang."
Die Folge: In der Coburger Fußgängerzone kommt es zu brenzligen Szenen: Vollbremsungen, Radler, die in der letzten Sekunde Fußgängern ausweichen und Passanten, die mitunter auch mal einen schnellen Schritt zur Seite machen müssen, um den Zusammenstoß zu verhindern. "Verbote werden gekonnt ignoriert", berichtet Nicole Hentschel von der Straßenverkehrsabteilung. Zwar patrouillieren Ordnungskräfte werktags durch die Straßen - renitenten Zweiradrowdys ist das allerdings egal, im Zweifelsfall setzen sie darauf, schneller um die nächste Ecke verschwunden zusein als die Ordnungshüter rennen können.
Nicht immer jedoch werden die Verstöße vorsätzlich begangen: Radfahrer sehen sich in der Coburger Innenstadt auf wenigen hundert Metern mit verschiedenen Regeln konfrontiert (siehe Info-Grafik). So ist das Radeln in der Rosengasse nur entgegen der Einbahnstraßenrichtung erlaubt. Auf dem Marktplatz haben Drahteselbesitzer hingegen freie Fahrt - wenngleich ihnen die Stadt Coburg empfiehlt, auf das Großpflaster im äußeren Bereich auszuweichen. "Auch da sind Vorsicht und Rücksicht geboten, weil dort die Geschäfte ihre Außenbereiche haben und Menschen zu Fuß unterwegs sind", merkt Stadt-Pressesprecher Louay Yassin an. In der Spitalgasse müssen Radfahrer tagsüber absteigen - nach dem Spitaltor heißt es im Steinweg wieder "Freie Fahrt".
Manch Einer könnte bei diesem Regel-Wirrwarr die Übersicht verlieren. Dass Fahrradfahrer in der Spitalgasse nach 18 Uhr freie Fahrt haben, hat der Verwaltungssenat erst im März dieses Jahres beschlossen - ein Pilotprojekt, das zunächst auf ein Jahr begrenzt ist. "Es ist gut, dass man auch solche Straßen für Radfahrer öffnet", findet Gerd Weibelzahl von der Verkehrsclub-Deutschland-Kreisgruppe Coburg. "Aber einzelne Gassen reichen nicht." Was aus Weibelzahls Sicht in Coburg aber überfällig ist, ist ein Radverkehrskonzept, das Radfahrern die Möglichkeit gibt, sicherer auf den Straßenverkehr auszuweichen. "Die Radfahrer werden mehr, die Räder werden besser und die Radfahrer schneller." Nur wenn man dieser Entwicklung Rechnung trage, könne aus "Ich komme zuerst" mehr Rücksicht im Straßenverkehr werden. Ein entsprechendes Konzept will die Stadt im kommenden Jahr ausarbeiten.