Polizei musste Angeklagte erst holen
Autor: Winter
Coburg, Dienstag, 04. Januar 2022
Im August 2018 sollen mehrere Männer Drogenschulden in Sonneberg gewaltsam eingetrieben haben. Die angeklagte junge Frau soll zugearbeitet haben.
Am Ende dieses ruckeligen Verhandlungstages richtete Klaus Halves deutliche Worte an die Beschuldigte: "Nehmen Sie diese neuerliche Ladung sehr, sehr ernst", mahnte der Richter der großen Jugendstrafkammer am Landgericht Coburg eindringlich. Beim nächsten unentschuldigten Fehlen drohe Haft.
Schon Ende Dezember war die junge Frau nicht vor Gericht erschienen und am vergangenen Montag war ein Vorführungsbefehl nötig. Nach gut einer Stunde brachte die Polizei die 21-Jährige zur Justiz in Coburg. Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau sowie fünf jungen Männern besonders schweren Raub und gefährliche Körperverletzung vor.
Leichtes, leises Schniefen
Beide Male hatte die Beschuldigte gesundheitliche Probleme als Gründe für ihr Fernbleiben geltend gemacht. Rechtsanwältin Jessica Gralher hatte am Montag dem Gericht eine Krankmeldung angekündigt und später übermittelt. Aber eine vom Arzt ausgestellte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung heißt nicht automatisch, dass der Kranke - in diesem Fall die Beschuldigte - nicht verhandlungsfähig ist. Das Gericht fragte daher bei dem niedergelassenen Arzt nach. Ein Virusinfekt und davon betroffene Nasennebenhöhlen seien kein Grund, nicht vor Gericht zu erscheinen, war die Mitteilung des Mediziners. Zwei Stunden nach dem Beginn der Verhandlung konnte Richter Halves die junge Frau befragen, die - unterbrochen von leichtem und leisen Schniefen - auf die Fragen antwortete.
Schulden hatten sich angesammelt
Das Verfahren der Frau aus dem Landkreis Coburg wurde von dem der andern Beschuldigten abgetrennt. Der Vorwurf lautet, im August des Jahres 2018 in einer Sonneberger Wohnung zwei Männern Geld und Wertgegenstände gewaltsam geraubt zu haben. Aus Rauschgiftgeschäften hatten sich laut Anklage Schulden in Höhe von etwa 7000 Euro angesammelt. Zehn bis 15 Männer waren damals in die Sonneberger Wohnungen eingedrungen und hatten mit Schlägen und Tritten die Außenstände einzutreiben versucht. Mobiltelefone und Designer-Klamotten fielen den Tätern in die Hände. Sieben Täter, darunter die junge Frau, beschuldigt die Staatsanwaltschaft, dabei auch mit einer Metallschiene auf die Opfer eingeschlagen zu haben.
Der Frau aus dem Landkreis Coburg, ehemalige Partnerin eines Opfers, sollte die Wohnungstür bei einem Besuch für die Schlägertruppe öffnen. Sie war am frühen Abend des 27. August 2018 in die Wohnung gegangen und hatte mit ihrem ehemaligen Freund gesprochen. Eine Viertelstunde später kamen die Täter in die Wohnung, einige wurden gewalttätig, andere durchsuchten die Zimmer nach Wertgegenständen.Wie die Mittäter hat auch die Angeklagte mit 21 Jahren schon eine ausgeprägte Suchtkarriere hinter sich.
Drogen, Pflegefamilien, Psychiatrie
Alkohol und "Gras" konsumierte sie erstmals vor sechs Jahren, später kamen chemische Drogen wie LSD, Speed und Ecstasy dazu. Eine klinische Entgiftung sowie Aufenthalte in der Jugendpsychiatrie sowie in mehreren Pflegefamilien finden sich im Lebenslauf. Zurzeit absolviert die junge Frau eine Ausbildung in einem Fitnessstudio und versucht, ihrem Leben wieder Sinn und Regelmäßigkeit zu geben. Zu den anderen Beschuldigten habe sie keinen Kontakt mehr, sagte sie.
Die Verhandlung gegen die Beschuldigte wird am 18. Januar fortgesetzt.