Pflege nur noch mit einem Riesenaufwand an Hygiene
Autor: Christoph Winter
Coburg, Mittwoch, 15. April 2020
Bei der Pflege kommen sich Menschen sehr nahe. Deswegen haben die Mitarbeiter ambulanter Dienste die Abläufe enorm umgestellt.
Früh um fünf Uhr herrscht rege Geschäftigkeit. Mehrere Schritte voneinander entfernt stehen Tische und einige Stühle. Darauf bunte Plastikkörbe. Jedes Körbchen ist etwa so groß wie ein DIN A4-Blatt und mit einer Nummer versehen. "Darin sind die Utensilien für jede unserer Pflegetouren", sagt Jeannette Görlach. Eine Mitarbeiterin des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in der Coburger Parkstraße hat Pflaster und Mullbinden, Insulinspritzen und Medikamente, Schlüssel und Dokumentationen schon für die Kolleginnen des Ambulanten Pflegedienstes zusammengesucht und auf den Tischen verteilt. "So können die Mitarbeiter Abstand zueinander halten", so die Pflegedienstleiterin.
Auf Hygiene bedacht sind die Kräfte in der ambulanten Seniorenpflege der verschiedenen Hilfsorganisationen schon seit jeher. Seit sich der Covid-19-Virus mehr und mehr ausbreitet, hat sich der Stellenwert von Hygiene nochmals um ein Vielfaches erhöht. Waren Einmalhandschuhe bei den Mitarbeitern der ambulanten Pflegedienste schon immer ständiges Utensil bei der Arbeit, ist jetzt ein Mund- und Nasen-Schutz unabdingbar, der Verbrauch von Handschuhen und Desinfektionsmitteln ist seit Wochen immens gestiegen.
Die ständige Sorge ums Material
"Das größte Problem für uns stellt zurzeit die Materialbeschaffung dar", sagen unisono Thomas Schwesinger vom Regionalverband Coburg des ASB und Juergen Beninga vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK), Kreisverband Coburg. Die beiden Geschäftsführer haben "mit eklatant gestiegenen Preisen" für Mund- und Nasen-Schutz zu kämpfen. "Masken lassen wir auch nähen, um Mitarbeiter und Patienten zu schützen", so Juergen Beninga vom BRK. Und angesichts der höheren Einkaufspreise - "ein Mitarbeiter macht zurzeit im Homeoffice nur das" - bleibt ihm nur, sich in das Schicksal zu fügen. "Wir müssen unser Personal schützen, etwas anderes ist nicht denkbar."
Mit einem Partner versucht ASB-Geschäftsführer Schwesinger, Masken auch direkt in China zu ergattern. Bei den FFP-2-Masken ist nach den Worten von Juergen Beninga die Versorgungslage "ziemlich dünn". Ein einfacher herkömmlicher Mundschutz sei vor der Corona-Pandemie mit nicht einmal zehn Cent bezahlt gewesen, "jetzt bewegen sich die Preise um 1,50 Euro netto", berichtet Thomas Schwesinger vom ASB.
Desinfektionsmittel für Hände und Flächen sind zusätzlich allgegenwärtig und in ständiger Anwendung. "Jeder Schlüssel, den die Mitarbeiter wieder mitbringen, wird desinfiziert, überhaupt alles", so Thomas Schwesinger.
Auf Distanz
Die karitativen Organisationen haben ihre internen Abläufe umgestellt. Die Mitarbeiter vermeiden Nähe zueinander. "In unseren Sozialstationen sind möglichst wenige Mitarbeiter gleichzeitig und die halten auch Abstand zueinander", stellen die Geschäftsführer von BRK und ASB fest. Die Pflegerinnen kommunizierten über Mobiltelefone und Messengerdienste.
Keine Tagespflege mehr
Eingestellt haben BRK und ASB das Angebot der Tagespflege. "Das ist schon traurig, wenn alles bereit ist, aber die Tagespflege nicht stattfinden kann", meint Juergen Beninga. Aber der Gesundheitsschutz habe nun absoluten Vorrang. Gleichwohl achteten die Pflegekräfte vor Ort auf Corona-Symptome bei den überwiegend älteren Menschen.