Druckartikel: Neustadt ist seit 40 Jahren in Freundschaft verbunden mit Villeneuve-sur-Lot

Neustadt ist seit 40 Jahren in Freundschaft verbunden mit Villeneuve-sur-Lot


Autor: Redaktion

Neustadt bei Coburg, Freitag, 02. Juni 2017

Am 23. Juni 1977 wurde die Partnerschaftsurkunde mit der französischen Stadt in Neustadt unterzeichnet, in Frankreich war das dann am 27. August 1977.
Blick auf Villeneuve-sur-Lot Repros: Dieter Seyfarth


"Wir, die gewählten Vertreter der französischen Stadt Villeneuve-sur-Lot und der deutschen Stadt Neustadt b. Coburg, stimmen überein, hiermit die Grundlage zu einer offiziellen Städtepartnerschaft zu legen, in der Gewissheit, damit einem Wunsche unserer Bürgerschaft zu entsprechen, in der Erkenntnis, dass ein friedliches Zusammenleben nur möglich ist, wenn Grenzen und Schranken zwischen den Völkern und Menschen abgebaut werden. Wir verpflichten uns, die Aussöhnung zwischen den beiden Völkern zu vertiefen, am Aufbau eines vereintes Europas mitzuwirken sowie alle Anstrengungen zur Aufnahme freundschaftlicher Beziehungen zwischen der Bürgerschaft beider Städte zu unternehmen."

Das ist der Wortlaut der Partnerschaftsurkunde, die am 23. Juni 1977 in Neustadt bei Coburg von Oberbürgermeister Ernst Bergmann und Bürgermeister Georges Lapeyronie unterzeichnet wurde. In der südfranzösischen Stadt Villeneuve-sur-Lot wurde die Partnerschaft am 27. August 1977 besiegelt. Die heute rund 24.000 Einwohner zählende Stadt liegt in der Region Nouvelle-Aquitaine im Département Lot-et-Garonne. Villeneuve-sur-Lot (Neustadt am Lot) und sein Umland sind auch als die "Pflaumenregion" bekannt, weil auf der durch Flussüberschwemmungen fruchtbar gewordenen Ebene der ganz überwiegende Teil aller Pflaumenbäume Frankreichs stehen.

Ein Blick zurück zeigt auf, wie es zu dieser Städtepartnerschaft kam.
Der Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit (Élysée-Vertrag) vom 22. Januar 1963, der von General Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer ratifiziert wurde, bildete die Grundlage. Durch ihn kam es verstärkt zur Begründung von Partnerschaften zwischen deutschen und französischen Städten und Gemeinden. Durch Vermittlung des französischen Konsuls Daniel Couderc aus München wurden der Stadt mit Grandvilliers, Lavaur und Villeneuve-sur-Lot drei in etwa vergleichbare Städte genannt, denen an einer Städtepartnerschaft gelegen war. So reiste eine Delegation des Neustadter Stadtrates im Jahre 1974 nach Südfrankreich und führte mit Vertretern der Städte Villeneuve-sur-Lot und Lavaur Gespräche über eine mögliche Städtepartnerschaft. Gestützt durch Gegenbesuche entwickelte sich mit Villeneuve-sur-Lot eine engere Verbindung, die bereits 1975 zu einem Schüleraustausch zwischen den beiden Gymnasien führte und 1976 durch mehrfache Begegnungen noch verstärkt wurde. Schließlich fasste der Stadtrat am 18. Oktober 1976 den Beschluss, mit der südfranzösischen Stadt die "Ehe" einzugehen. Bei der Unterzeichnung der Urkunden am 23. Juni 1977 im Rahmen einer Stadtratssondersitzung sagte Neustadts Oberbürgermeister Ernst Bergmann unter anderem:
"Der heutige Tag wird in der jahrhundertealten Geschichte unserer beiden Städte einmal einen besonderen Rang einnehmen" und "Vornehmstes Ziel muss es sein, die von gegenseitiger Versöhnlichkeit und Wertschätzung bestehenden Berührungspunkte zwischen den Bürgern, vor allem der Jugend, zu schaffen".

Bürgermeister Georges Lapeyronie wies bei der Ratifizierung darauf hin, "dass die Kinder die Hauptträger der Partnerschaft sind". Aus ihrer Freundschaft würde das neue Europa entstehen. "Das Europa von morgen wird das Europa freier Völker sein, sonst wird es gar nicht erst zur Weltkommen!" Damit erntete er reichlich Beifall!
Der Vorsitzende des Partnerschaftsausschusses von Villeneuve-sur-Lot und frühere Bürgermeister, Jean-Claude Cayrel, hob in seiner Rede besonders hervor, "dass er vor zwei Jahren in Neustadt b. Coburg Leute kennengelernt habe, die zwischenzeitlich zu seinen besten Freunden wurden. Eine besondere Freude bereite ihm die Tatsache, dass viele Jugendliche aus Neustadt schon aus eigener Initiative Villeneuve-sur-Lot besuchen."

Hellmut Grempel, damaliger Zweiter Bürgermeister und Vorsitzender des Ausschusses für deutsch-französische Zusammenarbeit, dankte Jean-Claude Cayrel, dem es gelang, in Villeneuve-sur-Lot Vorurteile abzubauen und selbst die ehemaligen Kriegsteilnehmer und Widerstandskämpfer für die gemeinsame Sache zu gewinnen. Dabei würdigte er auch besonders Bürgermeister Georges Lapeyronie, der - erst im März 1977 neu gewählt - zusätzliche Anregungen für die Städtepartnerschaft gab. Dies sei umso beachtlicher, als dieser während des Krieges zur Zwangsarbeit in Deutschland verpflichtet gewesen sei.

Dass sich in den ersten Jahren die Städtepartnerschaft durch Schüleraustausche und gegenseitige Vereinsbesuche so gut entwickelte, war dem besonderen Engagement von Hellmut Grempel und Andree Langosch sowie auf Villeneuver Seite Jean-Claude Cayrel, Komiteevorsitzender bis zu seinem Tod im Jahre 1995, sowie Luc Auzenau und Jaques Lagadére zu verdanken. Für die Schüleraustausche setzte sich besonders der damalige Oberstudienrat Oskar Hoffmann vom Arnold-Gymnasium ein. Von Anfang an dabei war auch Ben Bourebaba als unermüdlicher Helfer und Dolmetscher. Bei zahlreichen Regionalmessen ("Foire Expo") in Villeneuve-sur-Lot wurde der Verkaufsstand des Villeneuver Komitees betreut. Später war Neustadt mit einem eigenen Stand vertreten, an dem Erzeugnisse aus der hiesigen Region, insbesondere Puppen und Spielzeug, angeboten wurden.


Weitere wichtige Ereignisse in Kürze:

Das zehnte Städtepartnerschaftsjubiläum wurde am 18. Juli 1987 im Rahmen einer Stadtratssondersitzung in Neustadt und am 30. August 1987 in Villeneuve-sur-Lot begangen.
Das 15. Städtepartnerschaftsjubiläum wurde (aus terminlichen Gründen mit einem Jahr Verspätung) am 19. April 1993 im Rahmen einer Stadtratssondersitzung in Neustadt und am 28. August 1993 im Rahmen eines Stadtempfangs in Villeneuve-sur-Lot gefeiert.
Das 20. Städtepartnerschaftsjubiläum wurde am 26. Juli 1997 im Rahmen eines feierlichen Stadtempfangs in Neustadt und am 11. Oktober 1997 im Rahmen eines Stadtempfangs in Villeneuve-sur-Lot begangen.
Das 25. Städtepartnerschaftsjubiläum wurde am 27./28. Juli 2002 in Neustadt und am 24./25. August 2002 in Villeneuve-sur-Lot begangen.
Bei einem Besuch in Villeneuve-sur-Lot in der Zeit vom 28. August. bis 4. September 2003 wurde ein Verkehrskreisel in "Place de Neustadt" eingeweiht und in Neustadt wurde am 26. Juni 2004 der Freizeitpark "Am Moos" in "Freizeitpark Villeneuve-sur-Lot" umgewidmet.
Am 19. März 1992 wurde in Neustadt das "Städtepartnerschaftskomitee e. V." gegründet. Dieses hat sich zum Ziel gesetzt, die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Städten zu fördern, auszubauen und zu intensivieren. Es regelt seither weitgehend selbstständig in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Neustadt die Austauschprogramme, fördert und unterstützt die partnerschaftlichen Aktivitäten von Vereinen, Verbänden und des Arnold-Gymnasiums. Im 25. Jubiläumsjahr 2002 setzte sich der Vorstand wie folgt zusammen: Vorsitzender Oberbürgermeister Frank Rebhan, Geschäftsführender Vorsitzender Klaus Eichhorn und Stellvertreterin Andrè Langosch, Schriftführerin: Marlies Kiesewetter, Kassierer: Uwe Scheler, Beisitzer: Ben Bourebaba, Fritz Falk, Ulrich Leipold, Kurt Martin und Dieter Seyfarth.
Auch anlässlich der 30. und 35. Städtepartnerschaftsjubiläen fanden offizielle Feiern und gegenseitige Besuche statt.

Zum 40. Jubiläum am diesjährigen Kinder- und Marktfestwochenende (21. bis 23. Juli), an dem auch das 39. Neustadt-Treffen der Arbeitsgemeinschaft "Neustadt in Europa" stattfindet, wird eine Delegation aus Villeneuve-sur-Lot mit Vertretern der Stadt, des dortigen Komitees und langjährigen Freunden der Städtepartnerschaft erwartet. In Villeneuve-sur-Lot soll dann Mitte September die Städtepartnerschaft zwischen beiden Städten erneuert und bekräftigt werden. Im 40. Jubiläumsjahr wird das Partnerschaftskomitees von Klaus Eichhorn als Präsident und Ben Bourebaba als Vizepräsident geführt. Zum Vorstand gehören weiter Oberbürgermeister Frank Rebhan, Schriftführer Fritz Falk, Schatzmeister Uwe Scheler und die Beisitzer Sandra Bätz, Reinhard Elsner, Dirk Krebs, Andrè Röttger, Wolfram Salzer und Julia Zenglein.

In den vergangenen 40 Jahren beteiligten sich an den gegenseitigen Austauschprogrammen über 20 Neustadter Vereine, Verbände, Kirchengemeinden und andere Organisationen sowie Klassen des Arnold-Gymnasiums. Besonders erfreulich ist, dass sich - nach einer längeren Pause - in letzter Zeit wieder Schüleraustausche angebahnt haben. Busfahrten einer Reihe von Neustadter Vereinen und zwei Bürgerbusfahrten festigten die Beziehungen, ferner auch die Besuche einiger Neustadter mit ihren "Ultra-Leichtflugzeugen". Zur Vertiefung der Partnerschaft trugen auch zahlreiche Einzelreisen bei, durch die sich regelrechte Freundschaften entwickelten. Viele davon haben heute noch Bestand. Unter den vielen Aktionen ist besonders die elftägige Rad-Etappenfahrt über 1.848 Kilometer von Neustadt (Start am 15. August 1987) nach Villeneuve-sur-Lot anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Städtepartnerschaft hervorzuheben. Auch eine Gruppe von Motorradfahrern machte auf sich aufmerksam, als sie die weite Strecke nach Südfrankreich zurücklegte. Und ein jeder, der schon mal in der französischen Partnerstadt zu Besuch war, schwärmt immer wieder von der herzlichen Gastfreundschaft und Feierlaune der Südfranzosen. Und bestens bekannt und geschätzt sind auch die südfranzösische Küche mit ihren reichen Gaumenfreuden und natürlich der "vin rouge".

Umgekehrt kamen zum Neustadter Kinder- und Marktfest häufig Musik- und Tanzgruppen aus Villeneuve-sur-Lot. Aber auch andere Gemeinschaften aus den Bereichen Kultur, Sport, Tourismus, Landwirtschaft u. a. entdeckten immer wieder die "Bayerische Puppenstadt". Fast schon zu einer Tradition geworden ist der jährliche Besuch des Villeneuver Landwirts Benoit Lefebre zur Veranstaltung "Swing im Park". Dann können es viele Neustadter kaum erwarten, seine köstlichen Eigenprodukte wie zum Beispiel Pflaumen, Käse, Dosenwurst, Honig und Marmeladen zu erstehen. Nicht zu vergessen ist, dass auch gegenseitig Arbeitsstellen für Ferienarbeiter, Studenten und Praktikanten vermittelt wurden. Bei so vielen Begegnungen ist es nicht verwunderlich, dass bereits 1989 die dritte Ehe zwischen Bürgerinnen und Bürgern beider geschlossen wurden. Dass nicht nur die Partnerschaft zwischen Neustadt b. Coburg und Villeneuve-sur-Lot eine Erfolgsgeschichte ist, beweisen die inzwischen über 2.200 Bündnisse zwischen französischen und deutschen Städten und Gemeinden. Hinzu kommen noch 22 Regionalpartnerschaften. All dies kann als klares "Bekenntnis zu Europa" verstanden werden, was sich nicht zuletzt auch auf die zurückliegende Präsidentenwahl in Frankreich positiv ausgewirkt haben dürfte.
Quellen: private Aufzeichnungen, Aktenunterlagen der Stadt Neustadt, Chronik der Stadt Neustadt im 20. Jahrhundert (Band 1) von Helmut Scheuerich