Kaum hat sich Sindy Hellwig an den Tisch gesetzt, stapft die jüngste Tochter in die Küche. "Mama!" Eigentlich wollte die alleinerziehende Mutter in Ruhe erzählen, wie es ihr als Hartz-IV-Empfängerin geht. Der Sohn, acht Jahre alt, ist beim Fußballtraining. Die Mädchen sind fünf und sieben Jahre alt und haben brav gefragt, ob sie fernsehen dürfen. Sie dürfen. Aber die Jüngste empört sich, weil ihre Schwester "Tom und Jerry" angeschaltet hat. "Jetzt kommt doch der Wetterbericht!" Sindy Hellwig lacht: "Sie interessiert sich total für's Wetter." Mama geht erst mal vermitteln.

Die 30-Jährige will eine gute Mutter sein. "Hartz IV ist freilich so ein Stempel, den man bekommt. Aber bin ich denn schlechter als andere?" Sie strafft die Schultern, sagt bestimmt: "Nein! Bin ich nicht." Sie möchte ihren Kindern ein Vorbild sein. An vier Tagen pro Woche arbeitet sie stundenweise im Coburger Sozialkaufhaus, das vom Verein "Hartz & Herzlich" betrieben wird.


Ehrenamtliche Arbeit

Sie macht das ehrenamtlich, fährt aus der Gemeinde Meeder mit dem Zug zur Arbeit und zahlt das Ticket sogar selbst. "Naja", sagt sie, "wenn das Wetter passt, fahre ich ja mit dem Rad." Die 30-Jährige ist stolz darauf, zu helfen. "Meine Arbeit hilft den Leuten, die dort einkaufen. Und es hilft mir ... dass ich nicht Zuhause sitze, Däumchen drehe und warte, dass es vorangeht."

Sie legt die Hand auf die Tischdecke mit Osterhäschen: "Dafür habe ich 20 Cent bezahlt." Die Vasen auf dem Tisch, die Kleidung, die sie trägt, die Kaffeemaschine. "Was ich habe, habe ich aus dem Sozialkaufhaus. Gerade Deko, so Sachen, die einen erfreuen, müsste ich sonst weglassen. Und am Monatsende wär's oft noch knapper."


Keine Tafel

Sie muss immer rechnen. "Klar: Von Hartz IV kann man nicht in Saus und Braus leben." Obst und Gemüse für die Kinder sind ihr wichtig, aber manchmal reicht das Geld nur noch für Pfannkuchen mit Apfelmus. Ihre Mutter hilft öfter aus. Aber bei der Tafel war sie noch nie. "Bei mir geht es ohne." Trotzdem sieht sie kritisch, wenn Politiker sagen, Hartz-IV-Empfänger seien nicht auf die Tafel angewiesen. Sie nutzt eben andere zusätzliche Hilfsangebote wie das Sozialkaufhaus.

"Wichtig ist auch der Kindergartenplatz und die Schulkindbetreuung in Meeder. Hätte ich das nicht, könnte ich nicht arbeiten." Eine feste Stelle? Kaum Chancen. Alleinerziehend, kein Schulabschluss und ihre Lehre als Floristin hat sie abgebrochen, als sie schwanger wurde.

"Bei den Kindern ist mir die Schule wichtig. Ich möchte nicht, dass sie später so dasitzen wie ich", sagt sie, als die Große in die Küche kommt. "Wir sind gleich fertig, was ist denn?", fragt die Mutter. "Ich lieb' dich!" flüstert das Mädchen und flitzt wieder hinüber ins Wohnzimmer. Später wird Sindy Hellwig dort wie jeden Abend die Couch ausziehen. Jedes ihrer Kinder hat ein Zimmer. Dafür hat die Mutter auf ein Schlafzimmer verzichtet. Verzichten gehört hier zum Alltag.