Die Neustadter Torwartlegende: Die Rede ist von Willi Schwenzl, einem hervorragenden Tormann, der von 1953 bis 1962 in der 2. Liga Süd beim VfL 07 Neustadt zwischen den Pfosten stand, immer wieder mit seinen reaktionsschnellen Paraden Tore verhinderte und somit ein "ruhender Pol" in der Abwehr der "Neustadter Löwen" war.

Willi Schwenzl wurde am 15. Januar 1925 in Pfeffertshofen (Neumarkt in der Oberpfalz) geboren. Seine Jugend verbrachte er in Nürnberg, wo er ab 1939 den Beruf des Elektroinstallateurs erlernte. Anschließend, gerade 17 Jahre alt, war er als Fallschirmjäger bei der Wehrmacht und geriet nach Kampfeinsätzen in Frankreich und Holland 1945 für kurze Zeit in Gefangenschaft. 1948 heiratete er seine Freundin Liselotte Emmerling.

Mit 75 Jahren verstorben

Willi Schwenzl hätte dieses Jahr seinen 95. Geburtstag feiern können. Leider ist er schon am 21. Januar 2000 unerwartet verstorben, eine Woche nach seinem 75. Geburtstag, den er noch im Kreise seiner früheren Mitspieler feiern konnte. Um ihn drehen sich auch 20 Jahre danach in Sportler- und Freundeskreisen noch viele Gespräche und Geschichten.

Willi Schwenzl hütete ab der Saison 1953/54 das Tor der damals so erfolgreichen "Neustadter Löwen". Vorher war er ein wichtiger Leistungsträger beim FV 04 Würzburg. Als die Würzburger 1952 ihr Auswärtsspiel beim VfL 07 Neustadt überraschend mit 1:0 Toren gewannen, war es ausgerechnet Willi Schwenzl, der in diesem Spiel über sich hinauswuchs und zum "Held des Tages" wurde - zum Leidwesen der Neustadter! Der damals 26-Jährige wehrte einen von "VfL-07-Bomber" Gehrhard Knoch getretenen Elfmeter bravourös ab und rettete damit der Würzburger Elf den Sieg. Dadurch vermasselten sich die "Neustadter Löwen" die Qualifikation für die Aufstiegsspiele zur 2. Division. Die überragende Tormannleistung Schwenzls in diesem Spiel muss die Verantwortlichen beim VfL 07 gewaltig beeindruckt haben. Sie bemühten sich daher, diesen Ausnahmetormann in die Bayerische Puppenstadt zu holen.

Willi Schwenzl wurde auch von anderen bayerischen und außerbayerischen Vereinen umworben. Insbesondere Oberingenieur Karl Metz vom damaligen Kabel- und Leitungswerk Neustadt der Siemens-Schuckertwerke, der seinerzeit auch als Vorsitzender der Fußballabteilung des VfL 07 Neustadt fungierte, gelang es, Willi Schwenzl nach Neustadt zu holen. Er, der "Vater der Fußballabteilung", besorgte dem gelernten Elektroinstallateur eine Wohnung sowie einen Arbeitsplatz im Kabel- und Leitungswerk. Das war damals sehr viel wert! Willi Schwenzl erhielt als Anfangslohn 1,73 DM in der Stunde. Mit einer Familienzulage für Frau und Kind kamen da über 100 DM zusammen.

Zu dieser Zeit gab es noch keinen "bezahlten Fußball".

Der Verein schüttete vielleicht mal eine kleine Siegprämie aus, sorgte für einen einheitlichen dunkelblauen Bleyle-Trainingsanzug, den die Spieler vor und nach einem Spiel trugen, und spendierte ab und zu ein Essen. Und natürlich wurde auch immer wieder für frisch gewaschene und gebügelte Trikots gesorgt. Später, als "Vertragsspieler", konnte man mit monatlich etwa 50 bis 60 DM rechnen.

Willi Schwenzl trug sein erstes Spiel für den VfL 07 Neustadt am 27. September 1953 aus. Gegner in Bayreuth war die dortige "Zeitler-Elf". Der "Hüne von Tormann", über 1,90 Meter groß, löste im Laufe der Saison 1953/54 den Neustadter Alfred Baumgardten ab, der in den Jahren zuvor die Nummer 1 im Tor war.

Vorbildlicher Sportsmann

Als sich die "Neustadter Löwen" im April 1954 mit 45:11 Punkten nach 1950 erneut die bayerische und süddeutsche Fußball-Amateurmeisterschaft erkämpften, stand der Aufstieg in die Zweite Liga Süd fest. Ganz Neustadt war "aus dem Häuschen". Die Mannschaft des 1907 gegründeten Neustadter Traditionsvereins gehörte nun bis 1963 der damals zweithöchsten deutschen Spielklasse an und klopfte in dieser Zeit auch zweimal ans Tor der Oberliga Süd, der damals höchsten deutschen Spielklasse. Willi Schwenzl erwies sich in dieser Zeit als erstklassiger Torwart und vorbildlicher Sportsmann. Er war ein verlässlicher Rückhalt seiner Mannschaft. So trug er zu zahlreichen Siegen seiner Mannschaft durch glänzende und reaktionsschnelle Paraden bei. Er, der vor seiner Zeit in Würzburg auch beim Nürnberger Verein "Gostenhof 83" mit bestem Erfolg das Tor hütete, zeichnete sich durch sein sicheres Stellungsspiel und die Abwehr von Eckbällen aus. Er hatte das Format, wie man sich heute einen Bundesligatorwart vorstellt!

In der Saison 1955/56 übernahm Ludwig Wieder aus Nürnberg und ab 1958 Georg Bayerer aus München das Traineramt. Nach dem sensationellen Aufstieg war das "Neustadter Fußballwunder" in aller Munde. Nicht nur in Neustadt, sondern im gesamten Coburger Land brach eine "Fußballeuphorie" aus, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Da die Firma Siemens attraktive Arbeitsplätze zu bieten hatte - in Deutschland gab es damals noch keine reinen Berufsfußballer - konnten Mitte der 50er Jahre mit Jupp Pernutz (Arminia Bielefeld), Paul Breitschuh (Spvg Fürth), Heiner Schuster (Rotation Babelsberg), Herbert Weyh (VfR Kirn), Waldemar Sauermann (FC Bamberg) und 1960 mit Siegfried Kaiser (Chemnitzer FC) und Hermann Schweinshaupt (VfB Helmbrechts) namhafte auswärtige Akteure verpflichtet werden. Aus der näheren Umgebung kamen unter anderem Paul Richter (SV Neuses/Kr.), Max Büttner (FC Gehülz), Peter Martin (TBV Wildenheid), Werner Köhler (SC Hassenberg), Horst Löscher (Nürnberg) und Torwart Winfried Böhm (SV Neuses/Kr.). Aus eigenen Reihen standen unter anderem mit Heinz Thomalla, Erich ("Atze") Bauer, Reinhold Süßenguth, Ernst Wagner, Günther Schilling, Klaus Bräutigam, Eduard Heerlein, Torwart Willi Zier, später auch mit Peter Hanft und Emil Kirchner leistungsstarke Spieler zur Verfügung.

Bei vielen Heimspielen platzte das VfL-07-Stadion an der Sonneberger Straße aus allen Nähten. Die "Neustadter Löwen" lehrten viele renommierte Mannschaften (unter anderem Stuttgarter Kickers, Offenbacher Kickers, Waldhof Mannheim, Hessen Kassel oder den FC Freiburg) das Fürchten. Das Stadion an der Sonneberger Straße genoss quasi den Ruf einer "Festung" und die Neustadter Löwen waren wegen ihrer Heimstärke berühmt und berüchtigt. Bei vielen älteren Fußballfreunden sind besonders noch die Spiele gegen den FC Bayern München am 8. April 1956 (1:3) mit 11000 und am 6. April 1958 gegen TSG Ulm 46 (1:0) mit 12600 Zuschauern in Erinnerung. Im DFB-Pokal 1962 wurden die Erstligisten Kickers Offenbach und Spvg Fürth mit 1:0 ausgeschaltet und auf die Heimreise geschickt. Das "Aus" in der Pokalrunde ereilte den VfL 07 Neustadt schließlich bei den Münchner Löwen mit einem 3:5 nach einer 3:1-Halbzeitführung recht unglücklich.

Im Frühjahr 1960, im sechsten Jahr der Zweitliga-Zugehörigkeit, wurde der VfL 07 erstmals mit dem "Abstiegsgespenst" konfrontiert. Dr. Siegfried Wiegand von der Untersiemauer Polstermöbelfabrik Wagner, ein Freund und Gönner der heimischen Fußballszene, sorgte seinerzeit für einen Aufsehen erregenden Schachzug. Er holte "Weltmeister" Fritz Walter, der als Repräsentant der Firma Wagner auftrat, nach Neustadt. Der Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft übernahm bis Saisonende die Trainingsleitung und rettete den VfL 07 mit "Glanz und Gloria".

Neustadt, Nürnberg und zurück

Willi Schwenzl beendete 1962 als 37-Jähriger seine sportliche Laufbahn. 1969 zog es ihn nach Nürnberg zurück. Dort war er bis zu seinem Vorruhestand im Jahre 1984 weiterhin bei der Firma Siemens beschäftigt. In jenem Jahr verstarb seine Frau Liselotte. 1986 lernte er die Witwe Inge Eckardt, geborene Hüge, in Neustadt kennen, die er ein Jahr später heiratete. Seitdem lebte er bis zu seinem unerwarteten Tod im Jahr 2000 glücklich und zufrieden in seiner Wahlheimat Neustadt. Der Neustadter Fußballsport hat dem "Ausnahmetormann" viel zu verdanken. Viele, die ihn kannten, verbinden mit Willi Schwenzl aber nicht nur einen erstklassigen Tormann, sondern auch einen sympathischen, freundlichen und bescheiden gebliebenen Menschen.