Im Dorf der gequälten Kinder
Autor: Sandra Hackenberg
Coburg, Freitag, 04. März 2022
Im 3000-Seelen-Ort Kallmünz wurden jahrzehntelang Heimkinder missbraucht. Auch ein Mann aus dem Kreis Coburg. Hat niemand etwas mitbekommen? Eine Spurensuche.
Wilhelm* (Name geändert), 74, aus dem Kreis Coburg wurde vor über 60 Jahren im Kinderheim vom Direktor, einem katholischen Priester, missbraucht (wir berichteten). Die Vergewaltigungen schutzloser Jungen sind jedoch nur der Gipfel unfassbaren Leids, das den Kindern in den 50er und 60er Jahren dort in Kallmünz unter der Leitung des damaligen Direktors zugefügt wurde. Das Heim gibt es bis heute, der Priester ist auf dem örtlichen Friedhof beerdigt. Wie geht ein Ort mit solch einem Schandfleck in seiner Geschichte um?
Idylle
"Abseits von den modernen Verkehrsstraßen, ferne vom Getriebe der Städte, durchflossen von der bräunlichen Naab und der grünlichen Vils, die von da geeint der Mutter Donau zustreben, liegt (...) der Flecken Kallmünz, so traulich in seiner unberührten Frische, so wunderschön in seiner hoch romantischen Umrahmung, dass er auf jeden Naturfreund, der sich dahin verirrt, einen einzigartigen zauberhaften Reiz ausübt." So steht es in dem Reiseführer "Kallmünz, die Perle des Naabtals", 1904 herausgegeben von Johann Baptist Laßleben. Der Heimatforscher lebte in dem Ort, und war zweifelsohne stolz darauf.
Daran hat sich 118 Jahre später bei den knapp 3000 Einheimischen nichts geändert. Ein aus der Zeit gefallener Ort in der Oberpfalz, 30 Kilometer vor den Toren Regensburgs, wo die Flüsse Vils und Naab zusammenfließen und dem Spaziergänger die Orthodoxie in Form von Jesusfiguren, Kreuzen und Marienskulpturen an jeder Ecke ins Gesicht springt. Die Kallmünzer sind stolz auf ihre sechs katholischen Kirchen, die alte Burgruine oben auf dem Schlossberg und ihr Marktrecht. 2008 schmückte Kallmünz die Titelseite des Reisemagazins GeoSaison, und bei gutem Wetter pilgern dutzende Touristen durch die verschlafenen Gassen. Postkartenidylle pur. Über den dunklen Teil Kallmünzer Geschichte steht nichts in den Reiseführern.
Bürgermeister Ulrich Brey, gebürtiger Kallmünzer, hat als Kind in den 70er Jahren mit den Jungen aus dem Heim Fußball gespielt. Diese Kinder seien in Kallmünz voll integriert gewesen, erinnert er sich. "Das Kloster, wie wir das Heim bis heute nennen, war kein Sperrbezirk. Das waren alles Kinder von Kallmünz." Der 54-Jährige erzählt, wie er gemeinsam mit den Heimkindern auf den Feldern Kartoffeln geklaubt hat und empfand das als willkommene Abwechslung. "Uns hat das Spaß gemacht, das kannten wir von zuhause ja so nicht."
Keine Hinweise
Ob er jemals den Eindruck gehabt hat, dass die Heimkinder zu der schweren Arbeit gezwungen wurden, dass das Kinderarbeit ist? Ulrich Brey schüttelt den Kopf. "Das war eine andere Zeit. Klar, die Arbeit musste erledigt werden. Das Kloster hat sich ja damals selbst bewirtschaftet." In Gewächshäusern auf dem Gelände wurde Gemüse angebaut, aus den Äpfeln von der eigenen Plantage wurde Mus hergestellt, aus den Hagebutten Marmelade. Auch hätten die Heimkinder nie einen verstörten Eindruck gemacht, nie habe er blaue Flecken oder Striemen gesehen, die auf Misshandlung hingedeutet hätten.
Allerdings: Als Ulrich Brey zu den Heimkindern Kontakt hatte, war der teuflische Heimdirektor, Johann Baptist Mehler, bereits zehn Jahre tot, das Heim hatte eine neue Leitung - und die Zustände für die Kinder hatten sich in den 70er Jahren offenbar deutlich verbessert. Was sich hinter dem Eisentor und den Mauern des Geländes aber Anfang der 60er zugetragen hat, schildert Wilhelm (74) aus seiner Erinnerung:
Nach der morgendlichen Messe in der angrenzenden Kirche gab es für die Kinder eine Scheibe Brot und ein wenig Butter. Eine Küchenhilfe habe den Hunger der Kinder nicht mit ansehen können und ihnen heimlich aus einem Fenster manchmal Essen zugesteckt. "Wir mussten höllisch aufpassen, dass keine Ordensschwester das mitbekommt. Sonst hätte es wieder Schläge gesetzt. Und die Küchenhilfe hätte wahrscheinlich ihre Arbeit verloren."