Nanu?! So hat das Publikum der "Coburger Sommeroperette" die Waldbühne in Heldritt noch nie gesehen. Mitten im idyllischen Grün vor der überdachten Zuschauertribüne hat Bühnenbildner Frieder Klein vier wuchtige Container schräg neben- und übereinander türmen lassen. Graffiti schmücken die tristen Außenseiten. Hier haust das fahrende Volk, das im Titel der Strauß-Operette "Der Zigeunerbaron" verewigt ist. Container statt Wohnwagen oder sonstiger mobiler Unterkünfte? Warum eigentlich nicht. Zumal Frieder Klein seinen Containern noch allerlei raffinierte Details spendiert hat - reichlich Klappen zum Beispiel, die flotte Szenenwechsel auf offener Bühne möglich machen.

Dennoch muss sich angesichts der Container-Szenerie niemand Sorgen machen, dass Regisseur Vincent Wojdacki aus dem unverwüstlichen Meisterwerk des Walzerkönigs mit aufklärerischem oder anklagendem Eifer ein vermeintlich modernes Operetten-Flüchtlingsdrama machen will. Denn Wojdacki weiß genau, worauf es bei Freiluft-Musiktheater ankommt - auf lebendige Darstellung, auf szenische Verständlichkeit und auf die rechte Balance zwischen theatralischer Aktion und musikalischer Deutlichkeit.

Ganz bewusst sucht Wojdacki deshalb im reichlich verstaubt wirkenden Libretto von Ignaz Schnitzer nicht nach allerlei vordergründigen Aktualisierungs-Optionen, sondern hält sich an die Musik. Denn nur die Musik ist es, die dem Werk auch 130 Jahre nach der Uraufführung im Theater an der Wien noch immer treues Interesse beim Publikum sichert. Von Barinkays Auftrittslied ("Als flotter Geist") über das gesungene Selbstporträt des Schweinezüchters Kálmán Zsupán ("Ja, das Schreiben und das Lesen") bis zum Duett "Wer uns getraut" oder dem Werberlied "Her die Hand, es muss ja sein" reiht sich Hit an Hit, Melodie an Melodie.

In seiner Regie setzt Vincent Wojdacki vor allem auf sorgfältige Personenführung. Zugleich aber gelingt es ihm, auch die großen Chorszenen mit vielen Details lebendig wirken zu lassen. Vor allem aber achtet er darauf, der Musik stets genügend Raum zu Entfaltung zu bieten. Genau diesen Freiraum nutzt Ivan Boldog als musikalischer Leiter einfühlsam und stilsicher aus. Am Dirigentenpult führt er das Orchester der Sommeroperette stets umsichtig und präzis, lässt die Partitur lebendig atmen mit vielen kleinen Veränderungen des Tempos. Und er achtet darauf, dass die bei Freiluft-Aufführungen fast unvermeidlichen kleinen Schwankungen im Zusammenwirken von Orchester und Solisten samt Chor rasch aufgefangen werden.

Bis in viele kleinere Rollen hinein ist das Solistenensemble treffend besetzt. Allen voran: Harrie van der Plas in der Titelpartie. Als Sándor Barinkay, der nach einem Vierteljahrhundert zurückkehrt auf das inzwischen verfallene Gut seiner Eltern, findet er zwischen Ehrgefühl, verletztem Stolz und feuriger Liebe mit sicher geführtem Tenor schließlich doch noch den Weg zum Glück.

Und die Sopranistin Eva-Maria Misinski als Saffi, die sich als Tochter eines Paschas entpuppt, beweist ausgesprochene lyrische Qualitäten. "Der Zigeunerbaron" ist eine echte Chor-Operette. Der Chor der Sommeroperette (Einstudierung: Stefan Meier) erweist sich nicht nur als gründlich einstudiert, sondern gefällt auch durch seine ausdauernde Spielfreude. Kein Wunder, dass es auch dafür am Ende reichlich Applaus vom freudig gestimmten Premieren-Publikum gibt - ebenso wie für das agile Ballett (Choreografie: Jan Reimitz) und natürlich für das gesamte Ensemble samt Dirigent, Orchester und Produktionsteam. Trotz kleiner Pannen am Premierenabend - dieser "Zigeunerbaron" dürfte sein Publikum finden.