Gleiche Chancen für alle Kinder stehen im "Leo" in Coburg im Mittelpunkt
Autor: Wolfgang Desombre
Coburg, Donnerstag, 02. Februar 2017
Sprache ist der Schlüssel zur Welt und damit sollen die frühe Bildung und die Chancengleichheit im Kinderhaus "Leo" gelingen.
"Bruder Jakob, Bruder Jakob!" - so hört man es am Morgen so mancher Tage bereits, wenn man zur Eingangstür des Caritas-Kinderhauses "Leo" hereinkommt. Und ehe man die ersten Stufen erreicht hat, hört man die gleiche Melodie mit polnischem Text, dann kommt "Frère Jacques, Frère Jacques!", und ehe man sich versieht, erklingt das Lied in türkischer Sprache. Und so reiht sich Sprache an Sprache, so als gäbe es nichts Selbstverständlicheres.
Das Caritas-Kinderhaus "Leo" wurde für vier Jahre in das Bundesprogramm "Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist" aufgenommen. "Alltagsintegrierte sprachliche Bildung, inklusive Pädagogik und Elternarbeit seien die Ziele des Programms, welches die Chancengleichheit aller Kinder im Fokus hat", berichtete Caritas-Geschäftsführer Richard Reich.
Etwas Besonderes
Und so reiht sich Sprache an Sprache, so - als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, als am Morgen beim Betreten des Caritas-Kinderhauses LEO ein Lied in einer Fülle von Sprachen zu hören ist. Und man ist berührt, mit welcher Freude und Begeisterung die ganze Gruppe singt und strahlend zu den Kindern blickt, in deren Familiensprache oder in der Muttersprache gerade gesungen wird. "Arabisch, das ist neu und für Abdul und Pela!" so ruft Meja ganz begeistert, deren Vater das Lied den Kindern auf Schwedisch beigebracht hat. Und Pela und Abdul stehen strahlend neben ihr. Dann düsen die drei Kinder ab ins Bauzimmer, um gemeinsam zu bauen, zu konstruieren und für die beiden syrischen Kinder geht der Spracherwerb erst richtig los, denn im Spiel lernt und erlebt man Sprache am effektivsten.
Beschilderungen in verschiedenen Sprachen zieren Türen
Die Begeisterung für diese Sprachvielfalt ist aber auch noch an anderen Orten des Kinderhauses zu finden. Viele der Türen sind mit Schildern beklebt, die den jeweiligen Raum in den verschiedenen Sprachen benennen. Familien werden gebeten, aus der Heimat Beschilderungen mitzubringen und so hängt das chinesische Zeichen für Ziehen neben dem Aufkleber mit push und dem entsprechenden rumänischen Begriff. Im Gruppenraum gibt es einen Schreibtisch, der eine Menge von verschiedenen Schriften aufweist, ein großes Stempelset steht neben einem Sortiment von ungewöhnlichen Schreibgeräten, eine Übersicht der Namen der Kinder in koreanischen Schriftzeichen hängt neben dem lateinischen und kyrillischen Alphabet. Die große Anzahl von mehrsprachigen Bilderbüchern und CDs gehört zu den Medien, die die Kinder nutzen. "Wir lieben es international!", merkte die Leiterin des Kinderhauses Stephy Beck an und legt nach den deutschsprachigen Kinderliedern eine französische CD ein, welche die Kinder auch bereits zu kennen scheinen.Die Begeisterung für diese Sprachvielfalt ist aber auch noch an anderen Orten des Kinderhauses zu finden. Viele der Türen sind mit Schildern beklebt, die den jeweiligen Raum in den verschiedenen Sprachen benennen.
Familien werden gebeten, aus der Heimat Beschilderungen mitzubringen, und so hängt das chinesische Zeichen für Ziehen neben dem Aufkleber mit "pull" und dem entsprechenden rumänischen Begriff.
"Den Familiensprachen Raum geben, den Erwerb dieser zu unterstützen und wertschätzend zu begegnen, ist ein wesentliches Element, damit Integration gelingt und eine wertvolle Bereicherung für alle", so Stephy Beck. "Sprachkompetenz ist eine Schlüsselqualifikation für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und altersgemäße Sprachkenntnisse sind schon im Vorschulalter wichtig, damit die Kinder von Anfang an gleiche Bildungschancen haben", berichtete die sprachpädagogische Fachkraft Anne Reß. Die "Pädagogik der Vielfalt" sei das scheinbare Zauberwort, nachdem das Team des Caritas-Kinderhauses LEO die pädagogische Arbeit ausrichtet. "Vielfalt und Verschiedenheit gehören zum Alltag im Kinderhaus" bestätigte auch Anne Reß, die Sprachkraft. "Durch das Bundesprogramm Sprach-Kita" werden wir ermutigt, uns zusammen mit den Kindern und deren Familien, sowohl mit Gemeinsamkeiten und Stärken von Kindern, aber auch mit Besonderheiten auseinanderzusetzen." Man merkt der engagierten Pädagogin an, dass sie sich mit diesem Anliegen identifiziert, was ein Garant ist für die nachhaltige Umsetzung der Programmziele. Denn neben der sprachlichen Bildung und der inklusiven Pädagogik gehört die Zusammenarbeit mit den Eltern zu den Schwerpunkten der praktischen Umsetzung des Bundesprogramms.
Die Chancengleichheit aller Kinder steht im Mittelpunkt und die pädagogische Ausrichtung wendet sich ab von den Trainingseinheiten in Kleingruppen, hin zu sinnhafter sprachlicher Bildung. Denn nur wenn der Spracherwerb für Kinder Sinn macht, dann werden sie ermutigt mit anderen sprachlich zu interagieren. Somit ist die tragende Säule des Programms die alltagsintegrierte sprachliche Bildung, was bedeutet, dass sich das ganze Team des Caritas-Kinderhauses "Leo" dafür sensibilisierte, wo Sprachanlässe geschaffen oder unterstützt werden können. Zunächst liegt der Schwerpunkt auf der sprachlichen Interaktion zwischen den Kindern, hinzu kommt das sprachliche Vorbild der Pädagoginnen und Pädagogen. Eine anregende, vielfältige, korrekte, klare und lebendige Sprache gibt Kindern direkte Anregungen und eine Fülle an neuen Worten mit auf den Weg. Doch auch die Form der Gesprächsführung, die in einer Kindergruppe praktiziert wird, ist entscheidend. Die Pädagoginnen und Pädagogen setzen offene Fragen gezielt ein, helfen Sprachbarrieren zu überwinden, geben Sicherheit und Ermutigung durch aktives Zuhören und eine dialogische Haltung.
Immer wieder wird etwas Besonderes veranstaltet
Doch neben dem alltagsintegrierten Ansatz gibt es auch immer wieder besondere Ereignisse im Caritas-Kinderhaus "Leo", die Sprache in den Mittelpunkt der Arbeit rücken. Die Lesemarathons, die zusammen mit Eltern und Menschen stattfinden, die mit den Kindern des Kinderhauses verbunden sind, gehören sicher zu den Highlights im Jahresablauf. Den ganzen Tag wird ununterbrochen Bilderbuch um Bilderbuch auf dem großen Vorlesesofa vorgelesen. Die Kinder können bleiben solange sie möchten und immer wieder kommen, wenn sie ein Buch interessiert. Vorgelesen wird dabei von Eltern in deren Familiensprachen, von der Vorlesepatin Heidi Klein, Mitgliedern des Lions Club Coburg Veste, der Tanzpädagogin Gabriele Leithäuser-Heß und Mitarbeitern der Caritas. Und immer wieder kann man sich nur freuen, welche Anziehungskraft Bücher auf Kinder haben und welch wunderbare Welten sich für sie dort auftun und sie mit in diese entführt.Was umfasst das Bundesprogramm? Konkret bedeutet dies für das Caritas-Kinderhaus "Leo" eine zusätzliche pädagogische Fachkraft mit dem Schwerpunkt Sprache und Bildung, qualitativ hochwertige Fortbildungen in den Bereichen Sprache und Integration, sowie eine externe Fachberatung. Das Programm, welches das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestartet hat, ist auf vier Jahre angelegt.