Der Stoff weckt hohe Erwartungen. Nicht nur des Skandales wegen, den die "Steglitzer Schülertragödie" mit zwei Toten 1927 auslöste. Junge Menschen, denen noch alles möglich scheint, die noch nicht gesehen haben, dass "das Leben" nach unverständlichen Gesetzen, vielleicht nach gar keinen Gesetzen, jedem den Marsch bläst, meinen, nach eigener Kraft und Herrlichkeit bestimmen zu können, und sei es die Verweigerung: Wenn wir nicht das Höchste, die Liebe, selbstbestimmte Individualität kriegen, bringen wir uns um. Die Radikalität des jugendlichen Denkens mag später lächerlich scheinen, prägt aber oftmals für das ganze Leben. Und fasziniert immer.
Der Berliner Autor Arno Meyer zu Küingsdorf hat im Auftrag des Coburger Landestheaters diesen in seinem 1999 veröffentlichten Roman verwendeten Stoff nun für die Bühne bearbeitet.
Die Uraufführung von "Was nützt die Liebe in Gedanken" fand in der Regie von Gastregisseur Johannes Zametzer statt. Das theatrale Ergebnis? - Schwierig.
Das Stück ist an sich gehaltvoll, voller großer Fragen, Gedanken, Formulierungen. Die aber vorbeirauschen in den anderthalb Stunden Aufführungsdauer wie ein kurzes Funkeln am Erkenntnishimmel. Die stellenweise poetisch mehr oder weniger verdichtet, mehr oder weniger ernsthaft oder auch spaßig herumspringen. Zwischen faustischem Grübeln und modernem Poetry-Slam, dem jugendlichen Befinden ja gar nicht fremd.


Auftrumpfend

Aber schwer ergreifbar auf der Bühne und erst Recht durch den Zuschauer. Großmäulig tönend an allzu vielen Stellen von starken Gefühlen, dem Herzen, das ein tiefes Loch ist, auftrumpfend mit Worten und Sentenzen. Vielleicht bliebe mehr, wenn man den Text als reines, langsam verabreichtes Lesestück nähme, was aber nicht Sinn der Sache war.
Die Charaktere der fünf aufbrechenden jungen Menschen sind durchaus prägnant gezeichnet, nicht bis ins letzte verständlich, aber vorstellbar. Oder ist das dem fähigen Spiel der jungen Landestheaterschauspieler zu danken?
Hilde (Sarah Zaharanski) nimmt sich rücksichtslos, was sie an Zuneigung, Liebe, Sex haben will: Von ihrem Bruder Günter, dem anmaßenden, am weitesten gehenden Wirrkopf (Oliver Ba esler). Von dem Dichter Paul (Benjamin Hübner), der aus armen Verhältnissen kommend als einziger weiß, dass jederzeit Unglück droht. Von dem zupackenden, elementaren Haudrauf Hans (Ingo Paulick). Von der noch nicht erwachten Freundin Ellinor (Eva Marianne Berger), die sich mitzerren lässt. Kerstin Hänel als Pauls Mutter, Stephan Mertl als Vater der Geschwister und Nils Liebscher als Strafverteidiger Frey repräsentieren die Welt der Erwachsenen.
Regisseur Johannes Zametzer versuchte der papierenen Vorlage Bühnenleben einzuhauchen: Mit Spieltempo. Mit musikalischer Unterfütterung zwischen Zwanziger Jahre-Schlager und hartem heutigen Party-Sound. Mit zupackender Gestik. Die 18 Szenen lässt Zametzer an die Rampe rempeln, unter die Äste des großen, knorrigen, aber abgestorbenen Baumes kriechen, den Ausstatter Udo Herbster in die hintere Mitte der Bühne gesetzt hat, oder von den vielen variablen Schultafeln symbolhaft eingrenzen. Alles ist spaßig und dabei furchtbar ernst. Aber den Deklamationscharakter kriegt Zametzer damit auch nicht los.


Weiter abstrahieren?

Oder müsste man das Konstrukt Meyer von Küingsdorfs noch viel weiter in die Künstlichkeit treiben, um ihm in abstrahierter Gestalt fassbaren Gehalt abzugewinnen? Küingsdorf musste schnell agieren, nachdem das vorgesehene neue Stück von Tankred Dorst krankheitsbedingt nicht fertig wurde. Im jetzigen Zustand bleibt der Bühnentext - Liebe in Gedanken. Eine weitere Chance auf der Bühne, nach weiterer Bearbeitung, verdient er aber wohl.

Der Autor Arno Meyer zu Küingdorf wurde 1960 in Bad Oeynhausen geboren. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Als Schriftsteller widmet er sich kriminalistischen Stoffen, so mit dem Roman "Der Selbstmörder-Klub" (1999). Der Politthriller "Kreis des Schweigens" (1996) beruht auf dem immer noch nicht aufgeklärten Mord (1989) an dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen. Seit 2004 ist Küingdorf geschäftsführender Gesellschafter der Webdox-Portal GmbH.

Die Produktion Regie Johannes Zametzer, Ausstattung Udo Herbster, Dramaturgie Carola von Gradulewski. Darsteller: Oliver Baesler, Benjamin Hübner, Sarah Zaharanski, Eva Marianne Berger, Ingo Paulick, Nils Liebscher, Kerstin Hänel, Stephan Mertl

Weitere Termine 28. Januar, 5., 10., 12., 17. Februar, 19.30 Uhr im Großen Haus