Was nützt die Liebe in Gedanken? Was nützt die Freiheit, wenn man sie nicht ausschöpft? Was bringen all die vielen Möglichkeiten, die unser Hirn sich vor allem in der Jugend vorstellt, wenn wir so schnell ins Mittelmaß, ins Angepasste, in die Bequemlichkeit gehen?
"Was nützt die Liebe in Gedanken" ist ein Auftragsstück des Landestheaters, das am morgigen Samstag zur Uraufführung kommt. Der Berliner Autor Arno Meyer zu Küingsdorf sollte seinen Roman "Der Selbstmörder-Club" aus dem Jahr 1999 für die nächste Spielzeit dramatisieren. Er musste sich jetzt beeilen, weil das für die morgige Premiere vorgesehene Stück "Die Motivsuche", das der 90-jährige Tankred Dorst für seine Heimatregion schreibt, nicht fertig wurde. Das Landestheater gibt Tankred Dorst zu Ehren ab Sonntag eine Festwoche.
Nun tauchen wir zunächst ein in die aufbruchstärkste, aber auch gefährlichste Phase der menschlichen Lebenszeit, die Jugend. Wobei es sich weder bei dem Stück, noch bei der gleichnamigen Verfilmung von 2004 um ein "Jugendstück" handelt. Basierend auf der "Steglitzer Schülertragödie" von 1927, bei der zwei junge Männer starben, geht es um die Macht der Gedanken und Ideen auf das individuelle Leben und die Entwicklung von Beziehungen.
Weder der Autor des Stückes noch Gastregisseur Johannes Zametzer setzen auf den Kriminalfall aus den 20er Jahren, als die Oberschüler Paul Krantz und Günther Scheller einen "Selbstmörder-Klub" gründeten, um dann mit ihren Freunden zu sterben, wenn sie keine Liebe mehr empfinden würden. Im Juni 1927 tötete Günther Scheller zuerst seinen Geliebten Hans Stephan und dann sich selbst.
Paul Krantz setzte die Vereinbarung nicht um. Er wurde von der Anklage wegen Mordes und Anstiftung zum Mord später freigesprochen und verarbeitete die traumatischen Ereignisse als Schriftsteller unter Pseudonym und seinen späteren Namen Ernst Erich Noth in dem 1931 erschienen Roman "Die Mietskaserne". Der Fall erregte in der ganzen Welt Aufsehen, wobei man sich heftig aufgeilte an der angeblich zugrunde liegenden sexuellen Freizügigkeit der Jugendlichen.


Vieles ist einfach nur komisch

Der "aus Franken stammende" (so heißt es in seiner Vita) Regisseur Johannes Zametzer hat in Coburg schon "Warten auf Godot" und "Sunny Boys" inszeniert. "Was nützt die Liebe in Gedanken", das in den letzten Monaten in enger Zusammenarbeit zwischen Romanautor und Regisseur entstand, interessiert sich für die hinter dem Fall stehenden philosophischen Fragen.
Für großgestige Tragik oder gar Pathetik ist heute aber nicht die Zeit, weshalb Johannes Zametzer eher die komische Seite betont: "Dieses Himmelhoch-jauchzend-zu-Tode-betrübt der Jugend, diese Anmaßung, die Euphorie und die Allmachtsfantasien in dem spannenden Kaleidoskop der menschlichen Begegnungen..." - darauf blickt man doch später mit Kopfschütteln zurück.
Ernst aber nimmt Zametzer die Kraft und die Gewalt, die in jener Phase steckt, wenn noch alles offen ist, wenn nach Existenz gesucht wird und gesucht werden muss, wenn alle Möglichkeiten ein Spiel zu sein scheinen. Wenn der Glaube an Liebe und Glück noch nicht im Kleinlauten versunken ist.
Konterkariert werden die Ereignisse und Reflexionen durch die Erwachsenenwelt. Die Geschehnisse um den "Selbstmörder-Klub" werden immer wieder auch im Rückblick von der gerichtlichen Verhandlung aus beleuchtet.
Für die 18 Szenen hat Bühnenbildner Udo Herbster einen eher symbolisch wirkenden Raum um einen großen (Lebens-)Baum entworfen. Die schillernden Zwanziger Jahre mit ihrer Gier nach Vergnügung und Party werden für die eher zeitlose Inszenierung nur angedeutet. Die grundsätzlichen Fragen, die Radikalität des Lebensaufbruches, sind die immer gleichen. Und was Party-Geist und Exzessivität anbelangen, stehen wir den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts ja wohl kaum nach.

Der Autor Arno Meyer zu Küingdorf wurde 1960 in Bad Oeynhausen geboren. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Als Schriftsteller widmet er sich kriminalistischen Stoffen, so mit dem Roman "Der Selbstmörder-Klub" (1999). Der Politthrilloer "Kreis des Schweigens" (1996) beruht auf dem immer noch nicht aufgeklärten Mord (1989) an dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen. Seit 2004 ist Küingdorf geschäftsführender Gesellschafter der Webdox-Portal GmbH.

Der Regisseur Johannes Zametzer wurde 1954 in Franken geboren. Er studierte Philosophie, Literatur und Geschichte in München und Neapel. Erste Erfahrungen sammelte er an der Studiobühne der Universität Erlangen, 1981 holte ihn das "Theater in der Garage" als Hausregisseur nach Erlangen. Seit 1989 ist er fester Gast am Stadttheater Ingolstadt, Schauspiel Dortmund, Theater Regensburg, Landestheater Salzburg und Thêatre de la Ville Luxembourg, wo er mehrsprachige internationale Projekte realisiert. Seine Inszenierungen "Tätowierung" von Dea Loher und George Taboris "Mein Kampf" erhielten den Bayerischen Theaterpreis.

Das Stück In der flirrenden Atmosphäre des Berlins der Zwanziger Jahre feiern die Geschwister Günter und Hilde wilde Partys, verlieben sich kreuz und quer und wollen ihr Leben in vollen Zügen genießen. Die beiden Freunde Günter und Paul treffen eine Verabredung: Aus Furcht vor einem Leben, das sich in Zwängen abspielt, wollen sie am Höhepunkt in einem Akt der Selbstbestimmung aus dem Leben scheiden. Am frühen Morgen nach einer von Alkohol und Eifersuchtsszenen verzerrten Nacht wird aus diesem Spiel mit dem Tanz am Abgrund Realität...

Die Produktion Regie Johannes Zametzer, Ausstattung Udo Herbster, Dramaturgie Carola von Gradulewski. Darsteller: Oliver Baesler, Benjamin Hübner, Sarah Zaharanski, Eva Marianne Berger, Ingo Paulick, Nils Liebscher, Kerstin Hänel, Stephan Mertl.

Premiere Samstag, 23. Januar, 19.30 Uhr im Großen Haus.